Klawdija Gurjanowna sang meisterhaft. Wenn sie allein in ihrem Zimmer war, sang sie oft ein Straßenlied, das man sonst mit Ziehharmonikabegleitung im dritten Hinterhof singt. Die Worte handelten von Liebe: er liebte sie, sie liebte ihn nicht, dann heiratete sie einen anderen, und die Sache war aus; aber er liebte sie noch immer, kann sie nicht vergessen, ›irrt wie ein Grashalm‹ unter den Menschen umher und ›sieht sie immer und überall vor sich‹ . . .
O wär diese Nacht
Nicht so schwül, nicht so schön,
So müßt nicht das Herz
Vor Wehmut vergehn . . .
Atja hörte in diesem Liede etwas, was seinen eigenen Gefühlen verwandt war: auch seine Prinzessin stand ›immer und überall‹ vor ihm.
Es war ihm, als ob die ganze Welt nur ihretwegen existierte; man durfte aber weder laut von ihr sprechen, noch ihren Namen nennen. Alle warteten auf sie und bewahrten diese Erwartung wie ein Heiligtum in ihren Seelen. Das war der Grund, warum man in Kljutschi, wenn in der Ferne das Glöckchen ertönte, vor das Tor hinauslief und mit stockendem Atem auf die Straße blickte: ob sie nicht schon käme? Und wenn Großvater in der Kirche die Messe las, wenn er die Arme hob und leise über dem Kelch betete, so
betete er zu ihr. Und wenn die Patin lustig war, wenn ihr alles gut gelang, so kam es daher, weil sie von ihr geträumt hatte. Und wenn Sascha und Panja den ganzen Tag lachten, ohne selbst zu wissen warum, so hatten sie wohl irgendwie erfahren, daß sie nach Kljutschi kommen sollte. Und wenn Kusmitsch ein Märchen plötzlich abbrach und sagte, daß er das Ende nicht erzählen werde, und über seine Lippen ein Lächeln glitt, so war auch das verständlich: das Ende des Märchens handelte von ihr; wie konnte er das geheime, unaussprechliche Wort aussprechen? Atja selbst dachte immer nur an sie; darum lachte er, darum leuchteten seine Augen . . .
»Atja hat sich in Klawdija Gurjanowna verliebt, ich gratuliere!« scherzte die Mutter.
»Folglich bleibt er das zweite Jahr in der ersten Klasse sitzen!« fügte Onkel Arkadi kaltblütig hinzu.