»Ich muß mir etwas Neues ausdenken«, quälte sich Atja. »Ich muß mir einen Finger abhacken und ihn ihr bringen, oder ein Auge ausstechen . . . Soll sie es nur fühlen!«

»Der Großvater hat Schuld«, klagte die Mutter dem Doktor. »Ich weiß ja, was sie dort in Kljutschi treiben. Der Bengel ist ganz außer Rand und Band und will nichts lernen. Bald verliebt er sich in Klawdija Gurjanowna, bald phantasiert er von einer Mymra . . .«

Der Doktor vertrat in seiner Praxis die Ansicht, daß jeder Unsinn von Magenverstopfung käme, und behandelte daher seine Patienten vorwiegend mit einem Gemisch aus Bier und Rizinusöl; auch in Erziehungsfragen war er stets für die Anwendung ebenso radikaler Mittel. Er beschloß daher, Atja bei der ersten Gelegenheit ordentlich zu verhauen. Die Umstände fügten es aber, daß es ihm auf keine Weise gelingen wollte, Atja zu diesem Behufe einzufangen: entweder hatte er keine Zeit, oder Atja war gerade im Gymnasium, oder er war zwar nicht im Gymnasium, aber nicht aufzufinden: als ob er in die Erde versunken wäre.

Eines Morgens sah der Doktor ins Kinderzimmer

hinein: Atja saß im Hemd auf dem Bett und dachte über etwas nach. Der Doktor schlich mit verhaltenem Atem zu ihm hin: nur noch ein Schritt, — und er wird Atja erwischt und ihn so durchgebleut haben, daß er sein Lebtag daran denken wird; der Riemen in seiner Hand zittert bereits vor Freude. Atja ist aber nicht so dumm, sich gutwillig zu ergeben. Hopp — die Fersen flimmerten nur so in der Luft! Rette sich wer kann! Ohne viel zu überlegen, rannte er wie der Blitz zu Klawdija Gurjanowna.

Die Tür war nicht verschlossen. Klawdija Gurjanowna lag noch im Bett. Atja kroch zu ihr unter die Bettdecke. Er hörte noch, wie der Doktor eine Weile draußen vor der Tür stand und schließlich mit langer Nase abzog.

»Oh, du meine Prinzessin! Du hast mich vom Tode errettet«, flüsterte Atja. Ihm war schwindelig vor Glück. »Du wirst mir vergeben: ich bin eigenmächtig, ohne eine Insel, ohne irgend etwas zu dir gekommen . . . Du wirst mir vergeben . . . Es ist mir noch nicht gelungen, dir ein Königreich zu verschaffen; ich werde es aber noch beschaffen: Indien, das Weiße Meer, alle Inseln und alle Länder . . . und alles, alles . . .«

Ihm stockte der Atem . . . ihm war, als hätte seine Seele ihre Seele mit solcher Gewalt umarmt, daß sein Herz plötzlich herausspringen wollte und sein ganzer Körper erbebte: sie war ihm jetzt so nahe, die unzugängliche, stolze Prinzessin Mymra.

Klawdija Gurjanowna bedeckte ihr Gesicht, mit der Hand und lachte in sich hinein.

»Darf ich?« fragte plötzlich eine Stimme hinter der Tür.