Sonderbar war das Gesicht dieses stark ergrauten, sich immer gleichbleibenden Herrn. Die Jahre gingen, er hatte die Vierzig längst hinter sich, und doch lag immer der gleiche Ausdruck auf seinen unveränderlichen, gleichsam versteinerten Zügen; wenn sich alle in Lachkrämpfen wanden, blieb das totenblasse Gesicht des Sonderlings ganz regungslos, und niemand sah ihn lachen oder lächeln. Man sah nur unheimliche Funken in seinen unbeweglichen, eingefallenen Augen glimmen. Wenn er mit seinen Witzen nur so um sich warf, mußte man seltsamerweise immer an eine mechanische sprechende Puppe denken, und als jemand einmal versuchte, das, was er sprach, aufzuschreiben, da standen auf dem Papier ganz gewöhnliche Worte ohne jede komische Wirkung.

Obwohl also sein seltsames Aussehen sowenig zu seinen Scherzen paßte, fiel es doch niemandem ein, zu untersuchen, worauf die Wirkung seiner Worte beruhte und warum sie überall Lachen und Fröhlichkeit hervorriefen. Es gibt aber Menschen, die gern jedem Rätsel auf den Grund kommen — solche Käuze findet man überall —, und diese gaben eine treffende Erklärung: sie sprachen von geschicktem Mienenspiel, von fein berechnetem

Satzbau, vom ungewöhnlich scharfen Blick seiner Augen — alles war ihnen klar und verständlich. Glücklicherweise merkte sich niemand diese abgeschmackten Erklärungen. Niemand fragte nach den Gründen, alle kugelten sich vor Lachen — was wollte man noch mehr?

Pjotr Nikolajewitsch bekleidete keinerlei Ämter und zeigte auch gar kein Interesse für öffentliche Angelegenheiten. Vor Jahren war er einmal zum Adelsmarschall des Bezirks gewählt worden. Man denkt noch heute mit Grauen an diese Zeit! Niemand kann zwar behaupten, direkte Unannehmlichkeiten während Suchotins Amtstätigkeit gehabt zu haben; im Gegenteil: es war die lustigste Zeit, und alle Amtsgeschäfte wurden von ihm in überaus lustige Streiche verwandelt; doch im Resultat entstand ein solches Durcheinander, es kamen solche Ungereimtheiten und noch Gott weiß was für Dinge an den Tag, daß sich niemand mehr auskannte. Jeder, der Pjotr Nikolajewitsch nicht genauer kannte, mußte im besten Falle glauben, der Adelsmarschall sei nicht bei Trost. Ich glaube sogar, daß in Petersburg — in einem Salon oder bei einem Vortrag beim Minister — sich jemand gerade in diesem Sinne ausgesprochen hat. Zum Glück hatte das keine weiteren Folgen.

Jeder Mensch hat doch seine Eigenheiten; warum sollte da Pjotr Nikolajewitsch eine Ausnahme bilden?

Pjotr Nikolajewitsch hatte die Passion, alles zu

ordnen und aufzuräumen; er machte das auf eine so scharfsinnige Weise, daß es nachher sehr schwer und oft sogar ganz unmöglich war, einen von ihm eingeräumten Gegenstand zu finden: viele Dinge, und selbst solche, die man dringend brauchte, gingen spurlos verloren. Dann liebte er es, die Möbel — Tische, Stühle und Etageren — umzustellen, Bilder umzuhängen und die Bücher in der Bibliothek umzuordnen; damit füllte er gewöhnlich den ganzen Vormittag aus. Beim Mittagessen bevorzugte er die süßlichen Fleischspeisen, wie Eingeweide, Hirn und Kalbsfüße, und da er im Essen unmäßig war, verdarb er sich oft den Magen und klagte über Leibschmerzen. Eine weitere Liebhaberei von ihm war das Heizen der Zimmeröfen: es fror ihn beständig, und er ging mit einem langen Schürhaken von Ofen zu Ofen und rührte die Glut um. Er liebte es, sich mit Dienstboten und Bauern in Gespräche einzulassen; obwohl solche Gespräche immer mit der Erörterung ernsthafter Angelegenheiten begannen, endeten sie doch immer mit irgendeinem Unsinn, was höchst unerwünschte Folgen hatte: nicht nur daß die Leute vor Pjotr Nikolajewitsch keinen Respekt hatten, sie glaubten — offen gestanden — kein Wort von dem, was er sagte. Außerdem versprach er ihnen ganz unmögliche Dinge; so schenkte er einem jeden etwas von seinem Landbesitz, freilich ein nicht sehr großes Stück: nur drei Schritt lang und einen Schritt breit — so ein närrisches Maß hat er sich ausgedacht!

Was noch? Ja, er hatte die Leidenschaft, eigenhändig Geflügel zu schlachten, und konnte es darin mit jedem Küchenmeister aufnehmen: niemals entriß sich ihm ein Huhn mit halbdurchgeschnittenem Hals, oder rannte gar ohne Kopf flügelschlagend umher, wie es bei minder geschickten Köchen vorkommt. Schließlich sah er sich gern Leichen an, und je grauenhafter so ein Toter aussah, je fortgeschrittener die Verwesung war, desto mehr Genuß hatte er von dem Anblick. Sooft im Dorf jemand starb, mußte es der Dorfpope, P. Iwan, in das Herrenhaus melden; sofort wurde der Wagen angespannt, und Pjotr Nikolajewitsch ließ alles stehen und liegen und eilte an den Ort oder nach dem Hause, wo die Leiche lag.

Suchotins Frau — Alexandra Pawlowna — spottete manchmal höchst gutmütig über die Liebhabereien ihres verwöhnten Mannes, dem sie übrigens in inniger Liebe zugetan war; man hätte auch alle diese Eigenschaften, die schließlich Pjotr Nikolajewitschs Privatangelegenheiten waren, kaum beachtet, wenn nicht ein unsinniges Gerücht aufgetaucht wäre, das die Ehre und den guten Ruf von ›Gottessegen‹ in Frage stellte.

Vor zwei Jahren kam aufs Gut ein alter Freund Pjotr Nikolajewitschs, der ihn noch vom Petersburger Lyzeum her kannte und seit jener Zeit nicht mehr gesehen hatte. Der Grund des plötzlichen Erscheinens dieses Gastes blieb unbekannt; niemand fragte ihn danach, und sein Kammerdiener