Und dieser Tag brach an, aber der Vater kam nicht.

Die Mutter bemühte sich, ihre Erbitterung vor dem Kinde zu verbergen. Sie weinte nicht; sie saß wieder am Fenster und blickte wieder auf die Landstraße hinaus. Aber der Knabe fühlte mit seinem ganzen kindlichen Wesen den Kummer,

der auf ihrem Herzen lastete, der sie marterte und ihr Herz vor Kälte zusammenschrumpfen ließ. Er wollte ihr helfen, wußte aber nicht wie, und weinte auch selbst still in sich hinein.

Die Rückkehr seines Vaters nach Krutowrag war sein sehnlichster Wunsch.

Immer wieder kamen Briefe vom Vater. Er schrieb immer wieder um Geld und bestimmte von neuem den Tag seiner Ankunft. Und der Tag brach an, doch der Vater kam nicht.

Einmal, als seine Ungeduld aufs höchste gesteigert war und er nicht länger warten konnte, lief er auf die Landstraße hinaus, rannte eine weite Strecke, ohne stehenzubleiben, kehrte dann plötzlich um und eilte mit zusammengekniffenen Augen dem Hause zu.

»Vater kommt! Vater kommt!« rief er seiner Mutter mit so echter Freude und so felsenfester Überzeugung zu, daß sie und auch er selbst plötzlich ein Glöckchen in der Ferne zu hören vermeinten.

Sie zweifelte nicht, sie lief auf den Hausflur hinaus, fiel auf die Knie, umarmte den Sohn und hielt ihn fest umschlungen, wie ihren einzigen Schutz, wie einen geliebten Bruder, wie den treuen Zeugen ihrer bitteren Leiden, ihrer schlaflosen Nächte und all ihrer Erbitterung. Sie konnte sich nicht länger beherrschen, sie lachte und weinte und stieß plötzlich einen Schrei aus, der ihr aus der Tiefe des Herzens drang.

Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße

hinaus; es war, als ob sie zusammen nur ein Paar Augen hätten, mit denen sie hinausblickten . . . Sie glaubten und zweifelten zugleich. Und das Glöckchen läutete noch immer in der Ferne.