Es war allerdings nichts Besonderes, ein, ganz gewöhnliches Erlebnis.
Gibt es denn im Leben auch viel Ungewöhnliches?
Sergej Sergejewitsch dachte in seinen späteren Jahren mehr als einmal an dieses Erlebnis zurück; er prüfte sich und saß über sich selber zu Gericht und verantwortete sich vor sich selbst.
Er hatte schon längst eingesehen, daß eine Handlung durchaus nicht besonders auffallend und außergewöhnlich zu sein braucht, um für immer im Gedächtnis haftenzubleiben; daß auch
etwas ganz Unbedeutendes, etwas, das man kaum merkt, sich wie ein winziges Stäubchen in der Seele festsetzen kann.
›Ein Komet fliegt vorbei, ein Stern stürzt vom Himmel, ein Erdbeben vernichtet eine ganze Stadt — das kann für dich schon am nächsten Tage seine ganze Bedeutung verlieren und farblos werden; du kannst es vergessen wie den gestrigen Schnee; zuweilen kann aber irgendein bescheidenes Lichtchen — ein irgendwo unter einer Brücke flackerndes Flämmchen oder die qualmende Petroleumlampe in einer dummen Straßenlaterne, die wie eine Hopfenstange unter deinem Fenster aufragt, oder sonst ein Unsinn dir für dein ganzes Leben im Gedächtnis bleiben.‹
Ja, er dachte viel darüber nach, und wie er so über sich selber zu Gericht saß und sich vor sich selbst verantwortete, blickte er in die dunkelste Tiefe, in den trübsten Bodensatz seiner Seele hinein.
Kann man da aber viel sehen? Und wenn man sieht, viel erkennen? Und wenn man auch etwas erkennt, vermag man es denn richtig wiederzugeben? Und wenn man es auch kann, hat man den Mut dazu?
Mord und Betrug, Lüge und Verrat sind schwere Vergehen, große Sünden, die von allen Gesetzen bestraft werden. Was kommt aber dabei heraus? Der Mord läßt den Mörder vollkommen kalt; er denkt überhaupt nicht mehr an ihn! Was er aber bis zu seinem letzten Atemzug tragen
muß, was seine Qual, sein Lohn und seine Strafe ist, was im Augenblick der Tat sein ganzes Sein erfüllt, das ist gar nicht der Mord, sondern das ist dieses, daß er einmal einen Tag, eine Woche, ein Jahr oder vielleicht zehn Jahre vor dem Morde ein zudringliches Mädel, das ihn auf der Straße anbettelte, von sich gestoßen hat — es gibt solche kleine Bettlerinnen, die einen auf der Straße verfolgen und schmierige Zettel mit Prophezeiungen zum Kauf anbieten: ›Herr, kaufen Sie mir doch einen Glückszettel ab!‹ — Es handelt sich auch gar nicht darum, daß er das Mädel, das ihm sein Glück zum Kauf anbot, von sich stieß, sondern darum, daß das frierende Mädel ihm einen Blick zuwarf, einen Blick, den er sein Lebtag nicht vergessen wird.