„Lieber Bauer, was sucht der Ritter Paolo in der Heide?“

„Er findet nicht aus noch ein. Die Heide ist ein Unglück. Er sollte wegziehen. Er kann nicht gesund werden. Und Hilfe gibt es nicht.“

Sie hörte es mit Glück, denn sie wußte es schon lange. Sie spielte auf ihrem Zimmer mit Eidechsen, die sie fing. Als Paolo sie einmal unter Lächeln klagen hörte, sie suche im Grunde nur nach dem Tier, das so laut scharre und murre und raschele, meinte er, nach einem langen, schüttelnden Gelächter, er wolle einen Dichter einladen, den er kenne in der Stadt. Der solle sie mit Märchen und seltsamen Geschichten unterhalten. Es sei ein seelenkundiger Mann.

Am nächsten Mittag spazierte über den breiten Hauptweg der Dichter auf das Schloß. Sie saßen zu dritt bei Tisch. Dann lud Paolo ihn ein, den Arzt zu spielen bei Miß Ilsebill und ihre Schwermut zu beheben. Denn es scheine ihm eine Art Schwermut zu sein, was in ihr scharre und raschele und sie zu verschlingen drohe.

Der Dichter sprach mit ihr auf ihrem Balkonzimmer. Es war ein schlanker junger Mann mit langen Armen und mit freien Bewegungen. Er fuhr über sie mit herrscherischen Blicken. Sie lachten zusammen, über ihre Bilder gebückt. Er bat sie, sie möchte tanzen, als schon die Lust dazu in der Wilden erwacht war. Sie tanzten zusammen unter Ilsebills letztem Schleier, und die Entfesselte sprang mit ihm auf den Balkon und lachte mit einmal über das Schloß und den Sumpf und die scharrenden Tiere.

Sie krümmte sich über das Eisengitter, schrie ihr Gelächter über die dämmrige Heide hin.

Wahnsinnig, ja wahnsinnig wäre sie selbst. Wahnsinnig und eine Leiche sei sie, hier geworden. Eine Leiche bei lebendigem Leibe. Mögen alle vorsintflutlichen Drachen ausbrechen und Paolos Glück morden. Sie kenne nur ein Tier, das ausbrechen wolle, und das sei sie selber.

Sie streckte ihre runden Arme über sich, rief das Meer an. Sie wolle wieder fort. Sie wolle reisen und wandern und wolle immer lieben und immer küssen. Und eh die Dunkelheit einbrach, ging der Dichter. Trällernd riß sie ein grünes Blatt aus ihrem Haar und steckte es zwischen seine Lippen.

Kaum war es finster im Schloß geworden, da warf sich Miß Ilsebill ihr schwarzes Tuch um, nahm noch mit glühenden Wangen eine Kerze in die Hand und belud ihren linken Arm mit zwei Scheiten Holz. Sie wollte zum Schluß die Felsenkammer in Brand stecken und dann in Nacht und Nebel verschwinden. Auf dem Meere wartete schon die Jacht, die der Dichter zur Flucht besorgt hatte.

Den dunklen Gang keuchte sie hin. Aus dem Dunklen, ihr entgegen, kamen Schritte. Die Scheite ließ sie über die Knie leise zu Boden gleiten. Es war Paolo. Der sie nicht fragte, ihre Kerze sachte an den Boden stellte, sie zärtlich, ohne zu sprechen, streichelte über Haar und Hände. Die schwarzen Augen Miß Ilsebills schlüpften nicht fort von seinen, die in ihr suchten, voll Teilnahme blickten und einen erschreckenden Trost spendeten, schlüpften nicht ab von der ruhigen Aufgeschlossenheit seines heiteren Gesichts. Seine schräggestellten Augen strahlten über sie gar eine Dankbarkeit, sein Mund näherte sich zum ersten Male ihren Lippen und küßte sie. Er sagte, sich von ihr lösend, er ginge noch heute in die Stadt.