Es war ein warmer Tag. Bei den Fahrten am Spätnachmittag zeigten sich die Gefährten Wangs besorgt um die Bottiche, die offen auf den zweirädrigen Karren standen. Sie gingen klopfend an den leeren Gefäßen vorbei, bückten sich tief hinein, wobei sie den Inhalt ihrer Flaschen unbemerkt auf den nassen Boden gossen.

So fuhr der entsetzliche Zug der Wahrhaft Schwachen zum letztenmal mit den wassergefüllten Wagen durch die Mongolenstadt, Wang an der Spitze, kehrte mit geleerten Bottichen durch das Tor herunter, das hinter ihnen geschlossen wurde. Rasch spülten und wuschen sie die Bottiche aus, brachten die Karren zurück. Einer lief in das Haus, wo der alte Mann lag, schnitt ein Loch in die Kuhhaut, so daß sich der Hilflose befreien konnte.

Auf den Mauern herrschte bei den Bewaffneten noch bis in den Abend hinein rege Tätigkeit. Es hieß, daß Wang-lun mit einer großen Heeresmacht ihnen zu Hilfe kommen würde; über die Zahl der Entsatztruppen stritt man sich, aber sie war jedenfalls ungeheuer, viel größer, als der Tsong-tu der Provinz aus eigener Kraft aufbringen konnte. Unterhalb der Mauern, innerhalb der Stadt hatten sich die Bewaffneten, die Mitläufer Ma-nohs, eine Reihe von flachen Hütten aufgeschlagen aus dem Fachwerk der angrenzenden Häuser, die ihnen nicht geheuer waren. Hier lagen große Schutthaufen, Backsteine; tiefe Gruben hatte man geschaufelt, in die man Wasser laufen ließ, soweit man welches heranschaffen konnte, um Lehm zu bereiten. Binsen und Schilf lagerte in hohen Schichten in den anstoßenden Straßen. Man schleppte die Fuder heran, um Lücken in den Mauern zu dichten, Lehmmassen zu sichern. An diesem Abend wuchs der Lärm der Arbeiter außerordentlich. Eine riesige Mauerlücke, die man aus Mangel an Zeit nur oberflächlich mit Backsteinen verdeckt hatte, sollte ausgefüllt werden. Die ganze Tiefe war schon mit losem Geröll, Sand- und Lehmmassen, Halmen verstopft. Das Tor nach der unteren Stadt war geschlossen, mit Querstangen verdeckt. Die Städter verrammelten das Tor auch von außen, um einen Kampf zwischen den Provinzialtruppen und Belagerten auf die obere Stadt zu beschränken.

Die Männer liefen im Halbdunkel durcheinander. Ihr Arbeitsdrang war unbezähmbar. Halb nackt, mit strammgegürteten Hosen rannten sie vor dem großen Mauerloch, stürzten mit kleinen Schilfbündeln hinein, glitten aneinander vorüber. Einer schrie, warum der andere so wenig nehme; der schulterte sein Bündelchen hoch: ob das nicht genug wäre. Sie schleppten auf Holzmulden ungeheuerlich getürmte Steinmassen, die ihnen wie Wellen über Köpfe und Füße rasselten. Sie rannten unermüdlich mit anscheinend maßlosen Kräften herein, heraus, polterten hin, bluteten.

Auf der Mauer neben dem Durchbruch wurde ein starker Arbeiter müde; er klatschte einem langen Maurer eine Hand Lehm auf den Buckel. Sie schwatzten und kicherten schon seit einer Stunde über einen Maultiertreiber, der heute morgen statt getrockneter Datteln Säcke voll Sand in die Neustadt geschleppt hatte; erst auf dem Markt bemerkte er, daß er unterwegs bestohlen und betrogen war. Als sich der Maurer umdrehte, platzte ihm aus zwanzig Mäulern ein brüllendes Gelächter entgegen. Sie kugelten hin, wälzten sich auf die Seite, um in Ruhe das Gelächter an ihren Bäuchen massieren zu lassen, die Beine in die Luft zu stochern und das Zwerchfell zu schwingen. Andere rüttelten die Leitern hinauf, schrien mit: „Wie sieht der aus! Wie sieht der aus!“ Und gurrten über sein sonderbar geschwollenes Gesicht, seine kolbenförmige Nase.

Der Lange fixierte den vierschrötigen Tischler, wischte ein paarmal über die Nase, schimpfte auf die elenden Zwiebeln, die sein Freund ihm in den Bohnenbrei getan hätte; davon würden ihm die Augendeckel und die Nase dick. Und er schlug bekräftigend dem Tischler, der das Schlucken bekommen hatte, in die Weiche.

Der bog sich zusammen auf diesen Hieb; sie fingen an, sich bei Hälsen und Hüften zu kriegen. Erst hetzte man; als die beiden sich ringend über den Rand der Mauer wiegten, raffte man sie tumultuös auseinander: „Es muß entschieden werden. Vors Gericht! Sie müssen es austragen. Vors Gericht! Vors Gericht!“

Drängten die Leitern herunter, als gäbe es in der Mongolenstadt ein Gericht für sie.

Auf dem Wege durch die anliegenden Gassen wurde ihr Haufe größer. Ein gellender Lärm wälzte sich mit ihnen; sie hatten kein Maß für die Stärke ihrer überschlagenden Stimmen. Einige von ihnen schleppten Balken hinter sich. Man stolperte darüber, aber sie zogen sie fest hinter sich her, um sie gelegentlich fallen zu lassen, ohne es zu merken. Andere steiften die Rücken und trieben die Schulter hervor unter ihrer leeren Holzmulde, die sie mit fest zupackenden, steinharten Muskeln drückten, fluchten über den raschen Schritt der andern, und sie könnten nicht mit.

Zwei ältere Handwerker, mit nacktem schwarzbraunen Oberkörper, betasteten an einer Straßenecke die Balken, die liegen geblieben waren. Ein Balken war über einen breiten Stein gefallen. Die beiden grinsten sich an, von entgegengesetzten Seiten an dem Holz entlang suchend, bis sie dicht nebeneinander standen, ihre Hände sich berührten und sie nun, den Balken zwischen den Beinen, Platz nahmen, sich schaukelten und dabei fortwährend sich ehrerbietig voreinander verbeugten und sich pathetisch Glück wünschten zu der Begegnung. Sie baten einander vorlieb zu nehmen mit den gegenwärtigen Umständen, sanken, als sie die Hände beteuernd schwingen wollten, seitlich ab und lagen da, der eine quer über den Beinen des andern, schmerzlich sich entschuldigend für die Unvorsichtigkeit, tasteten sich an den Hosen des andern entlang.