Auf den Dächern, die flach aneinander stießen, sangen einige. Sie sangen von der Großen Überfahrt. Ihre Hände bewegten geträumte Gebetsklingeln. Sie predigten zueinander herüber. Sie schrieen nach den glänzenden Spitzen der Kaiserherrlichkeit, die sie sahen; ganz nahe daran waren sie. Und wenn einer die bellenden Stimmen jenseits der Straße hörte, seufzte er: „Bruder!“, mit tränenden Augen, entzückt. Sie erhoben sich und zersprengten ihre Schädelkapsel auf der Straße, zermorschten im Fall einen Sterbenden.

Als die Nacht vorrückte und viele auf den Gassen, in den Erdlöchern, unter den Dächern phantasierten, blies ihnen etwas streifig Helles, Weißes, Spitzkühles in den Nacken über den Hinterkopf herauf. Sie wurden, wenn sie sich umwandten, von einem unsichtbaren Dämon ergriffen; auf einen Schrei riß etwas ihren Körper zuckend in die Länge, streckte ihn in einer Spannung hin, als sollten Füße, Hände, Kopf vom Rumpf dehnend abgerissen werden. Und dann schleuderte es die Glieder hin und her, rollte den Leib wie einen zerfließenden Kuchenteig. Wenn sich die Menschen schweißtriefend von dem Kampf erholten, schrien sie über die Feigheit des Dämons. Er möchte einmal wieder herankommen, sich nicht verstecken. Sie stierten mit glasigen Augen, speiend, um sich. Und er kam wieder. Mit einem Ruck hatte er sie gefaßt. Sie grätschten und schnellten, wie vom Katapult geschossen, zusammen. Bis die lange Starre ihre Sehnen eisenhart anfaßte, in schwerster Wut nicht losließ. Und wenn sie sie losließ, so blinzelten sie noch sonderbar und vergaßen zu atmen.

Als Abends von den Mauern aus ein Lärm in die Mongolenstadt hinein sich fortpflanzte, fuhren die Nachtwächter eilig in der unteren Stadt schwere Holzblöcke auf Ochsenwagen heran, häuften sie vor dem Tore nach der oberen Stadt auf. Sie durften keinen Eingeschlossenen herauslassen. Es schlug von innen gegen das Tor.

Das Toben drin nahm von Augenblick zu Augenblick zu; bald mußte die ganze untere Stadt geweckt sein.

Nun wirbelten drei Wächter ihre Trommeln durch die Straßen, weckten die hundert ehemaligen Provinzialsoldaten, die über die Stadtteile verstreut, noch Waffen bei sich hatten; sie sollten kommen, um einen Ausbruch der offenbar angegriffenen Sektierer nach der unteren Stadt zu verhindern. Wie die Soldaten anliefen, die Wachtürme der Stadt erstiegen, lag das Feld bis an die Kieferwaldung im umwölkten Mondlicht regungslos da; völlige Finsternis in den Straßen der Mongolenstadt, in der das tausendfältige Gebrüll, Kreischen und Heulen brodelte. Der Feind mußte schon in der Stadt sein. Aber das Unheimliche: man hörte keine Waffen schlagen, keine Bogen; kein Haus brannte.

Drin raste man. Und jetzt war es klar, daß die bösen Dämonen, die die Brüder und Schwestern bisher bezwungen hatten, sich losgemacht hatten und über sie selber hergefallen waren. Man weckte Priester und Bonzen der Stadt.

Drin hörte man Leitern an das Tor anstellen; gedämpft knirschende Körper purzelten herunter.

Mit einmal schauten dicht nebeneinander zwei gedunsene verzerrte Gesichter über das Tor, Schaum vor den Mündern, wie die Pferde geifernd. Die Priester wirbelten ihre bronzenen Weihrauchbecken, hohen Rauchfässer und knallten sie ihnen ins Gesicht. Aus den zerbrochenen Fratzen tropfte dickes Blut herunter auf die Wächter, die entsetzt zurückwichen. Die Priester richteten Brander über die beiden oben, die sich höher zogen. Plötzlich bäumte sich der eine und krachte herunter. Der andere gröhlte unmelodisch zum Nachthimmel, wälzte die zottige Brust über den Torrand; dann stürzte innen seine Leiter um; er sackte abwärts; seine Hände blieben am Tor hängen; die Soldaten hieben ihm die Finger ab; er plumpste schwer und lallte lange an der Erde.

Kein Bürger der unteren Stadt wagte sich auf die Straße. Gegen Morgen legte sich das Geschrei. Ein gelegentlicher geller Ruf wehte herunter. Den letzten Teil der Nacht schmachtete aus einem Haus der Straße, die parallel dem Tor lief, eine einzelne Stimme, eine Mädchenstimme; sie sang Verse eines unflätigen Liedes; dazwischen lockte sie, rief Männernamen, röchelte.

In der grauenden Dämmerung wurden die äußeren Stadttore geöffnet. Die Händler, Gemüseverkäufer, zahllose Karren bewegten sich die Straßen herauf, die Wasserträger kamen. Wagen stauten sich vor dem Tor der Mongolenstadt. Man machte Platz für die grüne Sänfte des Tao-tai. Der Befehlshaber der ehemaligen Provinzialtruppen, jetzigen Stadtgarde, ein baumlanger Mensch, gab Befehl zum Öffnen des Tores. Die Balken wurden weggeräumt; die Querbäume gelöst; die Soldaten schoben die Flügel zurück.