Im Augenblick, wo sich das Tor öffnete, sauste von dem Torbogen ein abgelöstes Mauerstück herunter, hüllte den Eingang in dicken Staub. Man mußte mit Gewalt die beiden Türflügel verschieben, die inneren Querriegel umbrechen, bis der Eingang frei war.

Drin hatten die Eingeschlossenen vor Anbruch der Nacht als Barriere einen schweren Eisenstab noch zwischen den Steinwall geklemmt; an dem lehnte gebückt eine ganze Reihe Menschen; als man die Schranke abhob, stürzten die Körper den Eindringenden entgegen, krachten mit den Gesichtern vornüber zwischen sie hin. Einzelne von diesen lebten und riefen die Städter mit schwachen Stimmen an. Die Soldaten zogen voran. An einer Straßenecke standen schräg gegeneinander zwei Mädchen; eine den Kopf auf der Schulter der andern; sie fielen erst um, als man der einen die Arme von der Hüfte ihrer Freundin losriß. Hier und da bliesen Sterbende die Backen auf in langen Pausen. In mehr als zwanzig Häusern, auf Treppen fand man Frauen in Blutlachen; sie hatten in den Krämpfen entbunden; in den Krämpfen hatten sie sich Nabelschnur und Mutterkuchen aus dem Leib gezerrt, waren rasch verblutet.

Auf der Treppe eines Hauses, das in einem Winkel des Marktes stand, zappelte eine mit Narzissen geschmückte junge Frau; sie gellte: „Ich bin Liang-li; ich will zu meinem Vater nach Schön-ting.“ Als man sie an den Füßen herunterzerrte, schlug sie um sich und war tot.

Man drang in die Zimmer des Hauses. Ein kleiner Mensch hockte auf dem Ofenbett in einer Ecke des wüsten Zimmers. Er maulte, als die Soldaten eintraten.

Er starrte sie an, den Kopf balancierend, von den beschlagenen Augen mühsam die Lider hebend. An seinen Mundwinkeln zähe Schleimklumpen. Seine Lippen hellgelb; sein Gesicht von einer dicken wächsernen Haut überzogen; Löcher in den Schläfen. Schnarchen, Näseln: „So kommt sie doch; die Königliche Mutter kommt selber.“ Lächelte stolz wie ein Befehlender.

Der vorangehende Soldat erkannte den Führer der Rebellen, nahm ein rotes Papier in den Mund, um den Dämon nicht an sich zu locken. Er riß erst Ma-noh mit der Spitze eines Pfeils einen Schmarren über Mund und Kinn. Der runzelte die Stirn, schob sich an der Wand in die Höhe, krächzte tierisch: „Pfui, ah, pfui!“ torkelte in Wut und Grauen nach vorn. Der Soldat fing ihn an der Brust, drückte ihn würgend vom Ofenbett auf die Diele.

Drittes Buch
Der Herr der Gelben Erde

Khien-lung, der große Kaiser, der das Reich der Welt von der sich umwälzenden Natur und dem Himmel erhalten hatte, tauchte aus den nördlichen Steppen auf von seinen Jagden und Vertiefungen, kehrte nach Mukden zurück.

Er hatte wieder die ungeheuren Tatarenlandschaften gesehen. Wenige Tage war die tiefe Stille durchbrochen worden durch Tributträger. Die Tiger liefen aus den Wäldern hervor. Von Woche zu Woche kamen Ergebenheitsbriefe der kaiserlichen Prinzen und hohen Würdenträger, fragend nach seinem Befinden.

Den gealterten Kaiser begleitete kein großes Gefolge: zweihundert Mann seiner Leibgarde, eine rein mandschurische Kompagnie, eine kleine Anzahl Vertrauter, Freunde, Sklaven, schließlich die erlesene Musikkapelle. Er jagte im Randgebiet der Mongolei auf dem Hochland östlich von Kalgan. Helle kalte Luft, freies weites Grasland, Gebirgsschluchten, zerrissener Durchblick. Im muldenförmigen Tal bei Süen-hwan-fu hielt er sich auf. Die Häuser waren in die Lößerde gegraben mit Stuben, Gewölben, Gängen. Auf den dünn belebten Flächen tummelten sich braune langhaarige Pferde. Teebeladene Kamele schwankten vorüber. Die nomadisierenden Horden lagerten in weiten kreisrunden Filzzelten. Plattgesichtige braune Mongolen mit bunten Gehängen warfen sich hin.