An der Grenze schloß sich dem kaiserlichen Zug der Kommandeur der Grenzsoldaten an in roter Pelzkappe und rotem Flügelkragen. Dann überschritt man die Randketten des großen Chin-gan, stieg herunter nach Mukden.
Die Blicke des Kaisers waren fremd, seine Mienen von einer furchtbaren Kälte. Unter den hohen Weidenbäumen tauchten die seltsamen Häusergruppen auf. Nach langen Windungen der Felswege betraten sie die niedrigen Hügel und sahen Laubbäume, die Frauen mit den Pfeilen im Haar und den frischen Blumen. Von den acht Türmen der Mauer Mukdens schollen die Kanonenschüsse. Sie zogen durch die graden Linien der Stadt, hinter ihnen die Mongolen auf niedrigen Ponys, bis sich die Dächer mit den gelben glänzenden Ziegeln in der Mitte der Stadt zeigten. In seinem Palast blieb Khien-lung fünf Tage.
In dem herbstlichen Park an einem Teiche saß der Kaiser allein auf einem Schemel und hielt grüne Salatblätter im Schoß. Vor ihm schlief eine ungeheure Schildkröte.
Sie trug ein Rückenschild von schwarzer Farbe mit gelben Riefen. Die breite Mittelleiste des Rückens war gelb gefeldert mit tiefen Kerben. Die plumpen Vorderfüße ragten seitlich heraus wie Schwimmflossen, mit Zehen wie Stifte, die man in die Füße eingeschlagen hat. Die Hinterbeine eingezogen unter dem Panzer. Der Kaiser im schwarzen Seidenkleid und Seidenmütze ohne Schmuck, schlug auf das Tier mit einem dicken Ast, an dem Tannenzapfen hingen.
Und dann kam aus dem Gehäuse das graue hornige Haupt, das wunderliche leidenschaftslose Haupt an einem faltigen Hals, der wie getrocknete Fischhaut glänzte. Wie eine Königsmumie: der lang sich reckende verwelkte Hals, in spöttischer Ruhe den dreieckigen Schädel wendend. Die Kiefer fest, mit Lineal und Hobel streng gearbeitet. Die Nüstern mit dem Lochbohrer eingeschlagen. Zur Seite, lidlos, unbeweglich, kluge weise Augen, Fenster eines erkühlten Gehirns.
Langsam hebt sich das Schild von einer Seite auf, senkt sich, schiebt sich vor. Es ist der mühselige Gang eines behenden doch gichtischen uralten Mannes, der den Steiß anhebt, das Knie nicht beugt, die Beine seitwärts steif herumschleift, sich langsam um Kanten windet. Die Vorderflossen schwimmen, rechts, links, stoßen ab. Der Panzer senkt sich, weit strecken sich die Hinterbeine und folgen. Ein hohes Schnaufen, ein sanftes Zischen kommt aus den gestanzten Nüstern. Wieder hebt sich der Steiß an, die Vorderflossen schleifen vor. Es ist ein Klettern über den Boden.
Der Kaiser saß mit seinem Tannenzweig auf dem Schemel. Er suchte der Schildkröte nachzukommen, ihr nachzuahmen, und sann darüber nach. Im Vorüberschieben richtete sie scheinbar die Augen auf ihn. Er glitt langsam, seinem Zweig nach, auf die Erde, lag auf den Knien hinter dem Tiere, das sich von ihm entfernte nach dem Teich. Aus irgendeinem Grunde beugte er sich hinter dem Tiere.
Sehr langsam, so wollte Khien-lung, rückte der Zug weiter. Breite Sandflächen wechselten ab mit Feldern der Wassermelone. Der Liau-ho rollte schwarze breiige Wassermengen, in denen grüne Streifen auftauchten. Man wartete zwei Tage, um dem Flußgeist zu opfern, einem uralten Verkehrsdirektor aus Niu-tschwang, bis man die Fähre mit dem stillen Kaiser dem Wasser anvertraute.
Seine Umgebung kannte die Zustände schwerster Versunkenheit und Erschlaffung an ihm. Sie stellten sich mit dem höheren Alter ein. Man mußte mit dem sonst energischen, ganz beherrschenden Manne alles tun, ihn führen, setzen. Das Gesicht des großen Fürsten war, als sie die viele Li lange Verkaufsstraße von Hsin-mit-sun ohne Laut durchschritten, beängstigend in seiner unglaublichen Willenlosigkeit, der gummiartigen Weiche und Stumpfheit der Augen. Seine Lippen hingen, er brummelte nichtssagend. Wie die acht Träger auf dem welligen Sandboden langsam marschierten, öffnete sich seine Sänfte von innen, er stieg aus, während die vorderen Träger sich erstaunt umwandten, und pendelte allein neben einem alten Hellebardenträger, der ihn nicht erkannte. Als hinten die Zeremonialmeister entsetzt aus ihren Sänften sprangen, vor ihm hinfielen, ihn bei den Händen zu seiner Sänfte führten, schwankte er mit, hob seine gequollenen Lider schwerfällig, sah sie unsicher fragend an. Seine Augen tränten. Sie wischten ihm, ehe er in die Sänfte stieg, den Speichel aus seinem grauen Kinnbart. Sie gingen neben seiner Sänfte einher. Jenseits des Ta-ling-ho kam man auf kaiserlichen Weidegrund. Aus den hohen Wachtürmen im Zentrum von Kint-schu-fu schollen wieder die grüßenden Böllerschüsse.
Die Behörden standen vor der verschlossenen Sänfte. Sie lagen im Staub vor seinem schlafenden Körper. Der teilnahmslose Zustand besserte sich, als man sich der Großen Weißen Wand, der Großen Mauer, näherte. Eine leichte Erregung befiel den Kaiser. Er aß viel, weigerte sich in der Sänfte zu liegen, riß Blumen am Wege aus. Die Reise mußte beschleunigt werden. Ohne zu sprechen, winkte er, wenn man sich nach seinem Befinden erkundigte, mit seinem Fliegenwedel ab. Halb verwirrt stieg er einmal während dieser Tage auf einen Gneisblock, der seitlich der Straße lag, und stürzte. Aber er wurde sichtlich zugänglicher, beobachtete die Arbeit auf den Feldern, befahl seinen Reisebibliothekar neben sich, den er aber nichts fragte. Man war glücklich zu sehen, daß er wieder seine eisigen Blicke warf.