„Aber nicht verstanden; keinen Vorwurf darum, Hu. Wird auch kein Urteil verlangt. Was ich meine, ist ja etwas anderes. Eine Bauersfrau, wie die dort drüben, wirft das weiße Korn in den Boden; ein Knabe führt eine Karre hinter ihr her mit Jauche. Lerchen singen, Herbst. Man hat keinen Anlaß, diesen Anblick — zu dichten; er ist unübertrefflich vorhanden. Immerhin könnte ich in die Versuchung kommen ihn zu dichten, aber dann übernehme ich eine Verpflichtung gegen — den Anblick.“

„Sehr fein, Majestät.“

„Noch nicht, Durchlaucht. Nämlich die Verpflichtung, ihn ehrerbietig zu schonen, den Geist dieser Minute unberührt zu lassen, ihm als irdisches Geschöpf zu opfern. So denke ich mir, wenn ich in der Schreibstube sitze, das Dichten. Ich, das kleine Menschenkind, sitze in meiner Schreibstube, und vor fünf Tagen lebte der Geist einer verehrungswürdigen Minute: das sind zwei Dinge. Ich opfere dem himmlischen Geist in der Weise eines reichen Mannes und mühe mich, dem Geist der ehrungswürdigen Minute zu gefallen. Das kann ein Bauer, ein Bettler gar nicht; für den sind auch andere Geister da. Das schönste weicheste Papier muß dienen; für den Pinsel steht Tusche aus tiefstem Rot und Schwarz bereit. Und jetzt male ich die Charaktere. Das sind keine Mitteilungen, obwohl sie doch auch zu Mitteilungen dienen; runde beziehungsvolle Bilder, Anklänge an die Bücher der Weisen, schön in sich, schön gegeneinander. Diese Bilder sind selbst kleine Seelchen, und das Papier nimmt an ihnen teil.“

„Noch immer fein, Majestät,“ fistelte Song, „ich Dummkopf habe mir von unserem Astronomen, dem Portugiesen, gleichfalls sagen lassen, daß man im Westen schreibt wie man spricht. Was natürlich ebenso bequem wie einfältig ist. Aber, wenn die Allerhöchste Majestät mich einer Gnade würdigen will, möchte ich eine Bitte vortragen.“

„Durchlaucht?“

„Mich setzen zu dürfen in meine Sänfte oder am liebsten in ein Zelt hier auf der Wiese, um Eure Majestät noch zu hören, so lange sie es mir gewährt. Die alten Füße des Sklaven Eurer Majestät versagen.“

Der Minister gab auf das Kopfnicken Khien-lungs zwei Lanzenträgern vor ihm kurzen Befehl; der riesige Zug hielt unter dem freien Himmel. Während das gelbe kleine Reisezelt des Kaisers mitten auf einer Wiese aufgeschlagen wurde, die Lanzenträger das Feld von den Bauern säuberten, stand er selbst vor dem schmerbäuchigen Hu und dem Minister, dessen Gelehrtengesicht Zeichen von Müdigkeit trug, ließ die Hände schlaff fallen und seufzte.

Aber die beiden hohen Beamten, die sich bestürzt ansahen, hatten unrecht; Khien-lung dachte an Pe-king und seufzte vor Ungeduld.

Der Kaiser wünschte noch zwei Tage zu reisen.

Der Aufschub der Heimreise erregte im ganzen Zuge Freude. Der ungewohnte Anblick des Himmelssohnes, der in voller Elastizität nach seiner Art sich bewegte, belebte alle Mitreisenden. Stundenlang disputierte der Kaiser bald mit Song, dessen Gelehrsamkeit er außerordentlich schätzte, bald mit dem derben untersetzten General A-kui, den er selbst aus einem gemeinen Soldaten zum Offizier befördert hatte. Das schlagfertige Wesen A-kuis erfrischte ihn; die Drolerien dieses ungebildeten Mannes bildeten eine Quelle des Vergnügens für die ganze kaiserliche Umgebung.