Man rückte längs des Chao-ho vor, überschritt auf der grauen Steinbrücke den Pai-ho. Jenseits des Dorfes Niu-lang-schan bog der Zug westlich von der Straße ab, um auf eigens angelegten Chausseen zu den Bergen nordwestlich der Residenz zu gelangen, wo Lustschlösser des Kaisers standen.

In der nördlichen Tatarenstadt Pe-kings säuberte und glättete man die Straße, die der Zug passieren mußte; man vernagelte den Zugang der Querstraßen mit bemalten Brettern; verbot das Verlassen der Häuser und Kasernen für die Vormittagsstunden bei Todesstrafe: Gongschläger und Trommler riefen den ganzen Tag aus. Da die Astrologen im kaiserlichen Zuge nicht rechtzeitig die Stunde des Einzugs in die Rote Stadt berechnen konnten, verzögerte sich der Einzug über den Vormittag, obwohl die Reisegesellschaft einen ganzen Tag auf den nordwestlichen Bergen lag, die Landleute die wunderbare Musik der Hofkapelle hörten, die fast ununterbrochen spielte über dem blanken See Kun-ming-hu.

Auf dem Gipfel des Wan-wu-schan, in den Hainen der weißrindrigen Fichten verlebte der Kaiser den letzten Tag vor der Heimkehr; bevor es dunkelte, ging er zum östlichen Seeufer herunter; über die siebzehnbogige Marmorbrücke wandelte er auf die kleine Insel, welche einen Tempel trug, den nur er betreten durfte; stumm stand eine Bronzekuh am Eingang. Im Tempel sprach der Kaiser mit seinen Ahnen.

Die Wasseruhr zeigte die Doppelstunde des Drachens, als der Kaiserzug morgens das Dorf Hai-tien passierte. Auf dem Steinwege kam man an das nördliche Tor der Mandschustadt Pe-kings, Te-schang-man. Die Schlangendoppelstunde brach an, als der Himmelssohn die purpurnen Mauern erblickte.

Kia-king war ein Sohn Khien-lungs, der Sohn der legitimen Gemahlin des Kaisers; Kia-king war der einzige, der Khien-lung auf den Spaziergängen durch die Gärten der Roten Stadt begleiten durfte. Der Kaiser übersprudelte von Lebendigkeit, unter den ungeheuren Zypressen blieb er stehen, redete auf seinen schwerfälligen Sohn ein, der ihn um einen Kopf überragte. Der Prinz, noch nicht vierzig Jahr alt, hatte ein schwammiges faltiges Gesicht, ein Lächeln fand auf dieser breiten aufgeschwommenen Fleischmasse keinen Platz. Wenn der hochgewachsene Mann, der den kugelrunden Kopf stark in den Nacken drückte, sich freute, entstand ein Flimmern und Flirren um den kleinen prallen Mund; die Linien, die aufschlängelten, wurden von den unbeweglichen Wangen zurückgeworfen, und so zappelte das Lächeln wie auf einer Insel um seine Lippen. Die wulstigen Augenlider hingen. Das linke Auge konnte er nur wenig öffnen. Krankhaft hell war seine Hautfarbe. Seine Hoheit war unsäglich, keiner kam ihm wirklich nahe; vor der körperlichen Nähe der meisten Menschen seines Umgangs hatte er geradezu Angst. Der Prinz hörte unentschlossen und gleichgültig seinem Vater zu. Er hing an seinem Vater wie an einer gesegneten Sache, die man nicht beschnüffelt, mit Dankbarkeit empfängt. Sie sprachen von den mohammedanischen Unruhen. Kia-king lenkte ab auf seine und des Kaisers Neigung, die Menagerien. Ein grünschillernder Pfau stolzierte über die Marmorbalustrade einer weißen Brücke. Ein ganz leichter Wind verzog das Bild der Brücke, das sich in dem dunklen Wasser spiegelte. Er hob den Saum des gelben kaiserlichen Mantels wenig an und schlenkerte Kia-kings goldene Gürtelquaste.

Schon in der Nacht trat Regenschauer und Kühle in die Purpurstadt. Zwei Tage gönnte sich der Gelbe Herr Ruhe. Er saß morraspielend in der Säulenhalle des kaiserlichen Wohnhauses. Dicht hinter ihn rückte man seinen Schreibtisch aus massivem Gold, niedrig. Die Platte ruhte auf dem Rücken eines Elefanten, dessen plumpe Beine die Säulen des Tisches bildeten; von dem langen Gesicht des Literatengottes, der vor einer zierlichen Pagode inmitten des Tisches stand, und von den Gewandfalten pflegte Khien-lung seine Gedichte abzulesen. A-kui, sein Spaßmacher, der biedere Draufgänger, kauerte dem Kaiser gegenüber an der Ebenholzplatte. Ein untersetzter kurzbeiniger Mann mit vierkantigem Gesicht und steifem Nacken. A-kui war immer gleichmäßig; man konnte ihn in eine Ecke stellen und wieder hervorholen: er bewegte sich, als wäre nichts geschehen. Seine Rauhbeinmanieren, heiseres Lachen, grobe Wendungen, galten als sanktioniert, wurden gepflegt am Roten Hofe. Er selbst schien sich dessen nicht bewußt, zeigte sich unglücklich über jede Verletzung der Etikette, machte sich durch gelegentliche Versuche zur Vorsicht noch komischer. Er spielte glänzend Morra, der Bauer, besser als Khien-lung. Bei einigen verlautete, A-kui sei nicht nur geizig und habgierig, sondern direkt unzuverlässig; er sei ein Intrigenflechter, ein Klatschträger, der seine Tolpatschigkeit kräftig ausnütze. Freilich bildete sich solch Gerede leicht um hervorragende Hofmänner; die großen Verdienste A-kuis in dem schweren Feldzug gegen die Miao-tses ließen anderen keine Ruhe. Wenn der graue kapriziöse Herrscher mit A-kui vor den Spielbrettern saß, lachten die eleganten und hochgebildeten Herrschaften, die sich auf der Fischfangterrasse damit vergnügten, Drachen steigen zu lassen; sie glaubten zu wissen, daß der Kaiser seinen dummen Spaßvogel schnattern ließe; ernsthaft gehöre er ihnen. Aber der Kaiser gehörte ihnen auf der Fischfangterrasse und A-kui und andern; er brauchte vieles zu seinem Leben und ging an allen vorüber.

Am Morgen des zweiten Tages ritt Chao-hoei durch das Mittagstor und machte den neunfachen Fußfall vor Khien-lung im Palast der Höchsten Eintracht. Der Gelbe Herr bestieg sein Pferd; es ging zum westlichen Blumentor hinaus und in mäßigem Trab um die drei Seen herum, Chao-hoei neben dem Kaiser, auf den vogelzwitschernden Kohlenberg. Der hagere elastische Mandarin war nicht nur berühmt durch seine unvergleichlichen Verdienste im Feldzug gegen die Dsungaren an der Nordwestgrenze des Reiches; niemand vergaß, was der elegante Mann geleistet hatte am grünen Ili; das knochig ausgearbeitete Gesicht Chaos hatten die Schneestürme gebeizt; seine kleinen wenig gefälteten Ohren hatten mehr Todesschreie einlassen müssen, als irgendein Mensch seiner Zeit. Chao-hoei, der den Titel: „Bewacher eines Tores von Pe-king“ erhielt, dem der Kaiser nach der Niederwerfung der Dsungaren mit einer Teetasse an der Tür des Sommerpalastes entgegenkam, war auch berühmt durch seine rechtliche Frau. Ihre Gedichte, ihre stürmische und doch gehaltene Prosa las Khien-lung oft. Hai-tang hieß sie; sie war die Tochter des ehemaligen Statthalters von An-hui. Als sie heirateten, erlangten sie durch kaiserliche Dotation große fruchtbare Ländereien im Hia-ho, dem südlichen Gebiet am Jang-tse-fluß; noch jetzt sangen die Literaten dort am Muschelkanal unter dem warmen Himmel von Hai-tangs Klugheit und Lieblichkeit, von ihrer hohen Bildung, auch von ihrer Unbezähmbarkeit. Ihm waren die berüchtigten Ilitruppen, die Mordbrenner vom Ili unterstellt; man hatte nicht gewagt diese Bestien zu entlassen; sie standen in Tschi-li als Reservegarde.

Man ergötzte sich zwei Tage an dem Spiel der Kampfvögel, der Wami und Chuschitscha, ruderte über die künstlichen Lotosteiche. Kia-king, der Thronfolger allein spazierte die Ufer entlang; er bestieg kein Boot; er konnte die Ruderer nicht in seiner Nähe ertragen; er machte, eingeladen, stets seine typische Bewegung: das abwehrende Aufstellen beider Hände vor der Brust; schon die Einladung beängstigte ihn und man mußte ihn zu Hause beruhigen, mit seidenen Tüchern Gesicht und Hals abreiben.

Dann deckten den Gelben Herrn die schweren heiligen Laken der Vergangenheit. Er tauchte in die grauenhafte Höhe, das abgöttische Licht seines Ranges ein; er fand sich an seinem bereiteten Platz. Mit keiner Fingerbewegung rührte er an die strengen Riten. Ohne den geheiligten Ritus zersprang die Welt: die Erde lag für sich da, die Menschen rannten gegeneinander an, Luftgeister rasten, der Himmel rollte sich ein; alles fiel sich an. Der Zusammenhang mit dem Himmel und der Unterwelt mußte festgehalten werden. Das Altertum und seine glanzvolle Blüte, Kung-tse, erkannte, daß durch jede Bewegung des scheinbaren Alltags das Blut des Himmels fließen müsse; nichts war bedeutungslos. Darum entzog sich Khien-lung rädernden Zeremonien nicht. Er war sich nicht zu gut dafür; er pries sich glücklich, Träger dieser von Menschen unabhängigen furchtbaren Dinge sein zu dürfen.

Wenn er am Tage vor dem Himmelsopfer fastete und aus seinem reglosen Gesicht die scharfen Augen blitzten, so wußten seine Diener so gut wie die Priester, die Vertrauten des Gefolges, daß dieser Mann nichts Äußerliches tat. Das Mechanische ihrer Handlungen war durch einen einzigen Blick seiner Augen aufgedeckt. Khien-lung betete wahrhaft, zum Erschauern echt, als Sohn des Himmels.