Eines finsteren Herbstmorgens trug man den Gelben Herrn in den Ahnentempel. Wie er die letzte Stufe stieg, prasselte ein Stein keine Handbreit vom Kaiser entfernt auf die Plattform und zerspritzte. Über das böse Vorzeichen verwirrt, ging der Kaiser hinein an die Tafeln, verrichtete die Gebete. Man sah ihn im Wohnpalast in großer Zerstreutheit auf und ab gehen. Die Ahnen lasteten auf Khien-lung; sie peitschten ihn. Der hitzige rastlose Mann vermochte, je älter er wurde, seinen Vorfahren nicht gerecht zu werden. Ihn schüttelte, daß er in die furchtbare Verantwortung des Nachfolgers geboren war.
Dies war der Tag, an dem ihm der Bericht von der Mongolenstadt und dem Untergang Ma-nohs vorgelegt werden mußte. Ein Unterdrücken oder Verzögern war nach dem erfolgten Einlauf der vizeköniglichen Akte unmöglich. Der ersuchte Astronom berichtete nach einer Doppelstunde, daß der gefallene Stein ein Meteorbröckel war; unbewegt nahm der graue Herrscher die Meldung an. Da man das kaiserliche Signum dieses Tages auf die Akte erhalten mußte, wandte sich der stellvertretende Vorsitzende des Hohen Rats an Kia-king. Der, angewidert von der Feigheit des Menschen, übernahm den Vortrag. Der Bericht des Tsong-tous war nackt; er begann mit dem Hinweis auf die eingeleitete militärische Aktion gegen die Reste der Sekte, beschrieb die eingeleitete Zernierung von Yang-chou, den letzten Stand der Truppen unter den namentlich aufgeführten Generälen, dann den Befund beim Anmarsch des Heeres, wobei man die gesamte eingeschlossene Bevölkerung tot vorfand; Wang-lun wurde als Mörder bezeichnet, das Gerücht von einem Untergang durch Dämonen nicht unterschlagen.
Kia-king, dem das Schaudern über den Rücken lief, wog die Rolle in der Hand. Wäre er Kaiser, so wären innerhalb eines weiteren Tages der Vizekönig von Tschi-li und sämtliche beteiligten Generäle hingerichtet worden, mit Einschluß des Trägers der Botschaft und der Kuriere. Er bestellte für den Nachmittag drei Subdirektoren der Enzyklopädie zum Vortrag bei dem Gelben Herrn, darunter den geistvollen Khui, der den Kaiser stets zu fesseln verstand. Auf der Fischfangterrasse trug erst der stellvertretende Vorsitzende des Hohen Rats Neuigkeiten vor von den Rüstungen gegen Birma; Khien-lung fragte lebhaft; Khui wurde vorgeschickt. Dann Kia-king. Der Kaiser war noch halb versunken im Nachdenken über die Zitate Khuis, als er sein rotes Signum auf die Rolle zeichnete. Die Knaben sangen aus dem dreidächrigen Pavillon der Instrumente im Wechselgesang mit zwei Chören im Boot. Der Kaiser plötzlich wieder zerstreut schob eine Vase aus dem Porzellan der „blauen Familie“ zurück; er wollte Khui noch etwas fragen. Dann: nicht Khui; er verstünde schon die Anspielung. Vielmehr was da berichtet sei von den —. Kia-king in Unruhe meldete Details von den Birmanen. Der Kaiser verblüfft fragte, woher er die Details wüßte. Kia-king: es sei doch eben vorgetragen worden. Und was ihn denn die Birmanen interessierten neuerdings, daß er so die Details behielte; übrigens dies sei es nicht; vielmehr hätte doch Khiu —. Nach längerem Hin- und Herfragen und -blicken blieb der Kaiser an Kia-king haften: was er sich nur für Politik interessiere und was Kia-king selbst vorhin vorgetragen habe, diese Lokalangelegenheit aus Tschi-li. Er wolle ihm einmal demonstrieren, mit was für Dingen man einen Kaiser belaste, was für Lappalien vor ihn kämen. Also die Akte. Der Thronfolger kniete neben dem Kaiser, der ihm mit einem kleinen roten Stäbchen Zeile nach Zeile des Berichts vorlas. Schon nach dem ersten Drittel legte er das Stäbchen hin, las stumm, dann hieß er Kia-king etwas von ihm entfernt hinzuknien. Und eine Viertelstunde lang schwiegen die zehn Menschen um den lesenden Gelben Herrn; den Gesang schien der Kaiser nicht zu hören, denn er verbot ihn nicht. Ohne einen Blick auf einen einzigen des Gefolges zu werfen, erhob sich der Kaiser rasch, die Rolle in der Hand, bestieg seine Sänfte.
Was an diesem Tage abends sich weiter in der Purpurstadt begeben hat, ist in Details nicht bekannt. Der Kaiser verblieb den Abend mit A-kui allein auf dem Zimmer, nachdem ein Teil der Vertrauten das Zimmer aus irgendwelchen Gründen, anscheinend wegen eines plötzlich ausbrechenden Erregungszustandes des Kaisers hatten verlassen müssen. Weinend und fassungslos soll Khien-lung drin ein wunderbares seltenes Gefäß zerschlagen haben, das auf einer Porphyrsäule stand: ein altes tellerförmiges Bronzegefäß, ein Lotosblatt, das von dem Rücken einer Blindschleiche abglitt. Spät abends wurden zwei Astrologen in den dunklen Wohnpalast erst gerufen, dann weggeschickt. Erst als die Obersten der Leibgarde unruhig sich vor den kaiserlichen Fenstern bewegten, weil es drin zu lange still blieb, schlug das Gong Khien-lungs an. Der saß in einer gezwungenen Haltung vor den Trümmern der Schale; A-kui überbrachte mit drohendem Ernst den Befehl, für morgen den besonderen Staatsrat zusammenzurufen, sogleich für eine Reise nach dem Sommerpalast zu rüsten. Die Majestät verlange in ihre Schlafräume. Die Fackelträger erschienen.
Am folgenden Nachmittag fand eine Beratung statt, in der der Zensorenhof zur Untersuchung der Angelegenheit Ma-noh aufgefordert wurde. Den Morgen darauf verließ der Gelbe Herr mit kleinem Gefolge fluchtartig die Purpurstadt. Auf Booten fuhren sie über die künstlichen Seen bei den kaiserlichen Palästen, durch die nördliche Stadtmauer den Abfluß des Kun-ming-husees hinauf. Keine Flöten spielten auf den gelbbewimpelten Booten: der frische Herbst griff in die Pinien der prächtigen Ufergärten, läutete die feinen Glöckchen, die zu Tausenden an den geschwungenen Dächern der eleganten Lusthäuser, der versteckten Pavillons hingen; aus den Booten traf sie kein Blick. Die Ruder knarrten in den Gabeln, gleichmäßig schlugen sie ein, man glitt unter die eisig weißen Marmorbrücken, von Kao-liang-kao bis herauf zur prunkvollen Buckelbrücke, lief in den Kun-ming-hu ein. In der herrlichen Umgebung schien sich der Kaiser zu beruhigen. Die Zensoren kamen herüber aus Pe-king.
Viel mehr als die Unterhaltungen darüber, ob in der Geschichte des Reiches irgendwann Dämonen derart massenweise Menschen umgebracht hätten, förderte der Bericht der kommandierenden Generäle die Einsicht: daß sich ein berüchtigter Räuber, namens Wang-lun, der mehrere Morde begangen hatte, wie man nachträglich erfuhr, angeboten hatte, die Sekte innerhalb dreier Tage zum Verschwinden zu bringen auf irgendeine Weise; dies zusammen mit eigentümlichen Vorfällen in der bewohnten unteren Stadt Yangs vor dem Untergang lege die Vermutung nahe, daß Wang-lun sich der Brunnenvergiftung mit noch unbekannten Helfershelfern schuldig gemacht hatte. Die Spuren des in Schan-tung und Tschi-li berüchtigten Mannes, der bei dem gemeinen Volk als Zauberer in ganz ungewöhnlichem Ansehen stehe, wurden zur Zeit verfolgt.
Khien-lung schlotterte und fror vor Entsetzen. Er meinte zu Chao-hoei, es sei unmöglich, sich in solch Ungeheuer hineindenken; das seien in der Tat Handlungen, die man nicht messen könnte. Er verfügte mit einer gewissen Lauheit, einer rätselhaften Nachdenklichkeit die möglichst rasche Festnahme des Mörders, sofortiges Transportieren nach Pe-king; keine Vernehmung; die einzige Vernehmung Wang-luns werde er selbst vornehmen. Niemand durfte den Namen Kia-kings erwähnen.
Für die Minister war mit der Entscheidung die Sache zu Ende. Der Kaiser aber wälzte sie in sich. Der eben genesene Mann war mehr als je geneigt, auf Dinge von außen zu achten, zusammenzufahren beim Klirren unbekannter Ereignisse. Wund, gereizt ließ er nicht los. Er schnüffelte nach Zusammenhängen, Winken, Stimmen.
Blieb in Jüan-ming-yuen nicht lange; schon nach einem Monat brach der kaiserliche Hofstaat nach dem südwestlich von Pe-king gelegenen Dorf Ko-lo-tor auf, wo sich das Kloster Tsiu-tai-tse, eine riesige Anlage, in der bergigen Fichtenwaldung dehnte. Dies war Khien-lungs Lieblingsaufenthalt; der ungehinderte Blick auf die tausenddächrige Stadt fand Sättigung; die feinen Pavillons auf dem Kohlenberg blitzten auf; weißes Schimmern der Lou-kou-kiao-Brücke; dicht vor den Füßen die Wellen des grünlichen Hun-ho.
Während der alte Herrscher auf der Terrasse sann und sann und Pe-king wie ein Vertriebener mied, sprühte das freche Vergnügen in der Roten Stadt; der dicke Kia-king benahm sich wie ein Aufsässiger. Jenen stellvertretenden Vorsitzenden des Hohen Rates ließ er gelegentlich eines Etikettenverstoßes ohne Ermächtigung des Kaisers durchpeitschen. Dem Gelben Herrn drohte er Rache, weil er es wagte mit ihm umzuspringen. Mit einem Ruck, zu dem ihn die Angst vor Beunruhigung drängte, machte er sich entschlossen von der erschütternden Sache los. Er strich besänftigend an sich herum, gab sich gute Worte. Am Hofe inszenierte er Späße, Roheiten. Aufzüge veranstaltete er, die sich zu Travestien hoher und höchster Personen auswuchsen. Als verlautete, daß der Gelbe Herr zurückkehre, entwich er mit seinen Gauklern und Musikern nach dem Wan-wu-schan, wo auf dem Berge der Nephritquelle sein Haus stand, unter dem Schutz einer hohen Pagode aus der Zeit des großen Mandschukaisers Khang-hi.