An Khien-lung entwirkte sich ungehindert, während an den Grenzen des Reiches ungewohnte Ruhe herrschte, mehr und mehr jenes grausige Ereignis. Er begriff die Nachdenklichkeit der Hofastrologen, die vielfache Zerstreutheit seiner Zensoren; sie erwogen, was mancherlei, das sie nicht sagten, vor allem dieser Untergang, dieses unerhört scheußliche Unglück bedeute, welche Instanz verantwortlich gemacht werden müßte. Der Kaiser wollte dem Lanzenstoß nicht ausweichen; er war der Lenker des Reiches; der Himmel redete, was er redete, nur zu ihm.
Drei Zensoren trieb er, auffahrend aus unzugänglicher Stummheit, noch einmal im Winter zur Untersuchung des Falls nach der Mongolenstadt Yang-chou. Sie kamen kopfschüttelnd zurück: es handle sich um eine der vielen verbotenen Sekten, die den Geist der kleinen Leute verwirren und die Provinzen verarmen.
Khien-lung höhnte über diese ablenkende Erklärung; Vorgänge von solcher Ungeheuerlichkeit konnte man nicht rationalistisch erklären.
Im zehnten Monat des Jahres liefen die kaiserlichen Kuriere eines Tages nach Pe-king hinein, in dieses ummauerte Areal, das neben Wiesen, Brachland, auch eine Stadt trug, die sich auf Stunden zu einem überschlagenden Geschrei aufquälte. A-kui wurde zu Khien-lung geladen, der treue Chao-hoei, Song, der Geschichtskenner, und einige andere.
In der Halle des Geistigen Wachstums, dem Yang-hsin-tien, empfing sie der Kaiser, in einem hohen schmalen Raum, der nur zu geheimen Vorberatungen diente. Eine absolute Stille herrschte, nachdem der Kaiser erschienen war und die Gäste sich niedergeworfen hatten; dann nahmen sie auf ein Wort des Herrschers Platz. Mit einem riesigen gelben Seidenstoff war die Decke der kleinen Halle bespannt; ein mächtiger Drache, in Gold, blau und rot gestickt, rauschte über die gleichmäßig gerafften Seidenfalten, die in der Mitte der Decke sich zusammenschlossen. Die Fenster waren verhängt trotz des Tageslichts; schwere Bronzeampeln, an Ketten hängend, durchbrachen die seidene Decke, warfen ihr rötliches Öllicht über die teppichbekleideten Stufen, den Herrn in der gelben Jacke und die prunkenden stillen Gäste. Lautlos bewegten sich oben und unten die jungen Eunuchen, trugen auf den goldenen Servicen Tee auf. Khien-lung hielt, das Täßchen über seine Gäste schwingend, sein Porzellanschälchen noch lange in der Hand und las den Vers, der auf dem Täßchen stand, den er selbst gedichtet hatte: „Über ein gelindes Feuer setze einen Dreifuß, dessen Farbe und Korn seinen langen Gebrauch zeigen, fülle ihn mit reinem Schneewasser, koche es so lange, als es erforderlich wäre, Fische weiß und Krebse rot zu machen. Gieß es auf die zarten Blüten von erlesenem Tee in eine Tasse von Ju-eh. Laß es so lange stehen, bis der Dampf in einer Wolke emporsteigt und auf der Oberfläche nur einen dünnen schwimmenden Nebel zurückläßt. Trink diese köstliche Flüssigkeit, wie es dir bequem ist; so wirst du die fünf Ursachen des Mißmuts vertreiben. Ich kann diesen Zustand der Ruhe nur schmecken und empfinden, nicht beschreiben.“
Die harte leise Stimme des Gelben Herrn tönte. Die Umtriebe im Lande, besonders die nördlichen Provinzen erfordern verschärfte Aufmerksamkeit. Die sogenannte Wu-weisekte sei gebildet von einem Manne namens Wang-lun; Zwistigkeit unter den Anhängern habe zur Ablösung einer Gruppe geführt, die sich den schimpflichen Namen Gebrochene Melone gab und offene Rebellion trieb. Die Wu-weisekte sei selbst scheinbar vom Boden verschwunden, ebenso Wang-lun; man müsse den Leuten nachspüren, die sich in die großen Städte und Landbevölkerung eingegraben hätten.
Song erklärte, es sei Chen-yuen-li, der Tsong-tou von Tschi-li, ebenso Sü-tsi, Gouverneur von Schan-tung, orientiert worden. Der geheime Beobachtungsdienst in den Städten wäre vermehrt; die Kontrolle über plötzliche Todesfälle, unerklärliche Angriffe, erführe mehrfache Verbesserungen; die Aufsicht über Zuzug und Abwanderung sei auf Dörfern wie Städten der beiden bedrohten Provinzen in strengster Weise geregelt, die Oberaufsicht und Listenführung absolut zuverlässigen Beamten anvertraut.
Der Kaiser sprach: „Ich habe verboten, daß die Elitetruppen der Exzellenz Chao-hoei vor meinem besonderen Befehl aufgelöst werden. Ich behalte mir vor, diese Truppen gegen die Aufrührer zu verwenden; schon jetzt ordne ich an, Exzellenz Chao, daß Sie mit Ihren kriegsmäßig ausgerüsteten Mannschaften sich nördlich von Pe-king konzentrieren. Die lokalen Behörden mögen bekannt machen durch Maueranschläge und Ausrufer, daß von Zivilmaßnahmen abgesehen werden wird; die siegreichen Elitetruppen der Exzellenz Chao werden ermächtigt, unter Mitwirkung des Tsong-tous unmittelbar gegen verräterische Ortschaften vorzugehen.“
Liu-ngoh, ehemaliger Vizekönig von Tschi-li war anwesend; gebeugte große Gestalt mit langem Kinnbart; erschreckt wie die andern warnte er vor scharfen Drohungen, die eine unerwartete Wirkung üben könnten; der antidynastische Charakter der Wu-weisekte stünde nicht fest, nicht einmal das Vorhandensein dieser Sekte sei erwiesen; man könne mit den Drohungen etwaige Überreste der Sekte stärken, unruhige Elemente zusammenführen.
Chao-hoei, die Spannung in dem kaiserlichen Gesicht erkennend, replizierte; er wies auf das Faktum hin, daß vor einem Monat vierzig Männer und Frauen im Distrikt Ta-ming ergriffen seien, zugestandene Anhänger Wang-luns, die unter den Provinzialtruppen agitierten gegen den Krieg und die kriegerische volksfeindliche Reine Dynastie.