Khien-lung fixierte eisig den alten Vizekönig. „Was will man gegen die Reine Dynastie? Meine Ahnen sind nicht freiwillig in das Land der blumigen Mitte heruntergestiegen. Wenn wir Tai-tsings nicht gekommen wären, wo wäre dies Land heute?“

Nach einer Pause hitzigen Vorsichhinstarrens fuhr Khien-lung fort: „Die Herren, die zu begrüßen ich die Ehre hatte, sind keine Astrologen. Meine Astrologen sind gewissenhafte Gelehrte; sie brauchen viel Zeit, um ein Resultat herauszurechnen. Jetzt sind sie mit einer Vermutung sehr rasch gewesen; sie haben eine Vermutung ausgesprochen, bevor ich eine Frage gestellt habe. Auch die drei Zensoren, die diesen Winter gereist sind, um das Unheil in der Mongolenstadt Yang-chous aufzuklären, haben mir eine versüßte Vermutung zurückgebracht. Wenn irgendwo ein Haus, ein Theater, ein Regierungsgebäude brennt, so gilt dafür verantwortlich, neben dem Stadtgott, der Tao-tai bis zum Feuerlöschmann und Polizisten. Die alten Bücher sagen, daß dies Verfahren nicht auf einen außergewöhnlichen Vorgang anzuwenden sei: das weitere können sich meine Herren Berater denken. Nach Vermutung, zehnfach verheimlichter, eingewickelter, kandierter Vermutung der Astrologen und Zensoren soll ich mich an die Stirn fassen und in den Himmelstempel gehen, mich rechtfertigen, Sühneopfer bringen, fragen.“

„Ketzereigesetze“, begann A-kui mit ungeölter Stimme, „sind notwendig. Sie sind nicht erst von Eurer Majestät erfunden und angewandt. Das Handeln der Wu-weileute und der unflätigen Sekte fällt unter die Bestimmungen dieser Gesetze.“

„Folglich“, schloß Chao-hoei, „liegt hier ein ordnungsmäßiges Ereignis vor mit sachlichem Abschluß.“

„Die achtzehn Provinzen, Tibet, Ili, die Inseln fasse ich nicht mehr. Ein kleines Ereignis wahrscheinlich, die Tat dieses Wang-lun kommt mir zu Ohren: was höre ich alles nicht? Und nichtsdestoweniger hat man mich hingesetzt auf den Drachenthron, damit ich sehe, aufnehme, lenke, dem Himmel verantworte. Woher soll ich die Kraft nehmen! Und wie kann ein einzelner gebrechlicher Körper die Foltern tragen, die ihm auferlegt werden müssen für so viel Fahrlässigkeit, Nachlässigkeit. Daß man mir nicht beisteht, entschuldigt mich nicht. Sie klagen mich nicht an. Sie leisten mir nicht viel. Wang-lun läuft noch im Lande herum. Die Sache hat eine Stimme, die ich deutlich, deutlich schreien und warnen höre, und Sie bleiben meine Lobredner.“

Chao-hoei wollte bitten, etwas sagen zu dürfen; er trat vor Song, der schon den Teppich mit der gelehrten Stirn drückte, zurück: „Die Dinge, die Eure Majestät berühren, sind in der Tat zu fein, um nur von politisch und militärisch geschulten Männern beraten zu werden. Ich möchte den Vorschlag unterbreiten, eine Kommission zu ernennen aus den fünf ältesten Astrologen und drei politisch orientierten Dienern Eurer Majestät. Mag diese Kommission befähigt sein, den Fall allseitig und gründlich klar zu stellen und Bericht an Eure Majestät und den Zensorenhof zu erstatten.“

Chao-hoei, der weichlicher war als er erschien, bat mit zitternder Stimme: „Wie immer Eure Majestät sich entschließt, wollen Sie nicht Abstand nehmen von Ihrem ersten Befehl: die nördliche Residenz militärisch zu schützen.“

Khien-lung suchte langsam mit den Augen einen nach dem andern ab. Dann nickte er, streckte den fein geformten Kopf vor, als wenn er etwas mit Nachdruck sagen wollte; er redete leiser als sonst: „Veranlassen Sie die Einsetzung der gemischten Kommission. Der Direktor der westlichen Wege der Provinz hat mir berichtet, daß der Winter dieses Jahr kurz und sanft zu verlaufen scheint; die Wege von Tibet werden schon in den Talpartien frei. Ich hoffe noch auf einen andern, außerordentlichen Ratgeber. Ich dürste nach dem Ozean der Weisheit, dem Taschi-Lama Lobsang Paldan Jische. Dies wollte ich Ihnen sagen. Denken Sie nach, Durchlaucht Song, Exzellenzen A-kui, Chao-hoei, mit meinen Astrologen; ich habe Sie zwar ausgezeichnet, aber Sie sind mir noch mehr, viel mehr schuldig.“

Und dies war in der Tat schon vor der Beratung in dem Palast des Geistigen Wachstums geschehen: Khien-lung hatte einen Brief an jenen Mann geschrieben, an jenen Weisheitsozean. In einer unsicheren Scham verschwieg es der Kaiser. Dreimal hatte der Gelbe Herr ihn in früheren Jahren zu sich gebeten; der Taschi-Lama, Lobsang Paldan Jische, tibetanischer Papst der lamaischen Kirche, Stellvertreter des unmündigen Dalai-Lama lehnte ab; er fühle sich in seinem hohen Alter der Reise nicht gewachsen; im Grunde wußte der weise Mann, daß er als Vasall und Tributträger vor den östlichen Herrscher treten solle. Jetzt ergriff den Kaiser auf eine leidenschaftliche Weise der Wunsch nach dem ungeheuren Menschen im Westen. Der Brief, in einer großen Hoheit geschrieben, bemüht keine Hilflosigkeit durchscheinen zu lassen, wies erst politisch auf die Freundschaft, die der Taschi-Lama dem Georg Bowle bei dessen Besuch in Taschi-Lunpo erwiesen hatte, dem Gesandten der Engländer aus Indien, dem fremden Mann. Khien-lung billige diese Freundschaft, denn er erkenne daran, wie weit sich der Einfluß lamaischen Wissens erstrecke und daß auch barbarische Völker durch den Papst Anschluß an das beschützende Reich der blumigen Mitte suchten. Er sehne sich danach, persönlich den Mann zu sprechen, der stündlich zeige, daß er den Buddha Amithaba verkörpere. „Ich bin jetzt so alt, und die einzige Wohltat, die ich genießen kann, ehe ich das Leben verlasse, wird die sein, Sie zu sehen und mit dem göttlichen Taschi-Lama gemeinsam zu beten.“

Der Taschi-Lama Lobsang Paldan Jische war wenig jünger als der Kaiser. Er zögerte lange mit der Antwort auf die Einladung Khien-lungs. Der Mann, dessen Augen so dunkel blitzten wie der türkisblaue See Tsomawang, in dem sich der ungeheure Kailasberg spiegelt und der Gott Schiwa wohnt, wartete zwei volle Tage beklommen, bevor er aus den Händen des chinesischen Residenten den eigenhändigen Brief des östlichen Weltbeherrschers entgegennahm. Er fastete diese beiden Tage, verließ seine Zelle nicht, im Labrang, seinem Kloster gegenüber der weißdächrigen Stadt Schigatse im Flußtal des Ngang-tschu.