Die Ringmauern der Klosterstadt waren am Morgen des dritten Tages mit einem Reif bedeckt; der goldene Überzug der prunkvollen Grabkapellen früherer Lamas war erblindet; der weiße Wollschal, den der Großlama am Fenster sitzend um den Hals geschlungen hatte, spielte mit seinen Fransen über den schwarzen massiven Fensterrahmen, tastete, im scharfen Wind zuckend, über die verwitterten Steine der Fassade.
Erst da verwandelte sich die Botschaft des Kaisers vor dem versunkenen Manne, wich von ihm ab.
Paldan Jische war ein fleischerner Mensch gewesen; etwas Sterbliches, Kleinliches hatte aus einem Winkel durch die Gewölbe seines Geistes geblasen. Während der zwei Tage des Zögerns bedeutete ihm der östliche Kaiser Khien-lung etwas.
Jische hatte für sein Fleisch gefürchtet.
Die Augen des unvergleichlichen Mannes blickten wieder warm, mitleidsvoll; in einer leisen Scham trat er vom Fenster zurück.
Der Gesandte Khien-lungs möchte kommen; es würde ihm eine tiefe Freude sein, den Brief des östlichen Herrschers zu lesen. Viel später darauf erfolgte die Zusage, nachdem fast einen Monat hindurch seine Umgebung in ihn gedrungen hatte abzulehnen. Sie konnten die Ruhe des Heiligen nicht mehr stören; er sah in den Gesichtern seiner Schüler, Äbte, Doktoren, Gelehrten dieselbe Angst wühlen, die seinen Leib zwei Tage geknetet hatte.
Lobsang Paldan Jische stammte aus der südlichen Provinz Tibets; sein Vater war der tüchtigste Zivilverwalter des Schneelandes gewesen, die unentbehrliche Stütze des gelehrten und träumerischen Chu-tuk-tu, dem die Provinz übergeben war. Als der Taschi-Lama starb, sein Vorgänger, war Paldan Jische drei Jahre alt.
Drei schöne kluge Knaben standen vor dem alten Dalai-Lama unter der goldstrahlenden Kuppel seines Labrang in Lhassa. Zusammen mit den höchsten Äbten betete er inbrunstvoll vor dem hundertarmigen Buddha, dessen Verkörperung er selbst war. Als er sich lächelnd nach den Kindern umsah, traf sein Blick zuerst die dunkelbraunen Augen des kleinen Jische, der in einem rätselhaften Ernst seinen Blick ertrug. So wurde in dem Kinde die wandernde Seele des Taschi-Lama erkannt.
Er wurde seinem Vater entrissen, einsam gehalten die folgenden Jahre; kannte keine Spiele, keine Spaziergänge durch die belebten Straßen, sah keinen Knaben, kein Mädchen. Die Welt trat vor ihn nur in den Pilgerzügen, die in den Höfen Lhassas eintrafen, um einen kleinen Moment den Dalai-Lama zu sehen, der rasch und freundlich nickend in seine Kapelle oder zu einer Doktorpromotion ging. Immer geschah dasselbe: Gebete, Niederwürfe, verzückte Grüße.
In diese Gleichmäßigkeit wuchs Jische hinein, ohne Erregung und Ablenkung. Er mußte den Kopf neigen wie der Dalai-Lama. Alte Männer, Bettler, hohe Priester krümmten den Rücken vor ihm; mit seiner Person wurde ein grausiger, unirdischer Ernst verknüpft; Jische kannte und sah nichts anderes.