Er erschrak nicht vor sich. Er lernte die ungeheuren Zusammenhänge der Welten und ihre starre Verflochtenheit kennen. Die Weltalter dreier Buddhas waren ehemals, das Weltalter des Cakya-muni bestand; der Maitreya sollte kommen. Ein weltbefreiender Geist, der Buddha Amithaba wuchs in ihm; er durfte nur sorgsam auf die Regungen des Wandernden lauschen, sich jeder eigenen Bewegung entschlagen.
Jische reifte. Seine Weisheit war umfassend. Er lebte schon wie der Dalai-Lama in dem tiefen Glücksgefühl, der reinen Erkenntnis und dem schweren Mitleid. Den Platz, den er im Weltensystem einnahm, kannte er. Da wurde er nach Taschi-Lunpo geführt als Lehrer der großen Theorien.
Die Jahrzehnte verstrichen. Mit dem Alter wuchs in dem Ehrwürdigen der Reinen Andacht das Gefühl der Größe seiner Aufgabe. Das Leiden, das er in Nähe und Ferne sah, erschütterte ihn gewaltsam. Dies war in der Tat die Welt, auf die noch die Welt eines Maitreya folgen mußte; die Buddhas dieser Epoche und ihre Emanationen reichten nicht aus für die niederringende, niederklafternde Last des Leidens und Verderbens.
Monate vor dem Aufbruch richtete sich der Strom der frommen Bettler, Pilger und Pilgerinnen aus allen Provinzen und der Mongolei auf Taschi-Lunpo. Viele, die die golddächrige Priesterstadt erreichten, begannen den Weg, den der Heilige gehen sollte, in ihrer Weise abzuwandern: sie warfen sich lang hin, zeichneten mit einem Stein die Stelle ihrer Stirn, traten auf den Strich, warfen sich hin und maßen so die Strecke mit ihrem Leib.
Von Lhassa zogen Karawanen südwestlich nach Lunpo; sie schwenkten auf den Reiseweg des Lamas ein; die Strecken, die sie gegangen waren, erkannte man. Zahllose Gebetswimpel hingen an Schnüren von Baum zu Baum, von Stange zu Stange: Steinhaufen mit den beseligenden sechs Silben om mani padme hum wälzten sie auf. Auf den Pässen und Bergen legten sie Schulterblätter von Schafen nieder. Sie rissen sich Zähne aus und stopften sie zum Opfer in die Ritzen der Felsblöcke; schnitten sich die Haare ab, banden sie mit Schnüren zusammen, ließen sie flattern neben bunten Lappen.
Dann erfüllte der Zug die engen Straßen, verlassend die Klosterhäuser mit den karmesinfarbenen Brustwehren, dem Purpur der Erker, den steilen Wänden, dem Drüber und Drunter der Felsentreppen, Dächer und Zellen. Das goldprunkende Labrang blickte aus seinen schwarzumrandeten Fenstern hinter der heiligen Karawane her, wie eine Witwe, der die Tränen erfrieren. Bunte Wimpel huschten, Posaunen schrieen. Lobsang Paldan Jische, der Ozean an Weisheit und Güte, hatte sich auf den Weg nach Pe-king gemacht.
Es war Winter geworden. Das ungeheure Aufgebot, das den lamaischen Papst begleitete, rückte schwerfällig vor. Baumlose Steppen nahmen kein Ende. Auf dem harten Boden standen Dornensträuche, kümmerliche Kiefern und Fichten. Kalte Luft wehte. In kostbarer geschnitzter und bemalter Sänfte mit gelben Seidenvorhängen trugen vier Mönche den Heiligen, der mit untergeschlagenen Beinen reglos auf dem roten Polster hockte mit bloßem kahlgeschorenem Kopf. Seine Ohren waren groß, lang ausgezogen; er trug ein schwarzes blaubesticktes Seidenkleid mit weiten Pelzärmeln. Blätter aus dem Kan-dschur vor ihm.
Im Gewimmel um ihn die Lehrlinge, die Geweihten, Doktoren, Magier, Mediziner, die ausgewählt waren. Der Zug vergrößerte sich im Vorrücken; Gelehrte der Mongolei und aus Indien schlossen sich an.
Die ganze finstere Heiligkeit der Tempel begleitete den Lama. Priester schwangen auf den Wegen, die sonst Karawanen mit Ziegeltee und Seidenballen zogen, die furchtbaren Handtrommeln: zwei Menschenschädel, mit den Scheiteln aneinander geschlossen und fellüberspannt.
In der Sänfte des Papstes zu seiner Rechten eine herrliche Schädelschale in Gold gefaßt mit gebuckeltem Golddeckel; sie ruhte auf einem dreieckigen Untersatz aus schwarzem Marmor; an den drei Ecken stützten die gelbweiße Schale kleine steinerne Menschenköpfe, in rot, blau und schwarz.