Von Zeit zu Zeit, wenn man zur Andacht haltmachte, bliesen die Trompeten aus Menschenknochen; in einem Bronzeansatz mit weiten Nüstern endeten sie; ihr Tönen erinnerte an das Wiehern jenes Pferdes, das die Geister in die Freudenhimmel trägt.
Vor den wandernden Doktoren, die in spitzen, gelben Filzhüten gingen, auf deren Rückseite flauschige Kämme in die Nacken liefen, zogen riesige Jaks die ungeheuren und beispiellos kunstvollen Gebetsmühlen auf Karren.
Einheimische Tunguten in kleiner Zahl, dazu fünfzehnhundert kaiserliche Soldaten deckten den Zug. Nordöstlich schob man sich vor, an dem blauen See vorbei, dem Tsomawang, auf dessen Grund der Gott in einem Türkiszelt haust.
Ungeheuer ragte der Eisgipfel des heiligen Kailasberges herüber. Nach vielen Tagereisen kam man auf die Schneefelder und Berge, die zum Kukunor führen. Jetzt setzten die gefürchteten Nordstürme ein. Der heilige Zug, sich in Täler senkend, über Bergrücken windend, begegnete auf allen Wegen den Spuren des weißen Todes, Tierleichen, Menschengebeinen. Hier waren auf jedem Paß bittende Fähnchen, Knochen hingelegt für die furchtbaren Götter.
Und die furchtbaren Götter gaben auch den gnadenvollen Wanderern von Taschi-Lunpo das Geleite. Jamantaka, der grausigste der Göttergespenster, schrie gefräßig im Sturm über die grenzenlose Einsamkeit der Wege und fiel die Jaks, die Maulesel und Menschen an, er mit dem Stierkopf und der Pyramide von neun Köpfen, sechzehn Beinen, vierunddreißig Armen. Aus den schwingenden Armen sausten die eisernen Speere, er zerfleischte die Menschenkörper, fraß ihre Herzen, soff ihr Blut, er, der das Entsetzen verbreitete aus seiner Feste, die er durch sechzehn Tore verlassen konnte. Den Geweihten und Heiligen vermochte er nichts anzutun; die Dragsed, höllische Weiber kämpften gegen ihn, von den Magiern beschworen.
In den grausigen Bezirken rückte man langsam vor. Man betrat unter Dankgebeten die Provinz Am-do, die dicht an der Grenze der kaiserlichen Provinz Kan-su gelegen war. Dann traf man in der herrlichen talversenkten Klosterstadt Kumbum ein. Das Haus des Erneuerers der Gelben Kirche, des heiligen Tsonkapa, des Lehrers der Tugendsekte, träumte noch unter dem schönen Sandelholzbaum. Nach Osten ein Wall von Eis und Schnee.
Der gelbe Gott verharrte hier den Winter hindurch. Die Welt hatte einen neuen Mittelpunkt. Die Ströme der Wallfahrten und Karawanen endeten hier. Ein mongolischer Häuptling, dessen Scheitel Paldan Jische berührte, schenkte ihm dreihundert Pferde, siebzig Maulesel, hundert Kamele, tausend Stück Brokat, einhundertfünfzigtausend Mark Silber. Für Ärmste und Arme legte er täglich an tausendmal seine Hand auf safranbestrichenes Papier. Das Land schlürfte glückselig an dem Gott, der sich verschwendete.
Dann war der Winter und erste Frühling vergangen. Eine Ehrenwache von zehntausend Mann zog dem heiligen Tibetaner entgegen; es dauerte noch sechzig Tage, bis die wundertragende Karawane unter dem Geleit kaiserlicher Prinzen und des lamaischen Erzbischofs des Reiches, des Tschan-tscha Chu-tuk-tu, die westlichen Provinzen, die große Mauer, Dolonor überwunden hatte und sich dem marmorstrahlenden, gesangerfüllten Lustschloß Jehol näherte. Der Großlama bedurfte seines Schirmträgers nicht nach dem Eintritt in den kaiserlichen Garten; es waren an niedrigen bemalten Stangen Seidengewebe, bauschige gestickte Kostbarkeiten aufgehängt über den Weg, den der Hochwürdige ging zwischen den schwarzen himmelhohen Zypressen und schlanken Thujen. Rote und weiße Lotosblüten lagen auf der schimmernd braunen Erde, die seine Sohlen betreten sollten.
Aber an dem eisernen Gitter blieb der Taschi-Lama stehen. Er weigerte sich, die Blumen zu zermalmen. Er blieb in der warmen Luft fast eine halbe Stunde vor dem offenen Eingang stehen. Alles verzögerte sich; man räumte hastig drin von den Gängen die Blüten weg; wehmütig verfolgte Paldan Jische die Arbeit; auch die Äbte und Doktoren hinter ihm standen mit gesenkten Köpfen da, peinlich betroffen von diesem barbarischen Empfang.
Und als dann der tibetische Papst auf seinem Wege seitlich neben einem Zypressenstamm einen kleinen Haufen der zusammengefegten Lilienleichen sah, konnte er sich nicht enthalten, in einer Art Grauen stehen zu bleiben, zu dem Hügelchen hinüberzugehen und in Gegenwart des goldüberladenen Hofstaats, der singenden, fähnchenwedelnden Chöre auf der bloßen Erde hinzuknieen, Blüte um Blüte mit den segnenden Händen zu berühren.