Eine breite Allee führte gerade auf das Schloß. Als von der Schloßterrasse der Zug sichtbar wurde, die Gongschläger und Posaunenbläser voraus, ging ein einzelner Mann im gelben Seidenkleide rasch die drei Marmorstufen herunter; das Gefolge wich auseinander bis vor dem Taschi-Lama; zwischen zwei der riesigen Zypressen wurden Khien-lung und Lobsang Paldan Jische einander ansichtig, der schlanke graubärtige Herr der Gelben Erde und der große etwas fette Papst, dessen Gesicht einen Schatten von Trauer trug. Er hatte die hohe Mitra auf dem Kopfe; sein goldfarbener Goldmantel war über und über bestickt mit Buddhafiguren und anbetenden Heiligen. Vor der Brust trug er zwei ausgestopfte Ärmel, mit künstlichen weißen Händen, die sich falteten; Jische verkörperte einen vielarmigen Buddha.

Vierzig Schritte kam Khien-lung dem bronzefarbenen Mann mit den weichen Lippen und den glänzenden stillen Augen entgegen; sie verneigten sich gegeneinander; die Musik schwieg.

Leise, seufzend pries sich der Gelbe Herr, daß ihm der Himmel das Glück dieser Minute verliehen habe vor dem Sterben, hieß den Heiligen willkommen, wollte sich tief vor ihm bücken.

Aber der Hochwürdige hielt ihn bei den Ellenbogen, trat, um weiterzugehen, neben den Kaiser. Der war verwirrt und stand noch lippenbewegend da. Sie gingen dann beide, nur von den Fächerträgern begleitet, über die drei Marmorstufen und die Terrasse in die Zimmer, die dem Geistlichen Herrscher bestimmt waren, wo sich Khien-lung rasch verabschiedete.

Tage wurden ausgefüllt mit Besuch, Gegenbesuch, Festmählern, Geschenkaustausch. In einem Seitenflügel des Palastes war eine Halle hergerichtet worden, ganz gesondert für sich, nach drei Seiten freistehend, nur durch die Türwand mit dem Hauptgebäude verbunden; in diesem luftigen Raum, in dessen Mitte sich drei Sessel auf schwerem Teppich erhoben, fanden die Unterredungen des Heiligen mit dem Gelben Herrn in Gegenwart des Tschan-tscha Chu-tuk-tu statt, zweimal ohne seine Anwesenheit.

Ein Altar mit der riesengroßen Statue eines sitzenden Buddhas aus Gold blickte zu den drei Plätzen hin, auf dessen erhöhtem mittleren der Pantschen Rinpotsche, das hochwürdige große Lehrerjuwel vom Gnadenberg in Tibet, sich bald nach rechts, bald nach links neigte und dem Kaiser und dem Kardinal geheimste religiöse Worte ins Ohr flüsterte. Eines Tages riefen mongolische Karawanen, die bis dicht vor Jehol gereist waren, den Tschan-tscha ab, um Streitigkeiten bei ihnen in letzter Instanz zu schlichten; dies war heimlich von Khien-lung veranlaßt worden. Die beiden Tage, an denen der eine Sessel leer blieb, konnte sich Khien-lung ergehen.

Wie immer bei den Unterhaltungen war die Halle auf dreißig Schritt von der kaiserlichen Leibwache umstellt; die drei anstoßenden Zimmer wurden verschlossen, Posten vor die Türe des entferntesten Zimmers gestellt. Khien-lung rückte seinen Sessel halb von dem mittleren ab, so daß er dem Pantschen Rinpotsche schräg gegenüber saß und dem Altar an der Fensterwand leicht den Rücken kehrte. Paldan Jische ließ nachdenklich seinen Kopf auf die Brust sinken, zog den Rosenkranz durch die Finger der rechten bloßen Hand, kleine unregelmäßige weiße Kugeln aus Menschenknochen mit Edelsteinen besetzt.

Bevor er aus seiner Kontemplation auftauchte, fing Khien-lung, der die Arme verschränkte, zu reden an: „Eure Heiligkeit haben mir Unwürdigen so viel gegeben; meine Seele glättet sich. Ich bin zwar Kaiser, aber nur ein Mensch. Ich bin der Sohn des Himmels, aber vor der Innigkeit Ihrer Beziehung zu den großen Weltherrschern schauere ich. Manchmal schrieb ich Gedichte; meine Akademie, der glänzende Pinselwald, lobte sie; ich vermag, vergeben es Eure Heiligkeit, zu Ihnen kaum eine menschliche Stellung gewinnen. Mögen in Ihrem Lande der Gräser und schwarzen Zelte die Leute gewöhnt sein an Sie, an Ihre Milde, Ihre überwältigende Gesinnung; ich vermöchte weder Sie persönlich, noch was Sie mir sagten, zu träumen, zu dichten.“

„Die Majestät beschützt mein kleines, armseliges Schneeland. Wir nehmen ein Winkelchen ein in dem Haus, das Eure Majestät beschützt. Cakya-muni hat seine Laufbahn in dem südlichen Lande beendet; meinem eisigen verschlossenen Lande ist die Pflege seiner ewigen Lehren überlassen geblieben. Die Geister sind bei uns; die Wiedergeburten der kostbarsten Buddhas erlebt das kahle Gebirge, das den Tod speit und die Kälte haucht wie eine der verheißenen Eishöllen.“

„Die Erde bebt nicht unter dem Atem. Alle Münder schnappen nach dieser Luft, die vom todspeienden Gebirge ausgeht.“