„Setzen Sie sich aufrecht, Khien-lung; sprechen Sie deutlicher.“
„Es ist leicht gesprochen. In den achtzehn Provinzen gibt es Betrüger wie überall. Ein Mann aus Schan-tung, ein Fischersohn aus einem Seedorf, hat eine Sekte gestiftet, die er Wu-wei nennt. Dieser Wang-lun ist ein mehrfacher Verbrecher, Mörder, Räuber. Er entzweit sich mit einem Teil seiner Anhänger, die sich einen frechen Namen beilegen, in einer nördlichen Provinz eine Rebellion erheben, zum Teil niedergeschlagen werden, zum Teil sich in den Vorort einer westlichen Stadt einschließen lassen. Hier ist nun, Paldan Jische, Pantschen Rinpotsche, das Verbrechen geschehen, unter dem ich noch bebe, noch keine Ruhe finden kann. Bevor die Truppen vor der Stadt ankamen, sind in einer Nacht die tausende Menschen, Männer und Frauen, mit einem Schlage in der Altstadt umgekommen, auf eine so grauenhafte Weise, wie die Geschichte dieses östlichen Landes nicht kennt. Wie es nun ist, ob sie durch Wasser vergiftet sind, oder Dämonen über sie herfielen, ich komme nicht zur Besinnung darüber. Der Verbrecher Wang-lun scheint seine ehemaligen Anhänger umgebracht zu haben, in einem Gemisch von Rachegefühl und Hochmut; meine Beamten haben den unerhörten Menschen nicht ergreifen können. Ich muß mich aber fragen, was ich getan habe, daß solches Ungeheuer am Abend meiner Regierung sich zeigt. Ich muß erkennen, wessen ich bezichtigt werde durch eine so offensichtliche Anklage.“
„Khien-lung, Sie sind alt geworden. Früher hat der Todessturz ganzer Völker nicht Ihr Ohr erreicht; jetzt genügt schon das Schreien und Sterben einiger tausend Menschen, um Sie schlaflos zu machen.“
„Ich will keine Anklage von Ihnen hören.“
„Ich klage Sie nicht an. Sie leben in der Welt der Gelüste; es ist mir eine Freude zu hören, daß Sie keinen Schlaf finden.“
„Damit helfen Sie mir nicht, Pantschen Rinpotsche. Sie dürfen es nicht genug sein lassen mit solchen Worten. Ich bin der Kaiser des mächtigsten Weltreiches; ich habe nicht wie eine Puppe auf dem Thron gesessen, sondern mich bemüht um den Ruhm und Reichtum meiner Dynastie. Man muß mich nicht für einen Menschen wie diesen und jenen nehmen, mich auf gewöhnliche Wege zerren wollen. Hilfe will ich von Ihnen, Pantschen Rinpotsche. Sie stehen mit den tiefsten und furchtbarsten Dingen der Welt, in einer Verbindung von unbegreiflicher, unsagbarer Nähe; in Ihnen herbergt der Geist eines Buddha; Sie sind der einzige, den ich greifen, fassen, sehen, hören kann, und zu dem ich Zutrauen habe, nachdem mein bester Sohn von mir abgefallen ist. Denken Sie, daß ich unverändert Kaiser des Reiches der Mitte bin, legen Sie mir nicht Unmögliches auf.“
„Majestät, das klingt alles so gut, was Sie sagen. Sie bedürfen der Hilfe des zeptertragenden Lamas nicht. Sie tauchen aus dem Sansara auf, nachdem Sie den Ruf gehört haben.“
„Ich bin Kaiser und lebe in keinem Sansara. Ich will keine Wege zum Buddha gehen; mein Reich ist gut, es war mir nie, auch jetzt nicht eine Hölle. Paldan Jische, seien Sie nicht taub. Ich bettle doch.“
„Seien Sie nicht taub, Khien-lung! Wie soll die Erweckung im Menschen erfolgen, wenn nicht so, durch Unruhe, Beängstigungen, im nächtlichen Umherwandern, Händeringen, Hilferufen in die vier Gegenden.“
„O sind Sie grausam. Ich habe Sie für einen Ozean der Milde gehalten und mich getäuscht.“