„Lassen Sie mich weinen mit Ihnen. Und lassen Sie mich beten, daß Sie stark bleiben und daß es nicht von Ihnen abläßt.“

Khien-lung war fassungslos mit der Stirn gegen die goldene Lehne seines Sessels aufgeschlagen. Seine Schultern und Arme hoben sich stoßweise unter der dröhnenden Erweiterung seines Brustkorbes. Der Anwesenheit des Taschi-Lamas achtete er schon nicht. Das Gefühl der grauen Verlassenheit überwältigte ihn.

Der Heilige nahm seine Mitra vom Kopf; der kahlgeschorene Schädel war mit feinen Schweißtröpfchen besetzt. In dieser nur von dem schnaufenden Atem des Gelben Herrn unterbrochenen Tonlosigkeit wuchsen die Minuten zu gedehnten Stunden. Die Stille war nur durch eine kleine Hülle, dünn wie eine Gummihaut, geschützt; dahinter spannte sich ein Luftgemisch, das jeden Augenblick brüllend die Hülle zu durchreißen drohte. Der Pantschen Rinpotsche rauschte an den Altar, nahm das Gebetszepter in die Hand, warf sich nieder. Als er sich erhob und umdrehte, war der stechende trübe Blick Khien-lungs auf ihn gerichtet. Der Heilige scharrte stockend zurück; die bildgeschmückte Mitra hob er sich langsam auf den Schädel. Er verneigte sich vor dem steifsitzenden Gelben Herrn, dessen Gesicht den großen Kriegskaiser zeigte, sagte: „Wenn es Eurer Majestät gefällt, will ich jetzt zur Andacht gehen.“

„Ich bitte Eure Heiligkeit, mich morgen einer Unterweisung zu würdigen.“

„Ich werde Auftrag geben und den hohen Tschan-tscha Chu-tuk-tu anflehen, sich auch morgen um die mongolische Karawane zu bemühen.“

Um dieselbe Nachmittagsstunde des nächsten Tages traten Khien-lung und Paldan Jische in die Halle der drei Sessel. Ein umfangreiches Schmuckstück prunkte vor dem Sitz des Heiligen. Schwarzer glatter Dreifuß aus Holz mit kreisrunder grünbemalter Platte, breit wie ein ausgestreckter Männerarm. Auf der Platte hatte eine wunderbare Miniaturkunst eine Stadt aus blitzendem Metall, Edelsteinen und bunten Stoffen gebaut. Innerhalb der Randmauer, der Ringmauer drängten sich die Häuser mit geschwungenen Dächern. Die Ehrenbögen, Tempel; breite Alleen teilten die Stadt, in der ein hohes Fest gefeiert wurde, viele Banner wehten von den bemalten Stangen, prächtige Gebetsmühlen hatte man auf die Wege geschleppt. Das Zentrum buckelte eine Halle aus, die eine glatte Kristallkuppel trug; vier Stufen führten in den atemlosen, säulenumstellten Raum; ein goldener Gott schwieg in der Mitte. Dies war ein Abbild der Götterstadt auf dem Weltenberge Sumeru.

Nach Austausch der Begrüßungs- und Dankformeln saßen die beiden Herrscher nebeneinander. Das gelbe Sonnenlicht fiel schräg durch die Halle.

Der Gelbe Herr erschien lebendig, aufgeräumt. Paldan Jisches Brustschmuck glitzerte, ein kalmykisches Geschenk, eine halbmondförmige blaue Agraffe; Kettchen, die von ihr herunterhingen, hielten zwei runde Platten aus Silber mit eingelegten Korallen, Bergkristall und kleinen Perlen; die Kettchen endeten in langen Seidenpuscheln, die auf den Schoß des Großlamas fielen.

Der Pantschen begann zu reden: „Der gelehrte Tschan-tscha Chu-tuk-tu klagt, daß seine Amtstätigkeit ihn auch heute von der Zusammenkunft mit Ihnen und mir fernhält.“

Khien-lung lachte: „Ich finde es recht despektierlich von dem gelehrten Chu-tuk-tu; für die Karawanen und Viehherden findet sich vielleicht noch ein anderer geistlicher Richter. Lassen mich Eure Heiligkeit mein Beileid aussprechen zu einem so anmaßlichen Diener, der in meinem Lande sich eine zu große Selbständigkeit angewöhnt hat. Wenn Sie anordnen, werde ich seine Bestrafung verfügen.“