„Was soll ich tun, um die Kette zu zerreißen? Ich weiß, meine Ahnen haben hier etwas nicht gebilligt. Aber ich kann die Menschen nicht wieder zum Leben bringen. Ich kannte diese Sektierer nicht; ich werde für sie opfern lassen.“
Der Heilige lächelte; er streichelte die Seidenpuschel seines Brustschmuckes nachdenklich: „Länder und Menschen sind grundverschieden; zehn Tagereisen nach Osten von Tibet hat sich alles verändert und man weiß weder von den Weltumwälzungen noch von dem Kreislauf der Geburt und des Todes. Hundert Familien nennen Sie sich; nicht einmal der Tod bricht die Familien in Stücke; Ihre Ahnen bleiben bei Ihnen. Wie abgeschliffen glatt ist das, häuslich, über den Boden gebückt. Eine Räucherung versöhnt für den Sturz in die Kaskaden der Wiedergeburten; ein Töpfchen Butter will eine Seele für die jahrtausend verlängerten Qualen entschädigen. So lassen Sie für die Geister dieser Toten in Ihrer Weise opfern; errichten Sie ihnen Wegschreine. Die Reste der Wu-wei-Sekte schonen Sie.“
„Mein Kopf ist leer, faßt keine Gründe. Sie wollen mir helfen, Sie wollen mir helfen!“
„Wieder ist der Tag schön. Milde sein, still sein heißt die Hand, die alle Riegel hebt. Kommen Sie zu mir, alter Mann, finden Sie sich, bevor Sie sterben.“
Der alte Gelbe Herr starrte vor sich hin: „Der Hochwürdige vom Gnadenberg hat eine leichte sanfte Art, die Fäden zu lösen. Ich werde meinen Ahnen Sühneopfer bringen; ich werde nach Mukden an die Gräber gehen. Für Wang-lun und seine beladenen Anhänger Versöhnungen ersinnen. Kang-hi, Jang-tsing wollen es.“
Khien-lung steifte die Wirbelsäule. Der Papst der Gelben Kirche zog die Knochenkette durch die rechte Hand; sein Gesicht war dem Kaiser zugewendet.
Den Kaiser umringten die Schatten seiner starken Ahnen; sie drückten auf seine hochgezogenen Schultern; sie musterten ihren hinsinkenden Nachkommen. Der Kaiser bäumte sich; dies waren Kang-hi, Jang-tsing, die ihn in ihren stillen Kreis aufnehmen sollten. Durch ihren Nebel leuchtete das bronzene, freie Antlitz des Heiligen von Taschi-Lunpo.
In einer Verwirrung und Erschütterung schlotterte der Gelbe Herr vor dem fremden Mann hoch, berührte seine seidenen Ärmel: „Sie sind, Paldan Jische, der zeptertragende Lama. Khien-lung fürchtet sich; haben Sie ihm gut geraten?“
Wang-lun hatte man nur eine Woche nach dem Fall Yang-chous zu verfolgen vermocht. Der Verbrecher lief am hellen Tage durch die westlichen Flecken; niemand wagte sich an ihn heran. Ahnungslose warf der riesenstarke Mensch zur Seite; Angriffen mehrerer entzog er sich auf eine schlaue Art. Zuletzt wurde er um die Zeit des ersten Schneefalls in Ho-kien, westlich des Kaiserkanals, gesehen, vor der Mauer dieser volksreichen Stadt.
Seit da hatte ihn niemand in den Provinzen des Nordens gesehen, weder im Winter noch im folgenden Sommer hörte man von Wang-lun. Auch unter den Brüdern und Schwestern gingen nur unsichere Gerüchte über ihn. Ngoh, der ehemalige kaiserliche Hauptmann, schien am meisten Kenntnis über Wangs Aufenthalt zu haben; Ngoh war es, mit dem Wang vor den Mauern Ho-kiens zusammengetroffen war. Von ihm erfuhr man, daß Wang lebte; er gab manchmal in zögernder Weise zu, daß Wang auch bald wieder kommen würde, aber sobald die Rede auf den Gründer des Wu-weibundes kam, verstummte Ngoh, blickte zur Seite und war schwermütig.