Wang-lun hatte völlig die nördlichen Provinzen verlassen, zwei Tage, nachdem er von Ngoh Einzelheiten des Untergangs der Gebrochenen Melone erfahren hatte. Das Gerücht war rascher als Wang gewesen, der einen ganzen Tag sich hatte verstecken müssen. Der sehnige Ngoh wußte nicht viele Vorgänge; einige, die man ihm mitteilte, vergaß er unter der grausigen Wucht des Ganzen.

Als Wang vor ihm stand, mit eingefallenem Gesicht, blutunterlaufenen Augen, verwandelt in einen Kriegs- und Rachedämon, nur Gehirn und Arm zu seinem berüchtigten Gelben Springer, erschrak Ngoh derart, daß ihn Wang an dem Wams festhalten mußte.

Sie gingen an der Mauer entlang; in einen zerbrochenen Hockkäfig, der von Bettlern als Nachtlager benutzt wurde, setzten sie sich; Wang wartete, bis sich Ngoh beruhigt hatte. Dann gab Ngoh Antwort auf die Fragen des Mannes, leise, vor seiner eigenen Stimme sich entsetzend, öfter fragend: „Was soll mit dir geschehen, Wang?“

Ngoh konnte von dem nächtlichen Tumult in der Mongolenstadt berichten, von den Versuchen einzelner Brüder, aus der Stadt zu entkommen, vom Todessturze über die äußere Mauer. Mehr Einzelheiten wußte er von dem Eindringen der Bürger in die Stadt bei Anbruch des Morgens; auch die Namen des Führers der ehemaligen Stadtsoldaten und anderer, die Namen der beschwörenden Bonzen waren ihm bekannt. Als Wang erfuhr, daß kein einziger der Eingeschlossenen die Nacht überlebt hatte, atmete er auf, schlug sich dröhnend gegen die Brust, saß aus Erz da.

Dann fragte Wang, während sie stoßweise der Wind mit lockerem Schnee von den Latten des Käfigs überschüttete, wessen Schicksal besonders bekannt geworden.

Ngoh schwieg zuerst, erzählte einige Vorkommnisse, ohne die Namen der Betroffenen angeben zu können, schilderte, wie man die schöne Liang-li aufgefunden, noch lebend; er redete sich in große Erregung hinein und endete klagend mit dem Tode Ma-nohs.

In ein gellendes Geheul brach Wang-lun aus; er hielt sich an Ngoh fest, stopfte sich die Ohren zu, wand sich.

Er rannte aus dem Käfig hinaus, durch den weichen Schnee an der Mauer entlang, Ngoh hinter ihm her. Unaufhörlich gellte Wang, warf sich, die Erde mit Fäusten bearbeitend, auf den Boden, raffte sich wieder auf; schließlich liefen sie hintereinander auf eine kleine Anhöhe. Der schreiende speichelnde Mann setzte sich in den Schnee, hielt sein Schwert mit beiden Händen hoch, schwang es gleichmäßig durch die fallenden Flocken von rechts nach links, von links nach rechts. Er zog es herunter, küßte stöhnend die Klinge, betrachtete mit fremden Blicken den ratlosen Ngoh. Er wälzte sich auf der Erde, rollte den Hügel herunter, malte eine lange hellrote Spur in den weißen Schnee mit der blutspritzenden Hand, die am Gelenk geschlitzt war. Ngoh fiel in sein Wimmern ein; er rüttelte an dem Mann, hob ihn auf, preßte Schnee gegen die Wunde, zerrte Wang hinter sich her, der den Kopf mit dem verzerrten Gesicht im Kreise drehte, mit der rechten Hand sein abgerissenes Schwert hinter sich schleifte wie ein Kind sein rollendes Wägelchen.

Dicht vor einem Tor fühlte sich Ngoh an der Schulter gepackt; Wang stieß ihn schnaubend mit wilden Blicken von sich, blieb zuckend stehen, betrachtete, sein Schwert hinwerfend, die breite Schnittwunde am linken Handteller, wehrte dem unaufhaltsamen Wimmern Ngohs ab. Der riß sich einen Lappen aus seinem Mantel, band die rote Fläche zu. Rasch entfernte sich Wang, ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich umzusehen.

Am zweiten Tage hatte das zarte Schneegestöber aufgehört; durch die blendende Landschaft zitterte das Klingeln der Lustschlitten, das glückliche Kichern. Die Ebene vor dem Tore war mit spazierenden Männern und Kindern schwarz betupft. An der Mauer drückte sich Ngoh mit Wang-lun entlang unter den Bettlern, die in Reihen lagen, ihre verstümmelten Glieder zeigten, den Hundereis, den ihnen die Wohltätigkeitsanstalten schickten, aus Kübeln schöpften. Jenseits des Hockkäfigs wurde es stiller; sie schlenderten ohne zu sprechen am Fuß der Mauer weiter.