Am Eingang erreichte ihn Wang mit dem Mädchen. Beide schüttelten sich vor Lachen. Wang hatte dem Mädchen erzählt, daß der Hauptmann wegen eines Lustknaben den kaiserlichen Dienst quittiert hätte. Die Dirne konnte fast platzen vor Vergnügen über den verrückten Kerl und fragte quietschend Ngoh nach dem Namen des Knaben, indem sie mit dem Zeigefinger ihre Stirn berührte. Rasch ging Ngoh in die Stadt hinein. Er hörte noch, wie Wang hinter ihm herrief: „Lebe wohl, alter Bruder! Ein Wiedersehen im Westlichen Paradiese.“ Und wie er zur Freude des Mädchens die Torwache anrempelte.

Nach diesen Ereignissen verschwand er den Brüdern völlig aus dem Gesicht. Ngoh schwieg über die Begegnung. Als die kaiserlichen Erlasse erschienen und Wang-lun aus Hun-kang-tsun, Hai-ling, Schan-tung völlige Straffreiheit verhießen und Duldung seiner Lehre, saß der ehemalige Bandenhäuptling auf seinem kleinen Acker im Hia-ho, fuhr mit den Kormoranen auf Fischjagd, seine Frau kannte ihn unter dem Namen Tai. Er war ein gewiegter Mann, ehrerbietig gegen den Magistrat, kameradschaftlich, nicht ganz zuverlässig im Umgang. Mit dem Glauben hielt er es wie alle Bauern: betete zu den Göttern, die ihm am meisten Gewinn versprachen. Unter den Zuwanderern des letzten Jahres nach Sicherung des Großen Dammes gegen Springfluten war Tai der meistgeschätzte.

Nach ein paar Wochen erfuhren die Präfekten der Distrikte und Städte Tschi-lis und Schan-tungs, in wie sonderbarer Weise sich die Untat in Yang-chou-fu an dem Gelben Herrn ausgewirkt hatte.

Die weitere Verfolgung der Sektenanhänger wurde durch das Tribunal der Riten, die Zivil- und Militärbehörden gleichzeitig verboten. Ein kaiserlicher Erlaß an die Tsong-tous und die Präfekten der Kreise belegte den völligen Sinnesumschwung der höchsten Instanz über das Ereignis. Magistratsbeamte und Literaten der westlichen Provinz Tschi-li wurden mit empfindlichen Geldstrafen und Degradierung bestraft, weil sie falsche Mitteilungen über das Wesen der Sektierer gemacht hätten. Es verlautete aus dem Astrologenhof der Roten Stadt, daß sich aus der Untat in Yang-chou schwere Konstellationen für den Gelben Herrn ergeben hätten.

In den Literatenzirkeln, in den Tempeln des Kung-tse saß man niedergedonnert beieinander. Bestimmter drang durch, daß der Sinnesumschwung des Kaisers datiere von dem Besuch des Lamas Paldan Jische beim kaiserlichen Hof in Jehol. Die nicht ordnungsmäßige Begründung des Abweichens vom Ketzereigesetz fiel auf; nichts verlautete von Eingaben des Zensorenhofes; das Nachschleppen des astrologischen Bureaus sprach nicht für eine Initiative dieser Instanz. „Der Lamaismus am Hofe“, dieses alte verhängnisvolle Lärmwort erschreckte die konservativen Elemente; sie erregten sich; von den trüben Zuständen des alten Herrschers raunte man, von einem Mißbrauch finsterer Altersstimmungen durch mystische Pfaffen.

Hetzereien gegen die Wahrhaft Schwachen setzten mit außerordentlicher Wut ein. Der Erlaß wurde kaum in dem vierten Teil des Landes zur Kenntnis des Volkes gebracht, zum Schein über Nacht an Mauern angeschlagen, von gemieteten Strolchen abgerissen. Es erfolgten erbitterte Zusammenkünfte, Beratungen, Beschlüsse der Kung-tsefreunde. Im Westen Tschi-lis erfolgten die ersten Zusammenstöße. An mehreren Orten wurden Brüder niedergeschlagen und gefoltert. Sie zerstreuten sich oft; das Martyrium lockte neue Bekenner.

In der verhängnisreichen Gegend des Ta-lousumpfes standen zwei Trupps, die, umzingelt von ihren gehässigen Verfolgern, von einigen Verzweifelten mitgerissen, sich zur Wehr setzten, ja in einem blinden Aufwallen den Angreifern ein regelrechtes Gefecht lieferten, das für die Bündler siegreich verlief. Dies war der Anfang einer besinnungslosen Hetze auf die Vaganten in dieser Gegend. Im Norden Pe-kings, im südöstlichen Tschi-li ging es ebenso; unabhängige Ortsbehörden organisierten Angriffe auf sie. Hier und da wurden lamaische Priester angefallen.

Kia-king, der starke fürstliche Kia-king zweifelte nicht an dem Wahnsinn seines Vaters, an einer Betörung durch den heimtückischen Taschi-Lama. Eine Abschrift des kaiserlichen Versöhnungserlasses zerriß er in seinem Palast vor den Augen Chao-hoeis und Songs, die ihn besuchten. Als die Nachrichten von dem Umsichgreifen der Rebellen kamen, funkelten seine Augen vor Freude. Man hetzte ihn Partei zu ergreifen; er konnte des Anhangs aller Freunde des Kung-tse aller wahren Patrioten sicher sein, die mit Abscheu den Sieg der Gelbmäntel am Hofe verfolgten. Er hielt an sich; aber die Schlüssel zu seiner Schatzkammer warf er nach einer solchen zornigen Unterhaltung dem Aufseher seiner Gärten zu. Jetzt geschah etwas Erstaunliches: der Widerstand der Behörden hörte in den Provinzen rasch auf; dafür wuchs der Anhang der Sekte zu einem unerhörten Umfang, und die Anhänger schien alle zusammen ein Taumel von Wut, ein Rausch von Kampflust zu ergreifen, der wie ein Meer alle Sanftheit mit einer einzigen Flut ertränkte. Es waren von der Eunuchenumgebung Kia-kings unbedenklich mehrere Tausend entlassener Soldaten an verschiedenen Orten angeworben worden, die den Auftrag erhielten, den Wahrhaft Schwachen zum Schein beizutreten, im übrigen Befehle aus Pe-king entgegenzunehmen. In einigen Wochen vollzog sich eine entsetzliche Umwandlung des Bundes.

Zwei Greueltaten wurden von Pe-king aus mit feinstem Geschick arrangiert: ein Attentat auf den einzigen Sohn Chao-hoeis, des Lieblingsgenerals Khien-lungs, und ein Scheinangriff auf Mukden, wo der Kaiser sich eben aufhielt. Lao-sü hieß der Sohn Chao-hoeis; bei Schan-hai-kwang stand sein Wohnhaus auf den nordwestlichen Abhängen der Magnolien. Während der junge Lao-sü mit einem Freund eines Abends durch die dunklen Straßen der Stadt spazierte, um zu scherzen, sie trugen elegant Gardenien in den Händen und liefen mit dem tänzelnden knickenden Schritt der Gaukler, wenn sie auf Bambusstäben jonglieren, fielen Kerle im Finstern über sie her, schlugen ihnen mit Holzkloben über den Kopf, rissen ihnen das mandschurische Brustschild aus dem Oberkleid. Sie schleppten die beiden Besinnungslosen vor das Tor eines verfallenen Hauses, malten ihnen mit Erde das Zeichen der fünf bösen Dämonen auf die Stirn. Chao-hoei, der bei Khien-lung weilte, brach hin über die Schmach, die man seinem Hause angetan hatte; Lao-sü heilte schwer. Neben den Kaiser her schleppte der General sein Unglück.

Unmittelbarer Teilnehmer an einem Exzeß der Bündler wurde der versunkene Kaiser in Mukden; er sah vom Garten aus die züngelnden Flammen, welche eine Pagode und einen Ehrenbogen ergriffen, die er selbst zu Ehren seiner Mutter errichtet hatte. Er hörte auch die Todesschreie der Bündler, armer Soldaten, denen man eine große Geldsumme für ihre Familie gegeben und eine kostbare Beerdigung versprochen hatte.