Er verließ die Mandschugräber, reiste nach Jehol. Widerstrebend öffnete er die Berichte, die von den Tsong-tous eingelaufen waren: Rebellion, offene Rebellion war im Lande.
Todesstille in dem kaiserlichen Wohnhaus, als dem Himmelssohn die Berichte vorgelegt waren. Er hielt sich eingeschlossen. Am Mittag des folgenden Tages stieg er gebückt allein in die Ahnenhalle, wo er bis zum Abend blieb. Khien-lung fühlte sich schlaff und elend. Er fürchtete, sein Tod könnte jede Stunde eintreten. Das grausige Gespenstergesicht aus der Mongolenstadt hatte seine Züge nicht verändert. Er konnte es nicht ändern. Er konnte seine Ahnen nicht versöhnen. Sein Leben endete schmählich. Der Himmel hatte dies über ihn verhängt. Es sollte nicht anders enden.
Und in diesen Tagen, wo der alte Gelbe Herr auf sich eindrang, um seiner Seele einen Zornesausbruch abzuringen, traf ihn ein Schlag, der aus seinem eigenen Hause auf ihn gerichtet war.
In einer Clique, die sich in einem Pe-kinger Hause zur Pflege von Klatsch, Intrigen, Veranstaltung von Theateraufführungen zusammenfand, spielte eine große Rolle eine Dame namens Pei, deren Vergangenheit den meisten der vornehmen Besucher des Hauses unbekannt war.
Die Dame Pei behauptete selbst die Tochter eines westlichen Mühlenbesitzers namens Pei-sih-fu zu sein; früh verwaist wäre sie nach einer Vorstadt Pe-kings geschickt worden, wo sie ein im Ruhestand lebender Mandarin adoptierte und erzog. Die elegante Person hatte unzweifelhaft die Allüren der gebildeten Gesellschaftsklasse, sprach das reinste Kuan-ha, beging nur öfter Schnitzer in elementaren Sachen, mißverstand literarische Anspielungen. Das traf sich gelegentlich, da sie sich sonst außerordentlicher Zurückhaltung befleißigte. Es hätte niemand aus der Vorstadt Pe-kings, in der sie wirklich „erzogen“ war, in der auffallenden und klugen Dame Pei die kleine Haussklavin eines verwitweten Barbiers Yeh wiedererkannt, bei dem sie in einem unsauberen Haushalt den Schmutz vermehrte, täglich von den verwahrlosten Barbierkindern geprügelt wurde und fast verhungerte. Sie lief weg und es scheint, als ob sie in einem der bemalten Häuser am Kanal erst Küchendienste tat, dann unterrichtet, selber die höheren Weihen empfing und in die Versammlung der Mandarinenten aufgenommen wurde.
Sie avancierte aber in dem Viertel, in dem sie wohnte, nicht zur Königin des strahlenden Blumenfeldes. Denn mit achtzehn Jahren befiel sie eine Augenkrankheit und obwohl sie der sonst zuverlässigen Göttin des Augenlichtes viele Geschenke machte, silberne Brillen mit Elfenbeinstäben brachte, heilte nur das rechte Auge, auf dem linken blieben große weiße Flecken zurück, welche den Kurswert des Fräulein Pei sehr erniedrigten.
Sie vermochte nun durch ihre ganz raffinierte Anschmiegsamkeit einen reichen Justizbeamten zu veranlassen, sie zur Nebenfrau zu nehmen. Sie wollte aus dem bemalten Hause heraus. Schon nach zweieinhalb Jahren verließ sie die Wohnung des Richters, nachdem ihr von der rechtlichen Frau eine Abstandssumme gezahlt war.
Die Dame Pei bewohnte jetzt mit mehreren Dienerinnen ein kleines Haus, lebte zurückgezogen, empfing hie und da Besuche, verkehrte nur in Familien mit großem Namen. In ihrem Zimmer pflegte sie die alten Erinnerungen. Sie hatte mit einer gewissen Neigung die Galanterien in dem bemalten Pensionat vollzogen. Duftende Räucherpfannen stellte sie auf, in denen jeden Tag Ambra, der Drachenspeichel brannte. Morgens löffelte sie den gewohnten Napf Ingwersuppe. Sogar den heißen Wein trank sie allein, Wein auf Wein, Trunkenheit auf Trunkenheit, wie man zu sagen pflegt. Das Gesinde begriff nicht, was die Dame auf ihrem verschlossenen Zimmer den halben Tag trieb. Da man sie drin leise trällern und das Juch-kin greifen hörte, wurde man neugierig.
Wie dann die Dame zum Schminken und Ankleiden für die Nachmittagsbesuche klatschte und man sie oft trotz aller Würde leicht erregt, freudig, noch unruhig fand, kam man auf Gedanken. Gespräche mit der Nachbarschaft bekräftigten diese Vermutungen, welche auf nichts weniger hinausliefen, als daß die Dame Pei ein weiblicher Wu, eine Zauberin wäre, die auf ihrem Zimmer mit Gespenstern kose.
Die junge Frau bemerkte das scheue Tuscheln der Mädchen. Eine Blumenverkäuferin trug ihr das Gerede zu und Frau Pei wurde nachdenklich. Sie nahm unbeschäftigt aus Laune den sonderbaren Wink an, ging zu einem berühmten Wu, der sich vor Lachen heiser krähte: sie diene ihren sanften Erinnerungen vom Blumenfelde, und man hielte sie für eine tätige Wu. So zärtlich nähme doch niemand Schatten auf! Sie bat, sie in den Beschwörungen und Gebräuchen der Zauberer auszubilden, nur wenig; sie wolle damit nur den andern Schrecken einjagen; vor der wirklichen Zitierung eines Schattens fürchte sie sich. Da sie eine runde Summe vorbezahlte, ging der geschäftskundige Wu auf den Handel ein, versprach, ihr nicht den geringsten Schatten zu zeigen, ihn nur dicht heranzuzwingen.