Die Dame Pei mußte sich an die Wand lehnen. Sie glaubte, der schwarze Prinz hätte sie entlarvt, und statt dessen — begehrte er sie. Das war ein Raub nach seiner Draufgängerart. Sie tat beschämt, wies auf ihre gute Familie hin. Der massive Mann stemmte sich auf seine Waffe und resümierte roh: „Ja oder nein?“ worauf sie, trotzdem sie sein Gesicht nicht sonderlich schön fand, ein zärtliches Ja hauchte, wieder leise weinte und zu ihm hinschielte.
Er erklärte in demselben mürrischen Tone, sie würde für einige Zeit jetzt hier wohnen, das Haus nur in verschlossener Sänfte in Begleitung der Herrschaften Schang und Jing verlassen. Sie dürfe keine Geister beschwören, Schatten zitieren, Krankheiten in der Entfernung heilen oder erzeugen, sondern sich ganz ihm zur Verfügung stellen. Was sie mit seufzender Zustimmung beantwortete.
Frau Jing erstaunte nicht wenig, als sie am Abend bei ihrer eingeschlossenen Freundin erschien und diese ihr lachend um den Hals fiel. Die Dame Pei meinte, sie würde sich rasch in die neuen Verhältnisse einleben. Erst hätte sie sich vor dem wilden Prinzen gefürchtet, aber im Grunde sei nur sein Benehmen so fürchterlich. Was er von ihr verlange, würde ihr zwar einige Schwierigkeiten seelischer Art bereiten, aber —. Und Frau Jing nahm glücklich das Aber auf, redete ihr zu, doch alles in Frieden und ohne Lärm hinzunehmen. Der Prinz schwöre auf sie, aber es müßte alles geheim bleiben.
Erst der nächste Morgen versetzte die liebeshungrige Pei in eine schwierige Lage. Sie mußte, vom Prinzen aufgeklärt über seine gar nicht leidenschaftlichen Absichten, ihre Enttäuschung verbergen und in der Verwirrung seinen Plan anhören. Der schlimme Plan Miens bestand darin, einen bestimmten Mann auf sympathischem Wege zu einer gewissen Zeit erkranken und nicht lange darauf sterben zu lassen. Frau Pei hatte sich mehrfach bei der Prinzessin in Miens Gegenwart solcher Fähigkeit gerühmt, die jedem vielerfahrenen Wu innewohnt. Jetzt weinte die Dame Pei aufrichtig und konnte von dem Prinzen nicht beruhigt werden; sie weinte über ihre verlorene Schönheit und wie schmählich alles verlaufe. Es fehlte nicht viel, daß sie aufsprang, dem gewappneten Mann ins Gesicht schlug und ihre Unfähigkeit herausschrie. Das ganze Manöver zeigte den Prinzen in einer Dummheit, vor der sich die verwöhnte Frau ekelte. Sie weinte wütend weiter, erinnerte sich ihrer Kindheit im Hause des Barbiers und beruhigte sich sehr langsam. Der Prinz, der sie verlassen hatte, kam nach zwei Stunden wieder; sie bat ihn um Verzeihung, ein weibliches Herz könne sich nicht leicht neuen Dingen anschließen; Mien fragte sie genauer aus nach den Methoden, mit denen man Entfernte behext, umbringt; sie hielt es für das einfachste, ihm einen Trank zuzuschicken, was Mien nach einigem Überlegen ablehnte; diese Methode schien ihm zu gefährlich. Ob sie im Hause, ohne sich aus dem Zimmer zu rühren, seine Absicht ausführen könne. Nach einigem Nachsinnen meinte die Dame Pei aufleuchtend, daß dies ginge. Sie schlug vor, den Geist des zum Tode Verurteilten in eine Puppe zu zwingen, die Puppe an der Schwelle der Wohnung des Menschen zu vergraben; in kurzem würde dann der Mensch verwirrt werden, sich umbringen oder auf andere Weise rasch sterben.
Dazu schwang Mien die Arme; dies sollte ausgeführt werden. Er nahm ihr nochmals das Gelöbnis des Schweigens und der Konzentrierung ihrer Kraft ab; sie würde, wenn alles glücke, belohnt werden wie sie wünsche; nichts würde ihr abgeschlagen werden.
Und so war die Dame Pei, in dieser Weise gefangen, nur wenig erschreckt, als der ungeheure Mensch sich zu ihr waffenklirrend bückte und ihr ins Ohr flüsterte, nachdem er die Perlschnüre beiseite geschoben hatte, die ihr vom Kopfputz herunterhingen, es handle sich um den Kaiser, den sie verzaubern solle.
Das Vertrauen, das man ihr in diesem Kreise schenkte, hatte sie schon früher erregt; jetzt schoß ihr eine Wut in den Kopf, eine Blendung fiel über ihre Augen; sie nahm sich vor, zu können und zu herrschen.
Außer Frau Jing, dem Eunuchen, die für die Geheimhaltung des Aufenthaltes der Pei raffiniert sorgten, wurde in das Geheimnis ein Steinschneider einbezogen, der mit dem Eunuchen befreundet öfter in den Palästen der Roten Stadt arbeitete. Er erhielt vom Prinzen Mien viertausend Taels und ein goldenes Amulett, den Gott des langen Lebens darstellend. Frau Pei beauftragte ihn, mit möglichster Sorgfalt eine armgroße Statue des Kaisers in Jade zu schneiden; er solle den Kaiser liegend nur mit einem Leinenrock bekleidet darstellen; die weitere Ausstaffierung der Puppe würde sie übernehmen.
Länger als fünf Wochen dauerte es, bis dieser Bildhauer, der geheim schaffen mußte, seine Arbeit fertig hatte und abends eine fein gebeizte und geschnittene Büchertruhe vom Karren hob und aufgeschultert in das Haus brachte, welches die Dame Pei bewohnte.
Die Puppe aus grünem Nephrit ähnelte erschreckend dem Himmelssohn. Schlafend lag der Kopf auf die rechte Seite gedreht; der Mund atmend leicht offen; ein dünnes Kleid wallte bis auf die bloßen Füße und war in der Schlafunruhe von der rechten Schulter her verzogen, über den linken starken Knöchel verschoben; die Hände fielen dickgeädert schwer zu beiden Seiten. Der glasig grüne Stein gab dem Bild eine Leichennähe und gleichzeitig eine unirdische Bewegtheit, die von innen aus dem Stein heraus geradezu sprechend gegen den Tod sich wehrte.