Die Verschwörer standen um das Bild herum. Mien mit siegesgewisser Freude umarmte den einfachen jungen Steinschneider, der mit stolzen Blicken sein Machwerk prüfte und eine Falte anders gelegt haben wollte.
Frau Jing weinte, wich in eine Ecke, wo man sie schnauben hörte; auch der Dame Pei, die erst die Puppe mit einer gemachten Ruhe fixiert hatte, wurde übel; sie seufzte, lief in Angst aus dem Zimmer und mußte von Frau Jing auf das Geheiß des Prinzen zurückgerufen werden.
Die weitere Arbeit lag der Dame Pei ob. Als sie sich von der Gesellschaft ihrer Gäste befreit hatte, brauchte sie mehrere Tage, ehe sie sich der Puppe gelassen nähern konnte; dann gab ihr der Prinz Gelegenheit, Khien-lung zwischen den Magnolien und Lotosteichen der Purpurstadt spazierend zu sehen. Und immer wieder sog sie mit beschwörenden Gesten etwas von der Seele des wandelnden Mannes ein, heute die Geister der fünf Eingeweide, der Leber, Milz, Lungen, Herz, Nieren, dann den Geist der Augen, des Hirns; jedesmal trug sie einen kleinen Gegenstand in der geschlossenen linken Hand, das Organ, dessen Geist sie bannte; aus blauem Holz die Leber, aus weißem Metall die Lungen, aus feuerroter Seide das Herz; zu Hause preßte sie die eiförmigen Stoffe der träumenden Puppe auf den Leib, die Brust, die Stirn; unter Brennen des Weihrauchs, Abdunkeln der Fenster. Wie ein Schwamm nahm die Puppe die Geister auf; der Stein begann sich dunkler zu verfärben, die Figur wurde undurchsichtig, braune Kerne bildeten sich in ihrem Innern, von denen sich feine Linien und Sprünge wie Adern in die Glieder senkten und über die Haut sprossen.
Nachdem die Dame Pei in einer letzten schmerzvollen Zusammengerissenheit den Lebensgeist des Kaisers heimgebracht hatte, verschloß sie über fünfmal fünf Tage die Truhe, in der die Bildsäule ruhte. Gegen Ende dieser Zeit stöhnte und stocherte es in dem Kasten vernehmlich; der schwarze Prinz Mien, der Steinschneider und die schöne Frau Jing bückten sich über den Kasten, als die Pei, die ihre Kniee bezähmt hatte, im gelben rotüberflammten Wukostüme mit kräftigem Anstemmen der Arme den Deckel sprengte. Ein warmer Dunst schwälte mit faulig fadem Geruch aus dem Kasten. Vor dem Gesicht trug die Dame Pei eine schlangenzüngelnde, goldverzierte Göttermaske; ihre lebendigen, rotgeschminkten Hände ergriffen die Puppe, die sie rasch wie eine wilde Katze gegen ihre Brust anpreßte.
Sie sahen alle, die Zauberin umringend, daß der Kopf der Bildsäule leicht nach der Mitte zu gedreht war; das rechte Auge hatte blinzelnd das Oberlid angezogen; die Gewandfalten lagen glatt; die Puppe hatte sich gestreckt. Auf dem schwarzgefilzten Tisch neben der Öllampe lagerte die Frau vorsichtig die Figur, einen Finger immer gegen sie andrückend; die zitternde, nervös rülpsende Frau Jing, die ohne es zu merken oft wimmerte, brachte ein zierliches weißes Trauerkostüm, mit dem die Zauberin rasch die Gestalt bekleidete.
Es war Nacht; der dicke Nebel floß über die stillen Paläste der Purpurstadt; vor die Glückseligkeitshalle, in der der Kaiser schlief, tasteten sich die vier Verschwörer an einen uralten Thujabaum, unter dem Khien-lung zu sitzen liebte. Rasch gruben der Prinz und der Steinschneider mit einer bereitgelegten Schaufel ein oberflächliches Loch, versenkten die zwischen zwei Bretter eingeklemmte Puppe. Die Zauberin stammelte ein paar Worte hinunter; ein Kratzen kam herauf; die Erde wurde übergeworfen.
Man trennte sich; es war geschehen.
Die Puppe würde in Erstickungskämpfen des letzten Restes der Seele Khien-lungs sich bemächtigen; der Kaiser mußte sterben; die Puppe war gefesselt, konnte nicht aufstehen.
Diese Ereignisse fielen in das Jahr der Gebrochenen Melone. Wenig hielt sich der Kaiser in der Purpurstadt auf; die Angelegenheit rückte nicht vor. Die Dame Pei wohnte schon wieder in der Stadtwohnung. Der Prinz Mien besuchte sie nicht selten; er wurde bald erregt und drohend zu ihr, da er überzeugt war, daß sie aus Angst vor dem Kaiser nicht alle Künste spielen ließ. Er schlug die empörte Dame einmal so heftig auf den Schädel, daß ein Arzt ihre Kopfgeschwulst behandeln mußte.
Sie klagte ihre Not der Dame Jing und dem Steinschneider, die bei ihr aus- und eingingen. Die Jing freute sich ersichtlich über das Unglück, denn sie war eifersüchtig auf die Pei geworden.