Beide schwiegen. Das feine Singen aus der Halle der Gäste tönte herüber: „Ach, wer könnte lange wandeln den Weg des Lebens, den jeder für sich durchläuft.“
Der Kaiser schien das Gespräch vergessen zu haben. Kia-king war tief erstaunt über den außerordentlichen Wechsel im Gesichtsausdruck des Vaters; es gab ein Hin und Her von kräftigster Anspannung und völliger Erschlaffung. Daß Khien-lung eingefallene Schläfen von Jehol zurückgebracht hatte, einen Mund, dessen Bewegung und Linien die Schärfe verloren hatte, merkte Kia-king erst jetzt. Zunächst schien der Kaiser die alte Impulsivität zu besitzen, aber es brach aus den Augen öfter etwas Hilfloses, Jammerndes, Ängstliches, das an Khien-lung neu war. Besonders erschreckte Kia-king jetzt ein manchmal auftretender lauernder, gehetzter Ausdruck, der sich regelmäßig vor der Apathie einstellte. Den Prinzen lähmte dieser Ausdruck selbst so, daß er sich kaum erwehren konnte, in seinem unklaren Unglücksgefühl davon zu gehen.
Er fragte, als er merkte, daß Khien-lung dauernd dem fernen Gesang lauschte: „Mein Vater hat lange Tage die Weisheitssprüche des Westens hören dürfen. Sie wollten davon sprechen.“
„Von Paldan Jische?“
„Ja.“
„Oder von dieser Bank? Sie gefällt mir mehr als Paldan Jische. Du kennst doch diese Bank? In einer Neumondnacht sind hintereinander diese drei, vier geschlichen: die halbblinde Dame Pei, der dicke Mien-kho, Pou-ouang, ein Kind mit einem Verbrecherherzen, die Frau Jing, die ich nicht kenne. Ich war der fünfte, Kia-king. Ich saß zwar in Jehol, oder in dem Kloster Ko-lo-tor und schlief; aber die Dame Pei hatte mich bezwungen, während ich schlief. Das ist möglich, daran ist nicht zu zweifeln; ich kenne es von meinen Krankheiten her, wenn ich mich verliere für ganze Wochen und mich wiederfinde. In die kleine Jadepuppe hat sie vermocht mich hinein zu quetschen, mich weggezaubert mit einer Handbewegung so oder so oder so; und dann trugen sie mich Lebendtoten hier vorbei an der Bank, hier herunter in die Erde. Damit der Vampyr eingesperrt, halberstickend an mir gut reißen könnte, was das Weib mir noch übrig gelassen hatte. Dabei stand Pou-ouang, mein Sohn, und Mien-kho, mein Sohn; ihre Augen glitzerten schon vor hungriger Freude, der kleine Pou-ouang, das Vieh Mien. Ich kann mir diese Nacht gut vorstellen. Wo warst du denn in dieser Nacht, Kia-king.“
„Bei der Nephritquelle am Wan-schou-schan.“
„Du warst in Wan-schou-schan. Ja, Ihr seid gut um mich, wo ich Euch brauche. Wenn die Toten nicht wären, wären wir ganz verlassen. Sie sind meine einzigen Freunde; ich hoffe auf sie noch immer. Die Schatten sind meine einzigen Freunde.“
„Ich fürchte, der Besuch des Tibetaners hat Eure Majestät sehr angestrengt. Sie blicken so erschöpft; Ihre Arme zittern.“
„Das war die Dame Pei, und Mien-kho, und Pou-ouang, die ganze Sippe. So weit haben sie es doch gebracht. Halb verrückt haben sie mich gemacht, daß ich vor Paldan Jische bettelte um einen Rat, und mich glücklich pries ihn zu empfangen, ich hier auf der Bank, mit den zitternden Armen, der Sohn Jong-tsings, der Enkel Kang-his. Das ist die Lösung dieses west-östlichen Rätsels. Ja, Pantschen Rinpotsche, dein hölzernes Zepter macht mich nicht beben, deine schwarzen Borken, deine Häutung ist mir viel interessanter. Entlarvt. — Ich zittere wohl viel, Kia-king?“