Er schob sich über die Schwelle. Ihm fiel ein, wie merkwürdig sich der Kaiser, diese schlanke kleine Gestalt unter dem hohen Torbogen gebückt hatte. Er mußte sich selber so bücken.

Khien-lung war an dem Abend nicht schlafen gegangen. Nachdem er auf seinem Schreibzimmer Blätter durchgesehen, Korrekturen an seinem großen Gedicht auf die Stadt Mukden angebracht hatte, aß er wenig zur Nacht. Aber es fiel den Hofmarschällen auf, wie viel Wein der Kaiser trank, daß er nach Beendigung der Mahlzeit stumm an der Tafel sitzen blieb, keine Kapelle, keinen seiner Vertrauten zum Morra befahl.

Verschlossenen Mundes, als säh er sie nicht, ging er an den purpurgekleideten anmutigsten Schönen seines Harems vorbei, die Hu zur Erheiterung der kaiserlichen Stimmung herbeigerufen, an die Tür des Speisesaals gestellt hatte. Die niederstürzende Reihe der Eunuchen und Dienerinnen passierte er mit raschen, dann wieder zögernden Schenkeln. Einmal hob er zu dem folgenden leuchtenden Kammerdiener die Hand, stieß hervor „A-kui“, besann sich, winkte ab.

Bei der Öllampe versuchte er in seinem Schlafzimmer zu lesen; es war ein Werkchen, das ihm Paldan Jische geschenkt hatte, eine tibetanische Schrift, die ins Mandschurische übersetzt war, mit dem Titel: „Das von dem Abgrunde des Zwischenzustandes befreiende Gebet.“

Er streckte sich auf ein Polsterbett, nachdem er die Diener entlassen hatte, schlief kurze Zeit mit den holzgerahmten Blättern ein, sah sich aufgewacht in dem breiten hohen Zimmer um, das von Ambragerüchen erfüllt war. Sein Kinnbart war zerdrückt und zusammengeklebt, eine Wange glühte, ihn fror an Händen und Füßen. Er schnüffelte. In seiner Kehle steckte eine heiße Bitterkeit.

Kein Geräusch draußen, es mußte schon späte Nacht sein. Khien-lung tappte von dem Polster an die Kante des offenen Bettes; sein Gürtel drückte ihn; er schnürte ihn auf und ließ ihn mit dem zerbrochenen Fächer und klirrenden Behängen auf den roten Teppich sinken, dessen goldene Orchideen am Boden Sterne aufblitzten, wie matte Scheiben hingedrückt ihre Fläche deckten.

Er bemerkte, daß er laut stöhnte und daß er wohl wieder krank würde, aber nur in manchen Augenblicken bemerkte er das. Dann wirtschaftete der taumlige Mann zwischen Schränken, Spiegeln und Vasen, suchte in Ecken, tastete mit den Fingern den Teppich ab, kratzte mit dem Daumennagel die eingelegten Blüten, machte, hingekniet, die Hand hohl und wollte die aufschimmernden Goldsternchen einfügen oder quetschen, um sich die Zunge mit ihnen abzureiben.

Eine kleine Bronzekuh in einem Winkel zupfte Gras. Khien-lung legte gebückt den rechten Arm, dessen Ärmel er hochstülpte, auf den eisigen Metallrücken, bewegte ein Bein und wippte an, als ob er das Tier besteigen wollte.

Die Blätter des tibetanischen Buches hob er auf. Auf den Polstern sitzend, drehte er die Tafeln um und um und wieder um, drückte sie laut wimmernd gegen seine Brust, so daß die Rahmen zerbrachen und seine Halskette abriß. Lauter winselnd wühlte er das Papier an sein Gesicht, schluchzte „Paldan Jische, Paldan Jische“, und fühlte, den Kopf so in den linken Arm verbergend, mit den blinden Fingern der rechten Hand nach den Perlen, die nacheinander von seiner Kette rannen, ihm über den Schoß liefen.

Der alte Herr suchte sie, hingleitend, auf dem Boden; kaum er eine Handvoll gefunden hatte, steckte er sie an die Stelle seines Gürtels, so daß sie sanft abrollten.