Khien-lung stand mit dem abgefleischten Gesicht gegen eine Fächerpalme und pellte einen langen Rindenstreifen ab. Worüber also, meine Kia-king, seien die Ahnen erbost und hätten ihre Zeichen gegeben?
Über die Schwäche im Angriff, über die Nachlässigkeit der beteiligten Behörden; eine Warnung sei das Ereignis gewesen; eine Mahnung, an das Schicksal der achtzehn Provinzen zu denken, welches unabwendbar heraufziehe, wenn Neuerer, Schwärmer, Halbnarren und Schwindler ungestört das kenntnislose Volk beirrten. Und mit blitzenden Augen sprach Kia-king auf den Gelben Herrn ein, der öfter mit abwesenden Blicken das pralle mienenbewegte Gesicht seines Sohnes streifte. Es würde der ganze Westen über das Blumenland stürzen. Statt daß Tibet ein Tributreich des Ostens sei, unterliegen die achtzehn Provinzen den Hirngespinsten phantastischer roher Pfaffen. Die Lamas bedienten sich feiner Waffen. Und wie lange würde es dauern, dann würden die langnasigen Weißen aus Indien sich einstellen, und die rotborstigen Barbaren mit Knuten von den nördlichen Grenzen. Die klare uralte Weltregelung des Weisen von Schan-tung ginge verloren unter dem Schwall ungezügelter Träumerei westlicher Barbaren. Kung-tse müsse geschützt werden. Das Schwert müsse rechtzeitig gehoben werden.
Sie schleppten zwischen den Palmen und Kakteen ihre Leiber schwer atmend auf und ab. Ein Silberfasan stolzierte vor ihnen auf den wasserbetropften Marmorplatten; seine roten Füße setzte er mit einem plötzlichen gnädigen Entschluß; geziert bog er seinen blauschwarzen Hals, um den Glanz seiner Federn aufleuchten zu lassen. Vor dem bebuschten runden Stamm eines Ölbaums trennte sich Khien-lung von seinem Sohne. Die eingesunkenen Augen Khien-lungs, fältchenumrahmt, blickten unruhig. Er sagte zu Kia-king, dem er einen Arm auf die Schulter legte, er möchte sich zu den folgenden geheimen Beratungen einfinden.
In den folgenden Besprechungen, bald mit Kia-king, bald mit A-kui, Song, Chao-hoei, wand und bog sich der alte Kaiser, wie ein Lebensmüder, den man retten will. Er wollte diesen blitzartig erleuchtenden Vorschlag Kia-kings nicht annehmen; er hatte sich tief in hoffnungslose Verworrenheiten hinein verloren, es war eine heimliche selbstquälerische Freude, die ihn hier festhielt. Schwer wurde der Entschluß zu hoffen. Eine dunkle Scham kam hinzu, die des geretteten Selbstmörders vor dem Leben.
Die Deduktionen keiner Beratung hätten das vermocht, was dem feinen Takt Kia-kings gelang. Der Prinz schwieg über die früheren Ereignisse, ließ seine ganze Schlaffheit sinken, warb um den Kaiser, den er anbetete um dieses inneren Zwistes willen.
Als Khien-lung, halb geneigt zu folgen, heimlich erfreut über seinen Sohn, mißtrauisch wurde, griff Kia-king zu einem Gewaltmittel. Er zeigte sich betroffen über den Widerstand seines Vaters, stimmte ihm bei, verließ bei einem Besuch den aufgewühlten Kaiser mit nervösen Worten, unsicheren Bewegungen, blieb in seiner Wohnung.
Dem Kaiser, der ihn bald aufsuchte, gab er sich trostlos, weil es also wahr wäre, daß ihre glanzvolle Dynastie von den Ahnen verlassen sei. Der Gelbe Herr, ungläubig, starr, aufgespalten von einem Beilwurf, suchte sich angstvoll jammernd den Rest von Hoffnung zu retten, hielt stotternd Kia-king dieselben Argumente vor, mit denen ihm Kia-king gekommen war. Der feiste Prinz näselte, grapste tränenselig an den Gründen herum, beschnüffelte sie, vom Kaiser in jedem Atemzug, Wimpernschlag belauscht. Sie schoben sich ächzend hin und her, Khien-lung jeden Augenblick sein Todesurteil fürchtend, beide gegeneinander minierend und sich hitziger aufstachelnd, sich Entschlüsse abringend. Der Kaiser bot seine ganze blau und grün gewordene Verzweiflung auf. Er mußte das träge bockige Flennen seines Sohnes überwältigen. Bis Kia-king nachgab und sich gekränkt umwarf.
Das Spiel war gewonnen. Der Kaiser fühlte sich an Kia-king in einer dunklen Beziehung gekettet. Khien-lung grollte noch tagelang; man durfte mit nichts Politischem kommen.
Dann hatte er angebissen. Als wenn es von ihm käme, schleuderte er mit einem rauchenden Zorn den Wunsch einer gewaltsamen Unterdrückung der Rebellion in den Hohen Rat.
Drei Wochen vergingen nach jener Nacht. Da trugen Kuriere in die winterlichen Landschaften den Erlaß des Kaisers hinaus, der unter Mitwirkung des gesamten Ministeriums, unter Hinzuziehung der ältesten Prinzen und aller Zensoren formuliert war.