Die Kundgebung bestimmte die Anwendung des Ketzereigesetzes in verschärfter, genau angegebener Strenge auf die Sektierer der nördlichen Provinzen. Jeder Widerstand sollte als Rebellion gefaßt werden. In dem Erlaß klagte der Kaiser, auf wie schlechten Boden seine frühere Milde gefallen sei. Die sofort einzusetzenden militärischen Maßnahmen zur Unterdrückung des Aufruhrs würden erfolgen unter Chao-hoei, dem besondere kaiserliche Vollmacht und der Oberbefehl über die Provinzialtruppen der beteiligten Gebiete verliehen sei.

Das Land möge sich nicht beunruhigen.

Der Drachenthron würde die Lehren Kung-tses und des Himmels verteidigen.

Viertes Buch
Das Westliche Paradies

Die Veröffentlichung des winterlichen kaiserlichen Erlasses stieß auf keinen stärkeren Widerstand. Wenige östliche und südliche Präfekturen in Tschi-li unterschlugen die Befehle. Im übrigen brauste der Erlaß als ein Kampfruf über die nördlichen Provinzen.

Chao-hoeis Truppen, die gefürchteten Mordbrenner vom Ili, rückten in die nördliche Provinz ein. Ein paar hundert herumstreifende Brüder und Schwestern, auf die man in Rotten stieß, wurden ergriffen, nach ihrer Vernehmung hingerichtet, kleine Trupps, die Widerstand gegen die Gefangennahme leisteten, waren rasch umstellt, niedergeschlagen, nach Folterungen in Stücke zerschnitten. Es bedurfte zu diesen Ereignissen nur weniger Wochen, dann gähnte Chao-hoei in der nördlichen frierenden Provinz, konnte nicht nach Pe-king Unterwerfung melden und konnte nicht angreifen. Die Wahrhaft Schwachen waren vom sichtbaren Erdboden verschwunden. Überfälle auf gefangene Boten, Briefe bewiesen, daß sich die Geheimbündler in die Städte und Dörfer verschoben hatten, daß die Bevölkerung sie aufgenommen hatte und daß mit einem Schlage riesige Massen hinter den Wahrhaft Schwachen schwelten. Die Weiße Wasserlilie tauchte auf wie das Gespenst einer brutalen undurchdringlichen Menschenwand. Weder Chao-hoei, noch die Tsong-tous von Tschi-li und Schan-tung trauten sich zu prüfen, wie diese fürchterliche Freimaurerverbindung zu den Wu-wei-leuten stünde. Ein eisiger Winter brach an.

Es war nach dem letzten Kampf einer Bündlerrotte mit den Regulären, als sich fünf Händler aus jenem Dorf, bei welchem der Kampf stattgefunden hatte, aufmachten und mit ihren Segelkarren nach Süden zogen. Dieses waren entschlossene Brüder, welche Wang-lun holen wollten. Hochgetürmte einrädrige Karren ließen sie im frostprustenden Wind vor sich laufen, über den gefrorenen Schnee rollten sie wie auf Schienen. Nur zwei von ihnen verstanden den Dialekt der südlichen Provinz, in die sie reisten; aber die drei andern waren kräftige Burschen, die sich auf Schlagen und Landstraßenwälzen verstanden. Tang, einer von ihnen, war, als Ngoh anordnete, man solle sich verstecken, mit einer Anzahl anderer auf die Dörfer gelaufen, suchte Rebellion gegen die Mandschus zu schüren, erlahmte bei diesem Treiben. Er faßte es als ein Zeichen auf, daß er der letzten Umzingelung durch die Kaiserlichen entrann, überredete rasch seine Begleiter, mit nach Süden zu reisen zu Wang-lun. Er wußte von Ngoh den Aufenthaltsort Wangs. Nach einer Tagereise kehrten sie um; Tang suchte sich eine Legitimation zu verschaffen für Wang-lun. Bei dem Dorf wieder angelangt, fand man aber den alten Chu nicht mehr, der, wie er oft erzählte, auf den Nan-ku-bergen die Geburtsstunde des Bundes miterlebt hatte; bei der Plünderung des Dorfes hatte er sich verdächtig gemacht und nun lag der alte Fanatiker, dem bei dem zudringlichen Ausfragen die Galle übergelaufen war, neben einem geborstenen Maulbeerbaum im weichen Schnee und hielt seinen steifgefrorenen Kopf zwischen den Füßen. Sie warteten die Nacht ab, begruben den Körper hinter der Mauer des Magistrats, damit er der verräterischen Behörde Unglück bringe, wälzten den klebrigen Kopf in einen Salzeimer, den Tang an der Lenkstange seines Karrens führte und hatten nun die Legitimation, die sie brauchten. Viel ist später über die Fahrt dieser fünf einfältigen Brüder nach dem Hia-ho, wo Wang-lun wohnte, gefabelt worden. Wahr ist sicher, daß man in allen Städten und Orten hinter ihnen tuschelte; die Zopfschnüre, Lampen, Dochte, Federblumen, Seidentücher, Tabaksdosen, die sie verkauften, warf man nach ein paar Tagen weg in Angst behext zu werden; die, welche Süßigkeiten von ihnen gekauft hatten, behaupteten, Kriebeln in den Fingerspitzen zu spüren, Absterben der Zunge, und gaben sich Mühe zu erbrechen. Man erschrak über das rasche Erscheinen und Verschwinden der Händler; der enorm niedrige Preis, zu dem sie verkauften, erregte hinterher Verdacht, dazu der grimmige tiefsinnige Gesichtsausdruck Tangs, der über den Tod des alten Chu trauerte; auch die sonderbare Ängstlichkeit der fünf Wanderer. In ganz anderer Weise sollte drei Monate später Tang mit Wang-lun dieselben Ortschaften durchwandern; freudig still neben dem freudigen und stillen Wang-lun, beide im herrlichsten Frühling in die Mäntel taoistischer Doktoren gehüllt; sie schoben abwechselnd einen kleinen Handwagen mit geweihtem Zauberwerk; auch an der Deichsel dieses Wagens schaukelte der Salzeimer mit dem Kopfe des toten, hitzigen Chus, den sie neben seinem Körper vergraben wollten. Die Provinzen Tschi-li, Schan-tung und Kiang-su durchhetzten die fünf Händler, sie hielten sich an die Richtung des Kaiserkanals; das reiche Tiefland dehnte sich unermeßlich nach allen Seiten. Den Jubel des Neujahrsfestes, Lärmen, Knattern der Bambushölzer erlebten sie in Schan-tung; jeder Festtag ließ sie das Vorrücken der Zeit empfinden, blies in ihre Segel, kniff in ihre Waden. Tang trug viel Geld bei sich, das er unter Drohungen einem Kaufmann in Tschi-li abnahm, bevor er auf die Dörfer lief, sechs starke Barren Hacksilber, die er in den Boden seines Karrens versteckte unter einer Bretterlage. Sie mußten viermal ihre Warenbestände erneuern, sich selbst zweimal einkleiden auf dem Wege, um als Händler der Gegend zu erscheinen, die sie durchfuhren. In Kiang-su war es schon Frühling geworden. Zuletzt mußte man sehr langsam reisen, weil Chen, ein Natternhändler, einer der sprachkundigen des Zuges, beim Fang eines Tieres in den Hacken gebissen war; die feine Rißwunde flammte auf, heilte nicht, ja an manchen Tagen blühte das ganze Bein schwellend wie ein Kuchenteig. Die Häuser wuchsen höher, hatten weiße Stirnen, waren umrankt von Efeu, Kürbis, seltsamen breitblättrigen Pflanzen. Die Dachverzierungen wurden prächtiger. Dunkle Menschen begegneten ihnen, die sehr rasch, auffallend laut und weich sprachen. Auf vierrädrigen Büffelwagen holperten Bauern vorbei; breite Flüsse, welche die Einwohner verschieden benannten, schaukelten Städte von Booten, in denen die Menschen wohnten. Der schreckliche Hwang-ho wurde überschritten; über den Hwai-ho setzend, bogen sie östlicher ein. Sie näherten sich dem Hia-ho, dem seenreichen Gebiet nördlich vom Jang-tse-kiang, das sich in fruchtbarer Niederung vom Damm des Kaiserkanals bis an den meerabwehrenden großen Damm Fang-koung-ti erstreckte. In dem Marktflecken Fou-ngan, an der südlichen Grenze des großen Damms, sollte ein Mann namens Tai wohnen. Dies war Wang-lun. An den Grundstücken der großen Salzsieder knarrten die fünf Händler vorbei, ein reger Wasserhandel wurde hier getrieben. Auf dem Damm wogten die Pflanzungen von Baumwolle, Ölbohnen, Mais.

An einem stürmischen Mittag langten sie in Fou-ngan an, krochen in ihre Herberge, schliefen bis zum lichten Morgen. Tang machte sich an den Wirt, einen älteren schlauen Gesellen, der leise herumging, fragte ihn nach den Ortsverhältnissen, nach kaufkräftigen angesehenen Leuten, erfuhr dabei die Wohnung Tais, der eine Baumwollpflanzung besitzen sollte, zurzeit auf Fischjagd lag.

Die zunehmende Erkrankung des glücklosen Natternhändlers, sein überkochendes Fieber erübrigte eine Begründung für ihr langes Verweilen am Ort. Sie brachten ihre Karren in der Herberge unter, Tang schob seinen kostbaren Karren durch die lange Dorfstraße, die drei andern Männer liefen hinterdrein. Sie kauerten am Ufer des Jang-tse hin, der breit wie ein See in wilder Strömung nach dem Meere rollte. Sie hatten bis zum Abend lange Stunden Zeit, das schlammige gelbe Wasser zu betrachten. Wie in Tschi-li flogen die Tauben in Schwärmen über ihnen, tönend wie Äolsharfen; wunderbar fein klangen die Pfeifchen in ihren Schwanzfedern, wenn sie sich näherten. Niedrige Felsklippen faßten beiderseits dem Meere zu den Fluß ein, an den Felsbuchten gab es ein Schweben und Senken der Mandarinenten. Im Rücken der vier träumenden Händler tappste der Lärm, Wasserträger schrieen, die Saat wurde auf die Felder geschleppt, Bootzieher trabten nach den Querkanälen.

Gegen Abend sprangen die vier auf und rieben die Knie. Eine Flotte von vierzig flachen Dschunken näherte sich dem Dorf, legte an. Die Tschi-li-läufer stellten sich in die Gruppe der ausgestiegenen Fischer, die Körbe und Netze von den Fahrzeugen trugen. Frauen und Kinder zwitscherten den Damm herunter. Der Himmel schwankte und schwappte wie ein übervoller Bottich von Purpur, hochgelb, violett. Der Name Tai wurde von Trägern gerufen, ein riesengroßer Mann mit magerem Gesicht antwortete, der Korb nach Korb von den rüttelnden Planken eines Schiffes räumte. Die vier Tschi-li-läufer stießen sich im Gedränge. Sie legten einander die Arme um die Schultern und ihre beweglichen Augen glänzten. Lauter wurden die Schreie, das Scharren durcheinander, als die Fischer in die langen, schmalen Gehege uferentlang ihre Beute hoch aufgeschultert stampften. Tang stand schon mit seinen Freunden an dem Gehege des knochigen Mannes, wartete bis zum Ende des Verstauens. Sie folgten Tai, als er über eine sonnenbeschienene Bodenerhebung mit baumelnden, großen Händen allein ins Dorf stieg. Der Karren des breitschultrigen Tang querte seinen Weg. Tang bot dem wassertriefenden Barfüßler im Vorüberrollen einen großen roten Frauenschal an. Der Fischer: „Heb ihn hoch, sonst wird er naß.“