„Wir sind Brüder,“ gab Tang von sich, „wir wollen dich nicht zwingen.“
Wang-lun drängte an Tang, überfuhr ihn mit Zorn: „Ihr seid feige, ihr schämt euch, wollt nicht schuld sein! Warum nicht?“
„Was nützt das Schimpfen?“
„Kaum hab ich euch angeblasen, seid ihr fortgelaufen. Ihr seid Boten. Man flüchtet nicht, sag ich euch, und man fürchtet sich nicht. Warum denn nicht zwingen, du Schlaukopf, warum denn nicht schuldig sein? So sehen meine Wahrhaft Schwachen aus! Wahrhaft, wahrhaft Schwache!“
Wang-lun drängte sie zum Weiterfahren, man könnte sie im Morgengrauen vom Dorf sehen. Sie erlebten an dem letzten Wegstein zum Dorf Wangs Abschiedsschmerz; er schied von dem Land, von seiner Frau. Dann fuhren sie getrennt, Wang-lun mit Tang. Wang war nicht mitteilsam; mit Laufen, Verstecken, heimlichen Einkäufen und Betteln von Reis, Melonen und Wasser wurden die Tage zugebracht. Tang konnte den Eindruck nicht verlieren, daß er einen Gefangenen mit nach Tschi-li brächte. Wang, der öfters nachts leise mit sich sprach, schien sich herumzuschlagen mit sich und sich niederzuhalten. Auffiel dem klugen Tschi-li-läufer, daß das einzige, was sich der unheimliche Mensch immer wieder erzählen ließ, brünstig, gierig danach schnappend, Bluttaten der Ili-Truppen waren, grausame Mißhandlungen, Quälereien der Brüder, daß er sie mit Vergnügen einsog. Bruchstücke solcher Erzählungen hörte Tang ihn sogar nachts sich vorsprechen. Der junge Händler fühlte sich neben seinem Begleiter seines Lebens nicht sicher. Vorwürfe ließ Wang gelegentlich gegen ihn los und beteuerte grimmig, daß er sie schon lange mit Grauen erwartet hätte. Aber sie sollten ihn haben. Sie sollten ihn haben. Vor sich jammerte der junge Händler, was er angerichtet hatte, überlegte wegzulaufen, aber es war augenscheinlich, daß Wang-lun ihn beobachtete. Er wagte nicht, den Fischer zu fragen.
Bis sich diese Spannung zwischen ihnen jenseits des Hwang-ho langsam löste, wo Wang anfing, sich für die Bewohner zu interessieren, Wettläufe mit Tang anstellte und nachdem er sich in den gelben Brokatmantel eines taoistischen Wanderdoktors geworfen hatte, mit einer eigentümlichen Heiterkeit stolzierte. Sie genossen den Frühling, den angehenden Sommer. Die freie Stimmung erstarb bei Wang, eine Unruhe, Ungeduld schmachtete um ihn. Je näher sie den Bergen Schan-tungs kamen, um so weniger konnte er sich beherrschen. Er riß sich hinter einem Dorf das Taoistenkleid ab, zog sein graues, zerrissenes Bettlergewand mit Ausrufen des Glücks an; sein Schwert hing ihm an einem Seil um den Hals. Er fragte unermüdlich seinen Gefährten nach den Ereignissen der letzten Jahre aus, forschte in den Dörfern. Nachdem er schon halbe Tage den heimkehrenden Tang allein gelassen hatte, verschwand er vor Tsi-nan-fu völlig. Nur den Auftrag hatte er Tang hinterlassen, er möchte überall bei den Brüdern und Schwestern verbreiten, daß sie sich nicht verlieren sollten. Es würde ein Umschwung eintreten.
Wang lief wie vor Jahren die harte Kohlenstraße von Schan-tung. Rauchsäulen, dunstige Pfeiler in der Luft. Welliger Boden; auf der nackten steinernen Ebene die große Stadt Po-schan. Chen-yao-fen hatte den Besuch Wang-luns lange erwartet. Den Kaufmann hatte das Unglück in der Mongolenstadt mit ungeheurer Ehrfurcht vor seinem ehemaligen Gast erfüllt. Während des Winters und bis zuletzt fanden Beratungen der Häupter der Weißen Wasserlilie statt; ungeteilt war die Empörung über die Maßnahmen des Kaisers, der den fremden Lamaismus begünstigte und die volkstümliche Bewegung mit Waffen niederschlagen ließ.
Als Wang-lun sich durch die Hintertür des Hauses drückte und neben dem Altar hinter dem Wandschirm hervorkam, schlang Chen-yao-fen seine Arme um die Schultern des großen lumpenbekleideten Bettlers und preßte ihn an sich. Wang fragte, ob sie allein wären und ob er nicht die andern holen wollte. Der Kaufmann gongte. Sie saßen in der Halle unter der gefelderten Decke, an der eisengetriebene Vögel und Drachen die Lampen und Laternen hielten. Der Bettler wies den Tee zurück, zeigte dem Kaufmann, seinen Mantel zurückschlagend, mit stolzer Mimik den Gelben Springer. Chen, das Schwert anhebend und mit einem Blick auf die eingelegten Schilder, erzählte von einem Offizier, der angab zu den kaiserlichen Bannertruppen zu gehören, viermal selbst in Po-schan erschien und bei Chen sich nach Wang-lun erkundigte. Er nannte sich Hai, wollte Oberst eines Kavallerieregiments sein, ein äußerst höflicher, hagerer Mann mit hängendem Kinn- und Knebelbart. Wang fragte erregt weiter. Ja, der Mann nenne sich auch die Gelbe Glocke, er hätte Chen beschworen, sich Wangs anzunehmen, der wahrscheinlich verzweifelt über den Tod Ma-nohs herumirre, und ihn in eine bestimmte Kaserne nach Pe-king zu wenden, wo Hai sein Jamen hätte. Chen hätte zwar alles versprochen, aber nichts begriffen, da der Mann sich ausschwieg und vielleicht ein Spitzel war. Von Wang aufgeklärt wanderte Chen, die Arme verschränkt, auf den Teppichen. Er war verblüfft; das Gesicht der ganzen Sache veränderte sich. Auch Wang-luns Augen glitzerten.
Die Sänften hielten vor dem Haus; die Vorhänge rauschten. Verwunderung der reichen Kaufleute beim Anblick des zerlumpten Mannes, den sie nicht erkannten, dann freudiges Händeschwenken und Geflüster.
„Luft!“ schrie Wang, „Luft, Luft!“ und umarmte Chen, der mühsam an sich hielt. Mit großer Kälte sprach Wang vor den zwanzig eleganten Herren, die ihn in einem Gemisch von Grauen und Ehrfurcht anschauten; sie traten vor ihm zurück. Naive Wendungen gebrauchte er; er äußerte seine Absicht, es nicht beim alten bleiben zu lassen, er brauche Geld, um Männer zu bewaffnen und zu bezahlen. Das sei schmählich, aber es werde aufgenötigt. Seine Brüder und Schwestern hätten vielleicht nicht Gewöhnliches, Überliefertes getan, aber ihre Ausrottung wolle er nicht ansehen. Das dürfte die Weiße Wasserlilie auch nicht. Sie hätten Schutz versprochen; jetzt komme er, um ihn zu holen.