Die Herren fragten. Man schwankte, ob man alle Saiten spielen lassen sollte und den glimmenden allgemeinen Volksaufstand anfachen. Der Anlaß war zu klein, die ganze Angelegenheit betraf nur zwei nördliche Provinzen; der ungeheure Süden wußte nichts. Man wollte wagen, was sich wagen ließe. Der Kaiser Khien-lung hatte Bewunderung, nie Sympathien gehabt; mit der Begünstigung des Lamaismus, den furchtbaren Verfolgungen hatte er Haß gesät. Die Feigheit, Besorgtheit der Kaufleute war längst zurückgetreten. Chen, von Wang mehrfach unterbrochen, gab die Besuche der Gelben Glocke und ihre Bedeutung preis. Man faßte sich bei den Schultern, Zöpfen, umdrängte Chen.

„Die Mandschus vertreiben“, wurde geflüstert. Das Geschlecht gezeichnet, der Kaiser halb irr, die Söhne verbrecherisch, ohne Ehrfurcht.

„Die Bannertruppen fallen ab“, rief man sich lachend zu. Was für ein Hohn für die Provinz, die bluttriefenden Totschläger vom Ili vor die Stadttore zu stellen. Der Kaiser liebt das Volk nicht.

Eisig fuhr es den Herren in die Glieder, als Wang in schwerer Bewegung erklärte, daß die Wahrhaft Schwachen selbst sich beim Beginn der Kämpfe bewaffnen würden; es sei für die Anhänger des Wu-wei Notwendigkeit da, sich des Schwertes zu bedienen. Sie müßten alle ihre Reinheit und Hoffnungen wie schöne Kleider und Weihrauch auf einen Altar von sich entfernen und vor ihm opfern. Kaiserliche Truppen müßten sie opfern, die letzte Dynastie, sich selbst; es bliebe nichts übrig. Als Wang dies hervorbrachte, sahen die Herren von ihm weg, beherrschten sich mühsam.

Chen gestikulierte im Gespräch. Ringgeschmückte Hände, warme Luftwirbel, Tuscheln. Wang atmete heftig, seine stark gefältete Stirn zuckte. Die Herren sollten beraten, ob sie ihm Geld geben wollten für Waffen und Soldaten. Ihre Anhänger an seine Seite neben die Wahrhaft Schwachen schicken. Man könne nicht wissen, wie es ausginge. Sie selbst sollten nicht zu viel dran setzen, damit nicht alles für später verloren sei, wenn es nicht gut verlaufe. Mit heftiger Stimme, die tief hinter der Brustwand hervorschwoll, endete er: nur zusehen könne er nicht mehr, seine eigene Aufgabe sei ein für allemal festgelegt; rasch, in ein paar Tagen müßten sie sich entscheiden, damit die Sache noch vor Beginn des Winters zum Austrag gebracht würde. Wieder wurde das Gespräch auf die Gelbe Glocke gelenkt. Chen zog Wang beiseite an den großen Wandschirm. Flüsternd saß man um die Tischchen, kauerte in den Ecken.

Der Ausgang der durch zwei Tage geführten Unterhaltung war: Vertrauenspersonen, deren Namen Wang-lun genannt werden, erhalten Anweisungen, ihm jede geforderte Summe aufs rascheste bereit zu stellen; der Einfluß der Weißen Wasserlilie in den nördlichen Provinzen wird mobilisiert, die Gilden zu aktiver Beteiligung bei ausbrechendem Kampfe angewiesen; Aufruhrpläne für die einzelnen Städte sind rasch zu entwerfen; wo Beteiligung nicht tunlich oder sinnlos ist, muß von Fall zu Fall entschieden werden. Man riet, jeweils die Situation zu benutzen, um mißliebige, ungerechte, bestecherische Mandarine zu beseitigen.

In der Hitze staubte Wang-lun die Kohlenstraße zurück, das Gebirge, das ihn schon oft verborgen hatte, nahm ihn auf; als die Ebene von Tsi-nan-fu aufschimmerte, hatte er keinen Blick für sie, lief achtlos nach Nordwesten; Schafherden, Kao-liangfelder, Reismühlen, ausgetrocknete Kanäle, Truppenpatrouillen. Kein Bettler auf den Landstraßen; gefangen, erdrosselt, in Städte verdrängt. Keine Brüder, keine Wahrhaft Schwachen! Das Bündnis mit den Geistern des Wassers, des Bodens, der Bäume aufgehoben, alle ohne Gnade zum Verwelken zwischen die Lehmmauern getrieben!

Wang reiste noch als taoistischer Doktor mit dem unruhigen Tang durch Kiang-su, als die Gelbe Glocke, auf der Suche nach Wang-lun an Ngoh gewiesen, mit seinen beiden Dienern in Ho-kien einritt und im Sippenhaus einer befreundeten Familie Wohnung nahm. Die beiden gewandten Diener, ihrem großmütigen Herrn unbedingt ergeben, in der Frühlingsluft auf den Plätzen, an der Mauer herumtreibend, stöberten den ehemaligen Hauptmann auf, der Turn- und Schießlehrer einer Gesellschaft städtischer Beamter geworden war, im Hause eines höheren Revisors unbemerkt lebte. Ngoh, verschlossen, schon halb von der Wu-weisache abgefallen, saß mit der Gelben Glocke an vielen Abenden in einem Pavillon des Revisorgrundstückes. Die Gelbe Glocke erklärte, für den Fall, daß Wang-lun nicht bald auftauchte, zusammen mit Ngoh den Widerstand gegen die Regierung organisieren zu wollen. Er könne für seine Regimenter, denn es hätten sich schon andere Offiziere angeschlossen, bürgen; die Organisierung der Volksmassen müsse einem andern überlassen bleiben.

Ngoh, lange lau, unter der Erinnerung an Wangs Abschied leidend, gesundete unter der ruhigen Entschiedenheit der Gelben Glocke. Als die Gelbe Glocke auf seinem Schimmel durch das Stadttor hinausritt, von seinen Dienern gefolgt, Ngoh neben dem Schimmel schreitend im schwarzen Bürgerkittel, schlossen sich ihnen Bettler, Brüder an, die den vermißten Ngoh stürmisch begrüßten und klagten. Die Gelbe Glocke, in Erinnerung an Ma-noh und die schöne Tote Liang-li, wandte tränend den Kopf ab, dann rief er die Bettler leise an als Brüder. An dem Hügel, den der tobende Wang-lun in seinem Schmerz um Ma-noh heruntergewälzt war im Schnee, vermochte Ngoh nicht vorüber zu gehen; er verabschiedete sich von der Gelben Glocke, der sich in den Bügeln aufrichtete, mit seinem langen Säbel grüßte, davon trabte unter weiß blühenden Bäumen.

In Ho-kien verbargen sich Massen der Wahrhaft Schwachen; die Weiße Wasserlilie herrschte. Ngoh sprang hetzend an.