„Brüder, ich steh hier, ich geh nicht hinaus, bring euch nicht ins Unglück. Löscht das Licht aus; man erkennt Schatten von draußen.“

In das finstere lebendige Zimmer sahen die zwei kleinen quadratischen Papierfenster, die der weiße Mond beschien, als erschrockene Augen hinein. Scharren, Murren an den Wänden.

„Er bringt uns ins Unglück!“

„Ich halte eure Schimpfworte aus, weil ihr mir leid tut. In ein paar Wochen, Monaten wird alles geschehen sein. Wang-lun ist unterwegs; die Weiße Wasserlilie, euer Bund, hat euch aus Schan-tung benachrichtigt, was geschehen wird. Man hat euch den Halskragen noch nicht übergeworfen; eure Häuser stehen noch. Jetzt liegen schon die Soldaten in der Stadt. Ich spreche doch nicht erregt, wie ein Verführer. Wir Wahrhaft Schwachen finden unseren Weg ohne alle Hilfe; wir können ihn nicht verfehlen.“

„Träume nicht, Ngoh; sprich weiter, weiter.“

„Von unserem Westlichen Paradies will ich euch nichts erzählen. Die Wahrhaft Schwachen sind nicht süchtig nach dem schwarzen Fluß, man soll uns nicht wie Unkraut totschlagen dürfen. Ich kann von keinem Feind reden; aber wenn es einen gibt, so haben wir einen gemeinsam. Und darum spreche ich zu euch; und darum müßt ihr mich anhören, denn euch liegt am Leben, an Eltern, Söhnen.“

Der Schmied zischte: „Es ist keine Gerechtigkeit für uns niedrige Menschen, keine Gerechtigkeit. Es gibt keine Götter, die auf uns hören, nur die Spione des Totengottes; alle sind auf uns los: der Kaiser ist der Sohn des Himmels, alle Geister der Städte und Mauern, Flüsse, Äcker sind ihm untergeben. Freut euch doch, daß Gewalt kommen soll gegen die Verräter des Bodens. Ich freue mich, seht ihr!“

Ngoh klapperten die Zähne: „Wir sind aus der Bahn geworfen; wir können nicht unsere Brüder und Schwestern meucheln lassen. Wir wimmern alle und jammern, wie ich es tue. Ich bin kein Hetzer; ich bin traurig, weil ihr das glaubt von mir. O was tut ihr, daß ihr uns fortstoßen wollt! Wie soll ich das Blutbad mit ansehen, das man anrichten wird unter uns und euren zahlreichen Sippen. Habt ihr von Ma-noh gehört? Schweigt doch nicht, hört den Schmied; war euch Li nicht lieb, dessen Geist jetzt hier an der Türe huscht? Ich bring euch kein Unglück; von Eltern, Ahnen, Ehren hab ich mich losgesagt; glaubt ihr, ich hab das für nichts und nichts getan? Ihr seid erbarmungslos, sinnlos, ich bin nicht anders. Ich reiß die Türe auf, ich reiß das Papier von den Fenstern ab und schreie auf die Straße: daß ich Ngoh bin, der ehemalige Hauptmann der Kaiserlichen Garde, dem der Kaiser ein Pfefferminzsäckchen verliehen hat, daß ich ein Freund Wang-luns, des toten Ma-nohs, des erschlagenen Lis bin, hier im Gildenhause sitze, verlassen von den Gilden, die zu mir halten sollten, aus Feigheit nicht zu mir halten. Ich schreie es über die Straßen, daß die Geister, böse, ruhelose Seelen, im Straßenkot zwischen den Ästen es hören. Sie haben keinen Platz auf der Erde wie wir Wahrhaft Schwachen, keine Schonung, keinen guten Blick, keinen Weihrauch, sie werden mich hören. Helft mir, helft mir, böse, liebe Geister!“

Und schon sprudelte er die Namen der verruchten Dämonen heraus, deren Nennung schon den Tod bringen kann; gleichmäßig bewegte der alte Dämonenbezwinger den Kopf hin und her, rief die unseligen Namen. Ängstlich drängten sich Gildengenossen in den Ecken zusammen, stopften sich die Finger in die Ohren, rangen die Hände. Dem Schmied riefen sie zu, er soll den Ngoh binden, in eine Kammer sperren. Der Schmied und Ngoh flüsterten zusammen. Gemeinsam scharten sich alle plötzlich um die beiden, hockten hin, flüsterten, Pupillen und Nüstern weit in Erregung über den Geisterherrn. Ngoh, wieder langsam atmend, starrte vor sich, verbeugte sich.

Am Marktplatz stand das prächtigste Haus des ganzen Viertels, der Tempel des Stadtgottes. Zwischen Läden und Buden war es eingebaut; weit war das Hinterland, ein Park mit schönen Blumenanlagen und einem Treibhaus. Ungeniert warfen die Markthändler ihren Abfall und Kehricht vor der hölzernen rotbemalten Torhalle auf; bisweilen konnten Gaukler so hoch springen, daß sie mit der Hand die grünen Büschel der hängenden Lampions berührten. In Herden trieben sich die Bettler und blinden Musikanten zwischen den beiden steinernen Löwenhunden zu den Seiten des Eingangs herum; die grauen Tiere, deren Augen gleich Eiern hervortraten, hielten ihre Schwanzhaare gesträubt, wie einen Fächer der eine, wie einen entfalteten Pfauenschweif der andere. Die hohen Doppeldächer schwangen sich wie Schiffskiele; von ihren schwarzen Rippen blitzten herunter die gepanzerten Reiter, die Hellebarden, die geschwungenen Schwerter und Dolche. Auf dem höchsten Dachfirst trabte ein silberner Krieger zwischen zwei schildbewährten Bogenschützen, die herunterzielten. Durch die Torhalle schoben sich die Menschen; drängten sich zu Theatervorstellungen auf dem Tempelhof. Barbiere rasierten in dem Durchgang, Narzissenverkäufer schrieen; Straßenreiniger, öffentliche und private, gingen auf und ab, sammelten mit Harke und Schippe den Kot; bestaubte Kinder spielten Ziegelwerfen.