Vor der Gebetshalle inmitten des riesigen Hofes stand allseitig frei die Bühne. Über sie hatte der Erbauer jeden Pomp gehäuft, den Glanz hochgetrieben gegen die gehaltene Pracht des Tempels; sie erhob sich vom Boden wie eine Tänzerin, die mit ihrem gerundeten Blick die Welt zum Verschwinden bringt. Acht glatte Holzpfeiler warfen das Dach hoch, dessen vier Kiele, gewaltsam nach oben gezerrt, über der Traufe endeten, als sollte die Bewegung, die von oben lautlos herunterrollte, mit einem Anprall wieder in die Höhe. Rotblaue Puschel, Fähnchen, Glocken von der Traufe. Über die schwarzen Dachrippen trappelten die weißen Pferdchen, klirrten die metallenen Behänge, Rüstungen der wilden Kämpfer. Dicht unter das Dach kroch ein Tier pfeileraufwärts, schmiegte sich mit gestrecktem Bauch an, dicht unter dem Dach lockerte es die schillernden Flügel, grub den weißen Schnabel in das Holz, rotgold glitzernde Rücken: Vogeltier, der Phönix.
Erst jenseits der Bühne, so hoch, daß sich sein Dachfirst nicht vom Hof blicken ließ, ragte der Tempel. Nicht breitbeinig wie ein Bauer, sondern sein Geheimnis war, daß er dem buckligen Zikadenfänger glich, von dem Liä-dsi erzählte: er balancierte Erdkügelchen auf der Leimrute; als er fünf Kügelchen nebeneinander halten konnte, war er reif und konnte die Zikaden nur so abpflücken, hielt seinen Arm wie einen dürren Ast, seinen Körper wie einen Baumstrunk; sein Wille hatte sich ohne Zerteilung verdichtet. Machtvoll stand der Tempel, hörte nicht die Musik der Spieler, er verhehlte die Bewegung des Stolzes, ließ spöttisch wenig Licht fallen in die Versammlung der Geister, Götter, die er deckte. Das Unglück lag über ihm. Die hölzerne Bildsäule des Stadtgottes, vor einem Monat noch reich bekleidet, im Besitz eines Siegels, lehnte geschändet in dem Dunkel des Raumes. Man hatte einen Unwürdigen zum Stadtgott gemacht; als die Unruhen, Überfälle, Feuerbrünste kamen, ließ ihn der Magistrat nackt ausziehen, zur Verschärfung der Strafe vor die Torhalle schleppen, Ketten um den Hals hängen. Als sich Ruhe einstellte, fuhr man ihn wieder an seinen Platz, bekleidete ihn mit billigen Kitteln und Röcken; geschwärzt vom Sonnenlicht und Anwürfen schwieg er in dem totenstillen Raum. Keiner der vielen bunten Gehilfen, die ihn umgaben, seine Sekretäre, Spione, Henker, Spitzel, Polizisten zweifelten daran, daß der zerquälte, willensstarke Gott bald das Äußerste wagen würde. Einen Dämon hatte sich die Stadt gezüchtet.
Und dicht neben dem Eingang zum Tempel lag der Geheimeingang des großen Pfandhauses, das den Gilden, Geheimbünden zu Beratungen diente. Die Rebellen fanden den Ort neben der Wohnung des Beschützers der Mauern und Wallgräben am sichersten. In dem langgestreckten niedrigen Speicher stapelten Wohnungseinrichtungen, Kleiderballen, Theatergarderoben, Schmucksachen, Sänften dicht gereiht. Aus Ballen und Kisten stieg ein öliger Geruch. Hier liefen durch viele Tage nur Ratten und Mäuse. Am dritten Tage nach Ngohs Besprechung im Gildenhause hockten hier, es war nach Ende des Marktes, schweigend und wartend mehr als dreihundert Menschen. Sie saßen überall herum; meist gewöhnliche Trachten. Grüße, Winke, sonderbarste Posituren; fast alle kannten sich, Ausschüsse der führenden Genossenschaften, Brüder, Schwestern der Wu-weisekte, der verschlossene Ngoh. Der Schmied rief gedämpft einen weißbärtigen Mann an:
„Will der alte Lehrer den Gästen nicht sagen, was sie hören möchten?“
Die wohllautende Stimme des Lehrers:
„Laßt euch ehrerbietig grüßen. Der kenntnislose Knecht wagt nicht, euch zu belehren. Sein wackelnder Kopf weiß nichts mehr. Danken will der halb Tote, daß er euch alle sehen durfte!“
Viele setzten sich um ihn; man schob ihm eine niedrige Leiter zu. Ngoh verneigte sich tief: „Der alte Herr möge uns belehren“; andere riefen dasselbe. Der Lehrer lächelte nach allen Seiten, pappelte mit dem zahnlosen Mund, er trippelte zwei Stufen hinauf:
„Ich bin aus dem Dorf in Schan-tung, wo der Weise Lo-hwai geboren ist. Er ist unser großer Lehrer; diesen Schuppen mit Kleidern, Ballen hätte er recht gefunden für eine fromme ernste Zusammenkunft. Große Mächte und Kräfte gibt es; aber, ob ihr dem Wang-lun folgt oder ihm nur Freunde seid, wißt ihr, daß wir keine tausend Buddhas wie die Bonzen und Fopriester anbeten, den Taschi-Lama und den Dalai-Lama überlassen wir dem Kaiser Khien-lung. Unser, unser Buddha blickt uns aus Himmel, Bergen und Bächen an; die Donnerschläge grüßen ihn besser als Pauken und Gongs; sein Weihrauch sind Wolken und Wind; er trinkt seinen Tee aus den fünf Seen und den vier Meeren und horcht auf das Rauschen der Wipfel und Äste, das Rauschen seiner geschwungenen Banner. Wir haben keinen Buddha, als warmen Wind und Regen, keinen Buddha, o weh, als die Taifune, die an den Küsten entlang laufen; niemand ist mit uns, im Süden, Westen und bei uns; wir schwarzhaariges Volk der Söhne Hans sind allein geblieben. Wir sind gelb wie die Erde, das Wasser. Die im weichen Süden leben, schwemmen auf, tänzeln in bunten Kleidern; am schwarzen Drachenfluß ist das Land so hart wie die Menschen. Und darum können sie alle leben. Unmerklich wie bodenständige Kresse wachsen unsere Häuser von der Erde ab, achten die Geisterpulse und Luftströmungen; so machen wir uns ähnlich dem Tao, dem Weltlauf, versagen uns ihm nicht. Wir, die den Wang-lun aufgenommen haben, sind nicht mit Halskragen und Beinstricken an das Schicksal gebunden. Wie die alten Worte lauten: schwach gegen das Schicksal sein ist der einzige Triumph eines Menschen; zur Besinnung müssen wir kommen vor dem Tao, uns ihm anschmiegen: dann folgt es wie ein Kind. Der alte Speichler redet ohne Zusammenhang, o, er schämt sich seines Schwachsinns.“
Der Greis stieg eine Stufe herunter, kauerte, ein weißer Pavian, hin und schloß die Augen. Vertieft saßen viele der starkknochigen Männer in den Gängen; Gruppen kauerten auf den riesigen Zeugballen und sahen herüber, drückten die Ballen platt.
Ein fein gekleideter junger Mensch, der seinen Fächer öffnete, richtete sich auf einem wackligen Achtgenientisch auf, schräg gegenüber der Leiter des Alten; man drehte sich nach ihm um, als der Tisch knarrte; er kehlte in einer hastigen Art.