„Der alte Herr und die werten Genossen wollen es mir nicht mißgönnen zu tönen. Ich will nicht wetteifern mit dem alten Herrn. Wir haben keine prächtigen Tempel, keine Klöster, die der Drachensohn ausschmückt und mit Goldbarren beschenkt. Für uns beten keine Bonzen in Seide, die östliche Kinder und Mädchen verführen. Für die fremden Altäre haben wir nur Lachen, Achselzucken. Auch ich gehe den reinen Weg und will zu den Kihs. Dem Gipfel der Kaisergewalt werden wir und unsere Nachkommen uns nähern. Aber wie ihr andern, die es nicht mit uns Wu-wei-freunden haltet, über uns denken möget: wir sind östlich und nicht die gelben Bonzen, wir sind Kinder der hundert Familien, und nicht der Heilige und Großwürdige vom Gnadenberge, den der Kaiser in einem Siegeszug empfangen hat. Von Tibet ist der herübergestiegen, ist bei Kuang-tse gestorben, in einer goldenen Stupa heimgesandt worden. Die Fremden halten zueinander, die Mandschus und die Lamas. Die Lamaserien fressen das weiche, warme Gekröse des Landes auf; sie dürfen das; uns, ja, uns schlägt man die Köpfe, die wir nichts verlangen, keinen stören. Wir tausende, aber ihr kennt uns doch, liebe geehrte Brüder, ihr Herren Lastträger, von den Dschunken und die andern. Wir sind auf der gelben Erde geboren und wollen uns nicht, da wir friedlich sind, von fremden Priestern und Kaisern ausrotten lassen. Wir müßten gebieten über die achtzehn Provinzen, über achtzehn Provinzen von Liao-tung bis zu den Miao-tse. Was haben wir getan? Toll gewordene Strolche in Soldatenuniformen preschen mit Hellebarden über unsere Märkte; wen wird man heute fesseln und wem die Zunge abschneiden, wen wird man morgen stäupen? Wir sind in dieser Provinz geboren und dürfen uns friedlich darin ergehen.“
Ein allgemeines Gemurmel: „Gut, gut.“
Der junge erregt auf dem Tisch zappelnde Mann sprach mehr, der Alte suchte ihn durch Zurufe zu besänftigen.
„Wißt ihr, wer unsere giftigsten Feinde sind? Ganz und gar unsere und eure? Wie unser Feind heißt? Der Stein, der Baumstrunk, die zerbrochene Laute? Kung-tse!“
Weiter lief es über die Gänge: „Die Mandarinen, die Literaten, Kung-tse, Kung-tse!“ Ein allgemeines: „Kung-tse!“ Ein zähneknirschendes: „Die Erpresser, die Mandarinen!“ Ein hetzendes: „Kung-tse!“
Von dem zitternden Achtgenientisch krächzte es weiter:
„Wer ist Kung-tse, was will er? Das dritte Übel! Er hat gelehrt den Mund ausspülen, die Haare kämmen, vor Fürsten buckeln, vieles Gute, vieles Schlechte. Für uns armen Leute ist er schon lange tot und sagt kein Wort mehr. Mandschus, Lamas und Mandarinen beten ihn an, darum können wir ihn nicht anbeten, sie haben ihn uns weggeschnappt, haben weggenommen, was gut an ihm war für uns. Sein Geist soll sich bedanken in Pe-king, daß wir ihm nicht räuchern und ihn von unseren Schwellen blasen mit häßlichen Worten. Ich hasse ihn, wir hassen ihn, den leeren Messingtopf. Der alte kluge Herr, der vor mir redete, hat recht gesprochen: schwach müssen wir sein gegen das Schicksal, es bleibt uns nichts weiter. Wir sind arm; gut tut, wer alles hinwirft, und selbst wenn er alles hinwirft, verliert er den Kopf beim Spaziergang wie Li. Unterdrücker, fremde Wölfe, Krokodile, Füchse sind unser Schicksal. In den Ämtern spreizen sich die Mandschus, bei den Prüfungen lügen sie sich vorwärts, auf der Straße werfen sie unsere Wagen und Sänften um, treten die Wege breit mit ihren breiten Füßen. Die verruchte, gottlose Dynastie! Ihr Schicksal wird sich erfüllen, vor unserem, nach unserem. Die Langnasen werden das Land vernichten und Schuld hat Kung-tse. Uns bleibt nichts übrig als die Schwäche!“
Er hatte sich selbst ruhig gesprochen, eine höhnende Agitationsschärfe in Stimme, Geste, Mimik gelegt. Frauen gingen schluchzend auf und ab. Erregte Gruppen ballten sich, lösten sich; neue strömten zusammen. Der junge Sprecher, die blasse Stirn mit Schweißtropfen, schlenderte straff Schulter an Schulter mit Ngoh durch einen Gang. Auch Ngoh waren wider seinen Willen Tränen in die Augen gerutscht. Das Zauberwort „Ming“ lag in der Luft. Es erschien in allen Versammlungen der Weißen Wasserlilie, oft in den der Wahrhaft Schwachen, wie in anderen das Chihkraut, die östlichen Inseln, das Westliche Paradies.
In die langgestreckte Halle leuchteten viele kleine Papierfenster. Es dunkelte. Das Klappern, Rasseln, Pauken, Ausrufen, Kreischen auf dem Markt, im Tempelhof ließ nach. Durch die Fenster der Schmalseite des Raums, von dem Hof her prallten breite blendende Lichtgarben auf Körbe, Geräte. Man hörte während der Rede des jungen Menschen leise Musik, feinen Gesang, jetzt Deklamation: Theater hatte angefangen.
Während man sich durcheinander schob, Stirnen runzelte, Schweißgeruch von sich gab, griffen zwei ältere Männer von der Lastträgergilde einen kleinen schmerbäuchigen Herrn bei den Armen, suchten ihn nach der Leiter zu bewegen. Dieser sauber gekleidete, fettglänzende Herr war ein gebildeter Mann, der ein Gut und eine Windmühle zum Enthülsen von Reis besaß, und wie viele andere aus Ehrfurcht vor den Vätern die Mingtradition hielt.