Er schmatzte, von freudigen Stimmen übergossen, auf der Leiter, verneigte sich, man schloß sich um ihn. Der Kopf saß ihm tief zwischen den runden gepolsterten Schultern. Während der Herr sprach, schwang er die dicken Pfötchen possierlich nach oben und unten, links, rechts. Er lächelte. Es war eine Paraderolle, ein Schlager, was er vortrug. Er sagte, sein Organ war weich und dunkel: „Es lebte einmal ein Abt“, manche unter den Zuhörern sangen es nach, eingelullt, zeigten entzückt das Zahnfleisch. Der Herr nahm seinen Zopf über die Schulter vor, streichelte ihn wie ein Kind:
„Es war einst ein Abt. Er lebte in seinem Kloster zufrieden. Als eines Mittags die Sonne sehr warm schien, legte der Abt seine Mütze auf das Gesicht, schlief ein. Er träumte. Vom Rat der Götter träumte er. Die drei großen Reinen sah er an einem Tisch, dabei den Nephritherrn, den mildtätigen Sohn des Königs Lautertugend und der Königin Mondglanz. Ich erzähle euch ein halbes Märchen. Da beugte sich der Nephritherr zu dem Abt herunter, hob die Schultern geheimnisvoll und sagte: ‚Ich will in dein Kloster eine Frau wandern lassen, die wird einen großen Kaiser gebären. Unter meinen Zeichen, Sonne und Mond wird sie ihn gebären.‘ Als der Abt aufwachte, fragte er den Pförtner, ob eine Frau gekommen sei. Keine war gekommen. Alle Zellen und Hallen durchging der fromme Mann, auf den Berg, in die Höhlen kletterte er. Kein Kind schrie. Am Abend kam mit seinem Trödelkarren ein Händler vor das Tor, seine gesegnete Frau begleitete ihn, in Lumpen waren beide gekleidet. Traurig gab der Abt ihnen Pillen, damit die Geburt gut vonstatten ginge. Im Kloster schlief alles. Morgens kam das Kind. Leise Musik von Geigen und Pansflöten war in der Luft, die Vögel pickten das Papier von dem Fenster, wo die Mutter lag. Dicht saßen sie wie auf Leimruten und sangen schmetternd zu dem Wimmern des Kindes. Um die Sonne erschien ein Hof. So arm war der Vater, daß er den Fluß hinauf ging und einen Fetzen rote Seide fischte. Da hinein schlugen sie das Kind. Den kleinen Tsi-juen, das zitternde Würmchen Tsi-juen schlugen sie ein in einen Fetzen rote Seide. Und als er nun größer wurde, mußte er mit den Kuhjungen auf das Feld. War selbst Kuhjunge. Und als sie eines Tages zu fünf auf dem Feld waren, wollte er sie bewirten. Er ging hin, schlachtete ein Kälbchen, den Schwanz klemmte er in eine Felsspalte. Tsi-juen klemmte den Kalbsschwanz in eine Felsspalte. Und da nannten sie ihn ihren Hauptmann. Aber der Mann, dem das Kalb gehörte, suchte das Tierchen, fand den Schwanz. Nahm eine Rute, und zwei Ruten, und betrübt floh der Knabe. Ging Tsi-juen hungernd über die Felder. Aber die Sonne zeigte den Weg, Mond führte weiter. Ein Klosterbruder nahm ihn bei der Hand, geleitete ihn in seine Höhle, schor ihm den Kopf. Wurde Tsi-juen, Zwerglein Tsi-juen mit geschorenem Kopf Küchenjunge im Kloster. Die Lampen mußte er anbrennen im Haus, Weihrauchnäpfe schwingen, schwere Näpfe für die feine Hand, viele Kräuter dörren, die Klingel rief den ganzen Tag. Er war in dem Kloster, in dem ihn seine Bettelmutter geboren hatte. Sie schlugen ihn, neckten ihn im Haus herum, auch der Abt, dem der Nephritherr die Prophezeiung gegeben hatte. Aber wie der Abt einmal den Knaben ansah, hatte der einen rosa Flammenschein um das Gesicht. Angst bekam der Abt. Er schickte ihn in einen Wald, jenseits des Sumpfes Brennholz zu holen zu einer feinen Sauce. Tsi-juen lief eilig, sank, als er an den Sumpf kam, ein, sank ein. Tsi-juen sank bis an die Schultern ein, bis an den Hals, bis an den Mund. Und da kam, als er erbärmlich schrie und im Moor wie eine Kröte wühlte, schrie nach seinem lieben Vater, nach seiner lieben Mutter, kam aus dem Wald eine goldene Fee. Ei, ich erzähle euch ein Märchen, ein schönes Märchen, das hat mir mein Großvater erzählt. Die Fee zog ihn an den Fingern heraus. Da war er kein Küchenjunge mehr. Das Wasser hatte lauter weiße Perlen um seinen Hals gelegt, mit Purpur und Brokat war er bekleidet, wo er in das Moor getaucht war; Gürtel und Jadespangen trug er. So übersät mit Prunk spazierte Tsi-juen anmutig wie ein kaiserlicher Prinz in das Kloster zurück. Und der Abt wußte gleich seinen Namen.“
Sie stießen sich an, die an seinen Lippen hingen, stießen bekräftigend heraus: „Ming, es war Ming.“
Sie gingen lächelnd herum. Der Schmied rief, während gegen die Fenster Regen prasselte: „Eine Mauer brauchen wir, eine weiße Wand um Pe-king herum!“
„Ach, warum sind die Mings gestorben! Warum hat das Volk sie verlassen!“
„Es leben noch Mings, am Jang-tse sollen welche leben!“
„Wang-lun soll ein Ming sein. Darum haßt ihn der Kaiser so.“
„Das ist’s ja eben. Darum versteckt er sich. Er weiß schon warum. Sobald der Kaiser ihn erwischt, ist er hin.“
„Oder der Kaiser ist hin.“
„Wang-lun weiß, daß er ein Ming ist und daß der Kaiser sich hütet.“