In Ngohs feinem Gesicht zitterte es; auch der junge Agitator und der Lehrer schmunzelten. Der alte Herr zwinkerte Ngoh an, schüttelte den Kopf: „Sie haben unrecht und nicht unrecht. Wang-lun ist ein Ming und mehr als ein Ming.“ Ngoh träumte mit verschlossenen Augen. „Ich möchte Wang-lun bald sehen.“ „Ja, Ngoh, wir brauchen ihn alle.“ Ngoh seufzte: „Ich bin der Sache nicht gewachsen. Wenn nicht einer mir die Sache abnimmt, werde ich das erste Opfer des Krieges sein.“ Auch die beiden andern senkten die Köpfe.

Der Alte und der Agitator trennten sich von dem stummen Ngoh. Sie nahmen teil an dem Strahl der Gesichter, dem Händeschwingen, dem Promenieren, Schlingern durch die Gänge. Scharren, taktmäßiges Trampeln, Kichern durchdrang die gedämpfte Unruhe. In einen Seitengang war einer gesprungen, erging sich in absonderlichen Grimassen, sich plusternd, den Kopf werfend. Zwei andere pfauchten vor ihm: „Platz für den Tao-tai!“ pufften nach vorn und seitlich, immer in Sätzen auf die Nächststehenden zufahrend. Er trug ein grobes Sacktuch statt eines Obergewands; auf dem glattrasierten Schädel hatte er ein Stückchen Kürbis liegen, das den Mandarinenknopf vertrat. Schnitt unheimliche Gesichter, schritt lächerlich großartig hinter seinen Läufern her, setzte sich unversehens auf eine niedrige Holzbank, die er aus einem Stapel herauszog, und ritt auf ihr Galopp, stieß schrille Rufe aus. Eine Anzahl andere Männer suchten hinter ihm seinen Schritt nachzuahmen; sie konnten aber vor Lachen nicht Haltung bewahren, torkelten; bis der reitende Tao-tai sich auf seiner Bank umdrehte und mit einem Säbelhieb einen von ihnen so zu sagen umbrachte. Die ganze Gesellschaft schüttelte sich; auch der weise Alte war auf einen Prunkschrank gekrochen und grinste herunter. Der Niedergeworfene faßte den Tao-tai bei den Schultern, schlug auf ihn ein; die Nachbarn beteiligten sich vergnügt am Dreinschlagen; der Reiter wehrte sich, kroch zur brüllenden Freude der Zuschauer unter seine Bank, die sie umwarfen, ihn mit den Füßen stießen. Der Alte schrie von seinem Schrank herunter; sie sollten ihn zur Wut bringen. Man zerteilte sich langsam, als sich der Reiter aufrichtete und an der Wand vor sich hinblickte; man klopfte ihm auf die Schulter. Die Vertrauensmänner der Ausschüsse berieten in einer Ecke des dumpfen Speichers. Die Versammlung schien aufgelöst. In Einzelgruppen wurden Reden gehalten. An die Vorstandsgruppe im Saalwinkel liefen Männer, baten um Feststellung, wer hier sei; welche Gilden vertreten seien, wer sprechen würde. Sie erhielten zur Antwort, daß man warten müsse; es würde bald Bescheid ergehen. Das „Wang-lun muß kommen“ hatte sich der ganzen Gesellschaft mitgeteilt. Das goldene Wort „Ming“ tönte aus vielen Gruppen. Das Getöse nahm ab, als die Vertrauensmänner mit Ngoh sich erhoben, sich durch die Gänge drängten, der alte Lehrer auf die Leiter stieg. Der Ernst schlug durch. Der Alte sprach wie ein Rechner. Wieder wurden die Anklagen gegen den Kaiser, die Mandarine, die Soldaten auf die Versammlung losgelassen. Die Wahrhaft Schwachen seien Vertreter, Kinder des Volkes; entstammten einer Bewegung, die nur in einer Zeit der Unterdrückung möglich sei; das Unglück sei ihr Schicksal. Und hier blühe die Weiße Wasserlilie. Der Schrecken der Fremdherrschaft, die Niedrigkeit der Mandarinen vereinigte sie, und so hätte auch das Komitee in Schan-tung geurteilt. Es sei beschlossen worden, füreinander einzustehen, und den Beschluß des Poschan-Komitees anzunehmen. Man müsse das Land von den Mandschus befreien und die lügnerischen, betrügerischen Beamten ausrotten. „Die Mings!“ riefen zwei, drei Stimmen aus der Versammlung. Das Gesicht des Alten verklärte sich; ja, diese Zeit der Mings müsse man wieder vorbereiten; wie die Wahrhaft Schwachen nach dem Westlichen Paradiese suchten, so müßten die Freunde der Weißen Wasserlilie und des Wang-lun gleichermaßen das Zeitalter der goldenen Mings erstreben. Kummervoll bewegte er den Kopf: man würde noch warten müssen, bis Wang-lun selbst käme, noch eine, zwei Wochen. Bis dahin könnte manches Unglück sich ereignen. Aber ihnen verbliebe Ngoh, und es sei sicher, daß in Pe-king selber Kaiserliche Truppen sich ihnen anschließen würden.

Die Gruppen gemauert. Der Alte war von der Leiter gestiegen. „Keine Beschlüsse fassen?“ scholl über ihn. Die Theaterlampen brannten noch. Die Namen „Wang-lun“ und „Ming“ klingelten. Die Masse lockerte sich. Man schob sich in Abteilungen durch die Türen, auf den grundlosen fließenden Tempelhof, auf eine unbelebte Seitenstraße, auf den verregneten Park, der zum Tempel gehörte. Manche blieben in dem Speicher, knallten Fenster auf, rollten sich auf die weichen Ballen und schnarchten.

Wang lief nach einem kleinen Dorf bei Ho-kien, das fast nur seine Anhänger und Freunde der Wasserlilie beherbergte. In einer knappen Woche stand er mit achthundert leidlich gerüsteten Soldaten hinter dem Ort. Schwere Erregungen, leidenschaftliche Auseinandersetzungen mit seinen Anhängern, die sich an anderen Stellen wiederholten, waren der Einstellung Wahrhaft Schwacher als Soldaten vorausgegangen. Die Verwandlung der friedlichsten Menschen — denn hier war man durch keinen Übergriff direkt gereizt worden — in eine Schar todspendender und todgewillter Krieger vollzog sich unter Schmerzen. Ohne kaiserlichen Truppen zu begegnen, rückte Wang-lun auf Ho-kien zu. Und vier Wochen, nachdem die Gelbe Glocke Ngoh aufgesucht hatte, drei Wochen nach der Versammlung im Pfandhaus, warf sich Wang mit seinen Soldaten gegen die Stadtmauern; Torwachen, Polizisten wurden niedergemacht; die Besatzung der Regierungsarmeen erst eingeschlossen, dann mit Pfeilschüssen über die Mauern gejagt; die Beamten mitleidlos der Volkswut preisgegeben. Die große Stadt war schrankenlos Wang-lun zugefallen. Die Menschen jubelten auf den Straßen. Wie eine klirrende Schar Bestien waren Wang-luns Soldaten eingebrochen: bissig unter der Vergewaltigung ihrer Seelen, jetzt wirklich rachedürstig. Der Sieg bedeutete ihnen nichts; sie mußten fort und alles verrichten, zu nichts weiter, um wieder ruhige Bettler, stille Handwerker und Arbeiter zu werden. Chao-hoei konnte aufatmen; der Rauch verzog sich; die nackten, sägenden Flammen brachen hervor.

Auf dem Hof des geschlossenen Magistratsjamens saßen am Morgen nach der Einnahme der Stadt Wang-lun und Ngoh. Sie saßen in einem Holzverschlag, den die Bittsteller aufzusuchen hatten. Das Treiben der Straßen rumorte, Freudenschüsse, Gongschläge der Umzüge. Wang, im grauen, hängenden Kittel ohne Gürtel, den breiten Strohteller auf dem Kopf, schlug die Beine übereinander; seine Stimme hatte einen militärisch hellen, scharfen Klang angenommen. Wenn er lachte, so ratterte und kolkste es brusttief wie das Wiehern aus einem Pferd. Er blickte sicher, gerade, rechts, links, forschend, kontrollierend und äußerte sich willkürlich, erweckte den Eindruck, als ob er auf eine verdeckte Art befehle, entschiede, Aufklärung gebe. Er betrachtete Ngoh gutmütig: „Bist du noch schlecht gelaunt von damals da drüben?“ Ngoh antwortete mit einem schwarzen Blick von unten, strich sein einfaches Obergewand: „Gewesen, Wang.“ — „Ist auch recht, Ngoh. Es war ein etwas kaltes Bad für mich, was du mir damals brachtest, von Ma-noh. Hab’s zuerst nicht gut vertragen.“ Und dabei bellte er so laut, frei, ungeniert, daß es Ngoh eben an das Gelächter Wangs mit der Dirne unter dem Torweg erinnerte. „Holter polter den Berg runter, durch den Schnee; mein Gelber Springer mitten dabei, vergnügt. Hätte mir zwischendurch die Hand abgeschnitten. Ngoh, was waren das für Zeiten!“

„Mag sein, tolle Zeiten. Wang, ich habe mich wenig verändert seit den tollen Zeiten.“

„Tausend Li Entfernung, Hia-ho, Kormoranjagden beruhigen. Was hast du? Ngoh!“

„Trauer, Wang-lun.“

„Das seh ich.“

„Nun also.“