Die Gelbe Glocke hatte die Raschheit und den Umfang des schon errungenen Erfolges nicht erwartet; aber es war innerhalb der Roten Stadt und außerhalb alles von ihm vorbereitet. Er verlangte begierig, mit Wang-lun zusammenzutreffen; Ngoh empfand wieder die große schlichte Sicherheit, die der Offizier ausströmte, deren Ungebrochenheit noch Wangs zu übertreffen schien.
Ngoh erfuhr aus dem Bericht der Gelben Glocke, mit welcher Berechnung er sich der Leute bedient hatte. Da war die Frage der Öffnung der beiden Westtore der Purpurstadt schwierig gewesen; die beiden hier wachthabenden Offiziere, selbst einer kaiserlichen Nebenlinie entstammend, konnten mit den revolutionären Plänen in keinem Fall vertraut gemacht werden. Die Gelbe Glocke hatte beide Soldaten über ihre Liebe zu Weibern stolpern lassen.
Es hatte sich ihm nämlich ein außerordentlich kluges und schönes Fräulein aus dem Hause eines Richters genähert, der ihm verwandtschaftlich nahe stand. Das unverlobte Mädchen ließ dem schweigenden, stets ernsten Offizier in nicht hergebrachter Art Briefe und Bücher durch ihre Dienerin überreichen, bei ihren Ausfahrten mit der Dienerin wußte sie, die sonst die größte Zurückhaltung beobachtete, es einzurichten, daß ihre Sänfte in die Nähe des Jamen der Gelben Glocke kam, dem auch dies nicht entging. Das Fräulein, die Enkelin jenes Richters, war nach dem Tode ihrer Eltern von ihm zu höchster Sittenstrenge, zu einer eisigen Kälte erzogen worden. Da der einsame Beamte wünschte, die Enkelin bei sich zu behalten zu seiner Pflege, hatte er ihr von früh auf eine tiefe Abneigung gegen junge Männer eingeflößt. Er ließ sie sorgfältig unterrichten, hielt sie aber auch von Altersgenossinnen fern, so daß sie aufblühend zu einer aparten Schönheit nur Bediente des Hauses und fünf, sechs Herren und Damen kannte. Sie lächelte eitel, wenn sie mit ihren Puppen und Tieren spielte, lebte ganz in Musik, in Büchern, in der Ehrfurcht vor ihrem Großvater.
Die Gelbe Glocke, von dem alten Beamten oft empfangen, und ihr begegnend, setzte sie in Verwirrung. Eine intensivere Beschäftigung mit den Puppen, eine leidenschaftliche Vertiefung in philosophische Literatur folgte. Unaufgefordert dankte sie oft ihrem Großvater für die gute Erziehung. Es wechselten die Neigung zur Einsamkeit und zu weiten Ausflügen; sie führte einen unverhohlenen Stolz spazieren; sie blickte hinter ihren Schleiern und Tüchern aus der Sänfte auf andere Damen und fühlte ein Gemisch von Abscheu, Haß und Spott. Sich selbst betete sie an, ja in dem kleinen Silberspiegel, den ihre Mutter zurückgelassen hatte, schaute sie sich mit Entzücken und fieberhafter Erregtheit an; sie streichelte ihr Haar, küßte sich im Spiegel, ja sie warb um sich, erhörte sich, lehnte sich ab. Sie führte Wiedersehens- und Abschiedsszenen vor dem Spiegel auf, bei denen sie in heftiges Schluchzen ausbrach, so daß ihre Dienerinnen davon dem Richter mitteilten, dem sie erzählte, sie trauere um die tote Mutter, die ihr manchmal erschiene. Der alte Herr schüttelte dazu den Kopf, sprach von einer absurden Mädchenschrulle und veranlaßte die Dienerinnen, oft mit ihr Boot zu fahren, ins Grüne zu gehen, die Theater zu besuchen.
Sehr widerstrebend ließ sie sich zu solcher größeren Lebendigkeit bringen; aber sie entwickelte bald auf ihren Ausflügen ein derart unterhaltsames Wesen, daß die Dienerinnen dem Richter die freudigsten Berichte machen konnten. Das Fräulein übte eine sehr spitze Zunge; sie mokierte sich über all und jedes und äußerte sich in einer Form, so daß die Begleiterinnen nicht aus dem Lachen herauskamen. Sonderbar war, wie fein das junge Mädchen den Dienerinnen ihre grobe Ausdrucksweise abhorchte, wie sie auch auf den Spaziergängen mit besonderem Behagen die primitiven Äußerungen des Volkes am Wege beobachtete und aufnahm, ihre witzigen bissigen Reden mit so gefundenen vulgären Derbheiten untermischte. Vor dem Großvater schwieg sie von solchen Dingen oder verteidigte eine ihr gelegentlich entfahrene Wendung, so daß er sich den Bart strich und lachte. Sie küßte sich nach der Heimkehr von den Ausflügen vergnügt und herzhaft im Spiegel ab; es geschah aber dabei, daß sie sich bespöttelte, verrückt schalt, tiefsinnig überlegte, wie merkwürdig Menschen sein können. Sie sann halbe Stunden lang vor sich hin und trauerte nun wirklich plötzlich um ihre Mutter, die eine ruhige gute Frau gewesen sein mußte. Sie geriet in den Drang, von der längst toten Frau zu erfahren. Sie erforschte einiges über sie bei dem Großvater; als der aber nur Banales und nichts Günstiges erzählte, belästigte sie ihn nicht wieder damit, war beleidigt und verehrte ihre Mutter heimlich um so andächtiger. Unter diesem Gefühl nahm sie eine gemessenere Haltung an, witzelte auf den Ausflügen von oben herab, wiegte sich in elegischen und pathetischen Empfindungen.
Um diese Zeit wurde die Gelbe Glocke wieder öfter Gast im Hause des Richters. Das Fräulein nahm mit einem gewissen Mißtrauen gegen ihn an manchen Unterhaltungen teil. Er sprach nicht viel, immer in seiner gewählten Höflichkeit; wenig Notiz nahm er von der jungen Dame; denn die schöne Liang-li aus Schön-ting war tot und er war ohne sie.
Da drang eines Tages nach einem Besuche das Fräulein stürmisch auf den Richter ein, verlangte, die Gelbe Glocke in Zukunft abzuweisen, er sei schamlos zu ihr gewesen. Auf die erstaunte Frage des Mandarins, wo und wann und womit, antwortete sie eben, bei dem Besuch, durch seine ganze Art. Die Gelbe Glocke tue bloß traurig und streng; der Mann sei hinterlistig, so viel Menschenkenntnis hätte sie schon; er suche sich durch sein Auftreten in besonderes Licht zu stellen; sie empfände dies Verhalten als frech und wolle ihn nicht mehr sehen. Der Mandarin wies sie energisch zurück, freilich freute er sich innerlich, weil seine Enkeltochter so große Abneigung gegen Männer offenbare, und lud die Gelbe Glocke nur noch in Abwesenheit des Fräuleins zu sich.
Als diese aber sah, daß sie ihren Willen durchgesetzt hatte, fand sie ihren Groll auf die Gelbe Glocke nicht nachlassen, stellte es in Gesprächen mit ihren Dienerinnen so dar, als ob er sich vor ihr geflüchtet hätte — aus einem Grunde, den sie nicht angab; und kam bei ihren Ausflügen auf den Gedanken, ihm nachzustellen, ihn durchzuziehen und ihr Mütchen an ihm zu kühlen. Die Vorstellung: ihn durchzuziehen war in ihr besonders lebendig, wobei sie sich die Gelbe Glocke vorstellte als einen Aal, den sie mit der Hand am Kopfe faßte und rasch über einen sumpfigen Boden zog. Sie erzählte einmal, der Offizier hätte ihre Mutter beleidigt; man solle es ihr glauben; sie würde ihn dafür hassen.
Die mannigfachen mädchenhaften, oft boshaften Scherze, die die Gelbe Glocke nun jetzt von ihr erfahren mußte, berührten ihn wenig. Er hätte nicht gedacht, wie wenig Sorgfalt der alte Mandarin auf die Erziehung seiner Enkeltochter legte. Erst als die Spitzen manche Feinheit erkennen ließen, er Bücher über vorgeschriebene Gesellschaftsformen empfing, ihm zugleich auffiel, daß das Fräulein sich nicht mehr an den Empfängen beteiligte, wurde er nachdenklicher. Dies war die Zeit, wo er sich mit Ngoh zum erstenmal über den Beginn der Rebellion unterhielt und in der Umgebung der Hauptstadt Maßnahmen traf.
Die Späße des sonderbaren Mädchens reizten und beschäftigten ihn. Er konnte nicht leugnen, daß er, inmitten der gefährlichen Vorbereitungen, mit einer gewissen Teilnahme ihre Sprünge verfolgte. Er pflegte seine Mahlzeiten, da er unverheiratet war und keiner Pe-kinger Sippe angehörte, an wechselnden Orten einzunehmen, in städtischen Restaurants, bei schöner Witterung auf den Blumenbooten, in Wohnungen befreundeter Offiziere. Das Treiben der Besucher öffentlicher Lokale, die spielerischen und zweideutigen Unterhaltungen mit den bedienenden Mädchen, stießen ihn ab.