Eines Tages bemerkte er in einem eleganten öffentlichen Restaurant die besondere Lebhaftigkeit der Gäste, das helle Lachen und Schwatzen, erblickte drei neue Dienerinnen, erkannte zu seinem Schreck die junge Enkeltochter des Richters, die seit Wochen geschwiegen hatte, und ihre beiden Begleiterinnen. Sie tat, als sähe sie ihn nicht, bediente ihn nicht und dann aus dem Schwarm der kokettierenden Herren zu ihm hinspringend, fragte sie ihn barsch nach seinen Wünschen, mit einem wilden Blick über ihn fahrend. Er bestellte seinen Wein; sie schickte ihm Kanne und Tasse durch eine Dienerin, schäkerte weiter mit einer Gewandtheit, als wenn sie täglich den Umgang junger Elegants genieße, verabschiedete sich aber plötzlich nervös von den verblüfften Herren, denen der Wirt erklärte, daß sie nur gelegentlich zur Aushilfe einspringe.
Die Gelbe Glocke, schwermütiger als sonst, kehrte noch zweimal an den nächsten Mittagen hier ein. Am zweiten Tage setzte er sich allein in einen abgeteilten Winkel des Restaurants, sie stolzierte; er bestellte Wein für sich und eine Dame. Sie blieb starr am Tisch stehen, beugte sich über die Platte zu ihm herüber, fragte noch einmal: „Eine Dame?“ Dann halb ohnmächtig, während ihre Augen erloschen: „Pfui, pfui“. Und wollte zu ihrer Sänfte stürzen, zu Hause ihre Wut und Scham auswürgen, ihren Spiegel zerschmettern und reuevoll sich vor den Großvater hinwerfen. Aber die Gelbe Glocke hielt den Ärmel ihres grünen Obergewandes; sie zitterte, weinte, sank hilfewimmernd, bittend, ihr nichts zu tun, auf die Bank neben ihm, wo er längere Zeit freundlich und sanft zu ihr sprach; ihr fein bemaltes Gesicht lag auf der hölzernen weinbefleckten Tischplatte.
Sie ging schließlich, sich mühsam schleppend, gebrochen hinaus, mit schlaffen leeren Gesichtszügen.
In dem Restaurant traf der Offizier sie nicht mehr. Öftere Besuche bei dem Richter waren erfolglos; sie zeigte sich nicht. Die Empfindung der Gerührtheit über das kapriziöse kleine Wesen bedrückte ihn; die geheimen kriegerischen Vorbereitungen ließen alles zurücktreten.
Und mitten, während er in der schwierigsten Arbeit der Gewinnung neuer Offiziere stand, erschien sie auf der Bildfläche mit höhnischen Briefchen. Seine erste Verstimmung über diese unerwartete Art der Annäherung überwand er. Als ihre Sänfte sich in der Nähe seines Jamens zeigte, ritt er heran, ging, abgesessen, grüßend und plaudernd neben der jungen Dame, die sich drin auf den Polstern witzelnd und lachend rekelte, dabei ihn dauernd scharf beobachtete. Die Gelbe Glocke steckte schließlich den Kopf hinter den roten Vorhang, flüsterte, indem er die Zurückprallende ernst anblickte, er müsse sie unbedingt und eilig sprechen; er hätte sie um Hilfe zu bitten; es handle sich um eine Sache von der größten Wichtigkeit für ihn.
Bei dem heimlichen Besuch, den sie bei Anbruch der Nacht in seinem Jamen machte in Begleitung ihrer Dienerinnen, erklärte er ihr ohne Umschweif seine revolutionären Pläne, zeigte seine Kartenskizzen, den Gang der Operationen. Das Fräulein, mit großem Ernst folgend, tat sachgemäße Fragen. Er entwickelte ihr die Schwierigkeit des Eintritts in die Rote Stadt durch die Tore von Westen; und man könne nur durch diese Tore eindringen, weil der Eintritt durch die östlichen und südlichen Tore eine Umzinglung der gesamten Purpurstadt nötig mache, was eine Zersplitterung der nicht sehr zahlreichen Mannschaften zur Folge habe. Auf die beiden Wachtoffiziere kommend, erzählte er mit Vorsicht von deren Eigenheiten, der Unmöglichkeit, sie in die Revolutionspläne einzuweihen; bemerkte nebenbei, wie eitle Gesellen das wären, Schürzenjäger schlimmster Sorte. Das Fräulein, nachsinnend, lächelte bald, und er nahm ihr Lächeln auf, und so brachen beide in vergnügtes Lachen aus, sie schmetternd, er weich unter Dämpfung.
Aber es gab dann eine große Pause, wo sie mit tränenden Augen auf ihrem Stuhl saß, nicht antwortete und nur bat, sie hier sitzen zu lassen. Der Offizier ging von Wand zu Tisch, von Tisch zu Wand, machte sich Vorwürfe über seine Roheit, nahm entschlossen die Papiere weg, erklärte ihr leise, er hätte sie nicht kränken wollen, dies alles solle nicht geredet sein. Das Fräulein stand ernst auf, lehnte solch Mißverstehen ihrer begreiflichen Ermüdung ab; sie fühle sich übermäßig geehrt durch sein Vertrauen, dessen sie sich wert zu erweisen hoffe; fragte wieder nüchtern nach Einzelheiten, nach den Wahrhaft Schwachen, Wang-lun, sagte, sie wolle sich noch morgen einen Plan aushecken und ließ den unruhigen Offizier, der nicht mit sich fertig wurde, allein.
Und schon am nächsten Tage begegnete er wieder ihrer Sänfte. Sie prunkte in einem reichen, mit Fasanen bestickten blauen Kleid, Bänder aus grüner Seide fielen von den Schultern und aus dem Gürtel; auf dem klugen Kopf erhob sich das helmförmig getürmte schwarze Haar. Ihre Augen trauerten ihn an; sie wolle ihm beweisen, daß sie auch anderes leisten könne als zynische Briefe schreiben. Es gelang ihr in der Tat, in wenigen Tagen das Entzücken der beiden Offiziere zu gewinnen. Einmal war sie Tänzerin, das anderemal verlassene Ehefrau; das Fräulein hielt die beiden verliebten Gesellen völlig in der Hand.
Nachdem Ngoh von der Gelben Glocke über den Stand der Vorbereitungen orientiert war, Pläne über die gemeinsame Besetzung Pe-kings ausgetauscht waren, gaben sie ihre Spaziergänge unter den Fichten des schimmernden Begräbnisplatzes auf. Ngoh riefen Eilboten zurück. Die Heere der Weißen Wasserlilie und Wahrhaft Schwachen setzten sich in Bewegung.
Glühende Hitze in den nördlichen Provinzen, als sich die rachegeschwellten Massen der Rebellen gegen Pe-king anwälzten. Die Dürre verbreitete Entsetzen. Auf ihrem Wege begegneten sie Prozessionen von Bauern, die aus den Dörfern ins Freie zogen, um Regen zu erbitten. Vor den kleinen Bauerntrupps lief ein Mensch, der einen grünen Helm bis über den Schädel gestülpt hatte, ein grünes Holzschild auf dem Rücken trug. Von Zeit zu Zeit machten alle Halt auf den graubepuderten Feldern. Der kostümierte Mann, der den Regengott darstellte, stützte sich wie erwischt auf zwei kolbige Stäbe, ähnlich den Fühlhörnern einer Schnecke. Und nun überfielen die Wütenden ihn, berieselten ihn mit Wasser aus Gießkannen, mit Jauche, schlugen auf das krachende Schild mit Flegeln und Mistgabeln. Manche solcher Bauernhaufen zogen direkt von der Prozession in den Aufruhr, sie gaben dem Kaiser die Schuld für die schwere Dürre.