„So ist das eure Sache, Kia-king. Prinzessinnen haben sich um die Verteidigung der Roten Stadt keine Gedanken zu machen. Die Dynastie liegt auf meinen Schultern.“

Knallte das Fenster zu: „Schließ die Vorhänge, Kia-king. Hitze schlägt herein. Das Lärmen ist langweilig. Erzähl mir von deinen Pfauen.“

Kia-king blickte ihn fragend an.

„Wieviel hast du jetzt? Hat sich dein Wärter bemüht, Zuchttiere vom Wang von Turfan zu bekommen? Ich habe sechs außerordentliche.“

Kia-king schwieg. Der Kaiser deklamierte gleichmütig mit strafferer Haltung auf den Polstern: „Du interessierst dich nicht für Pfauen? Oder jetzt nicht? Das ist unrecht. Tiere und Bücher sind gleichmäßig gut; sie wechseln nicht. Die draußen werden schon aufhören zu schießen. Die großen Bewegungen werden am ehesten matt. Das ist eine rechte Bewegung, dieser Mingaufstand. Mach dir keine Sorgen, Kia-king.“

Der alte Herrscher ging mit etwas steifen Knien im Zimmer hin und her. An einem Tisch, der mit Bogen und Büchern bedeckt war, griff er nach einem Buch, blätterte; seine Stirnfalten stellten sich auf; sein viel verrunzeltes Gesicht nahm rasch einen vertieften Ausdruck an.

Lesend setzte er sich wieder an das Fenster: „Ja, es ist so. So ist es. Wie gut, daß es Bücher gibt, die ich selbst geschrieben habe. Ich kann mich vergleichen, suchen, finden. Ich möchte hin nach Mukden. Wie schön ist es; ich hab es so beschrieben wie ein Jüngling, der sich die Reize seiner Geliebten aufzählt; die Berge, die Forsten, die zahllosen Fische in den Flüssen, der Ta-ling-ho. Die Jagden; ja Tai-tsung sagte: ‚Gehen wir kämpfen! Das ist die einzige Erholung der Mandschus; unsere Gebirge geben uns eine neue Art Feinde; die Jagd muß uns ein Bild des Krieges geben.‘“ Er las weiter; Kia-king leise erhob sich, tastete sich zum Ausgang. Khien-lung rief ihn an, er lächelte: „Bleib bei dem alten Mann. Er beruhigt dich vielleicht. Geh nicht zu den Frauen, sonst verlierst du die Haltung.“ Kia-king kauerte hin; der Kaiser betrachtete ihn lächelnd.

Während Kia-king beim Kaiser saß und ihn von neuem vergeblich zu einer Heranziehung starker Garden nach der Purpurstadt zu veranlassen suchte, kalt hingehalten und bespöttelt von Khien-lung, herrschte Unruhe zwischen den Palästen. Das ungewohnte Gemisch von Eunuchen und Soldaten wogte an den Mauern durcheinander. Die Eunuchen zählten die Soldaten, verstopften sich die Ohren bei jedem neuen Jubelschrei aus der brennenden Chinesenstadt, liefen in das Innere der Stadt, um den ängstlichen Damen und Würdenträgern, die sich hatten einschließen lassen, zu berichten. Viele der aufgeschwemmten Eunuchen saßen beieinander, angstvollen Herzens, schwerbewaffnet unter Helmen, Schwertern, Schilden. Manche der älteren Würdenträger trugen die seidene Schnur oder die feinen Goldplättchen bei sich, um den leichten Tod zu sterben. Hie und da lief ein gutgelaunter Soldat mit einem lebenden schwarzen Hahn unter dem Arm herum, zeigte den schreienden Vogel den rennenden Eunuchen mit der Tröstung, sie sollten unbesorgt sein; er würde von dem Kammblut dieses dreijährigen Tieres opfern, um ihre Seelen auf dem Grabweg zu stärken; was sie ihm dafür im voraus bezahlten? Gegen Abend vor Anbruch der Dunkelheit trug man Khien-lung an die Mauerstraßen der Purpurstadt; er inspizierte hier eine Stunde lang die Verteilung der Mannschaften und die Besetzung der Torwachen. In einer grausamen Ruhe bewegte er sich. Für die Nacht war Kia-king zum Kaiser befohlen. Fast weinend und außer sich flehte der Prinz, aufs rascheste mehr Truppen in die Palaststadt zu werfen. Khien-lung wurde ungeduldig und bemerkte, man dürfe sich nicht vor dem Schicksal verstecken, wenn es komme, um die Reine Dynastie aufzusuchen. Ob der Prinz daran zweifle, daß die Mingphantasten sich die Stirne einrennen müßten, müßten! Und dann quälte er Kia-king mit der Aufzählung der Mannschaften, die so gering waren.

Wie erwartet begann mitten in der Nacht der Angriff der entfesselten Rebellen auf die Tataren- und Rote Stadt. Es schien keinerlei Ordnung in diesem Angriff zu liegen; zu gleicher Zeit hallten die Sturmschreie vor den beiden Nordtoren, den Toren Te-cheng und An-ting, und vor den drei südlichen Schun-tschi, Ha-ta und Tschien, das das Einfallstor der großen Kaiserstraße war. Der Elan des rebellischen Sturms war außerordentlich. Brechen der Tore, Niederschlagen und Verdrängen der Torwachen beanspruchte ziemlich kurze Zeit. Auf das anfängliche Zurückweichen der Mandschutruppen folgte hartnäckiges und erbittertes Festsetzen in Straßen, Kasernen. Überflutend, ertränkend drangen über Haufen der Gefallenen Rebellenschwärme durch die angelweiten Tore der Südstadt. Die Massen untermischten sich mit Händlern, Kaufleuten des Chinesenviertels, die rasch dem siegreichen Mingbanner folgten.

Die kurzbeinigen plumpschultrigen Mandschusoldaten schlugen sich mit den riesigen Bauern der nördlichen Ebene, die Rache für die Dürre heischten, in Kasernenfenster kaltblütig einstiegen, mit wetzenden Dengeln, zischenden Dreschflegeln, von irgendwoher erschossen wurden. Die gesonderten Gruppen der Brüder und Schwestern spieen Tod und würgten ihn herunter.