Das blendende Weißrot des Feuermeers im Osten der Tatarenstadt trug in das Bild die Durchschneidung der Helligkeiten und schwerer Schatten ein. Das nördliche neue Kornmagazin loderte. Von dem Funkenregen wurde das südlicher gelegene unermeßliche Reislager befruchtet und gedieh in Minuten zu einer im Wind tosenden flammenden Riesenmohnblüte. Unter diesen feierlichen Lichtern wühlten die zuckenden Massen ineinander. Groteskes Zappeln, Verrenken, Armschwingen, Hüpfen von Silhouetten, gespensterhaftes Rennen über verschattete Kasernenhöfe und Gassen. Schwirren, Platzen, Prasseln in überhitzter Luft von allen Seiten, überschüttend die herkömmlichen Geräusche des Frage- und Antwortspiels zwischen dem Tod und dem menschlichen Leben.

Über eine Doppelstunde rang man, dann kollerten Mandschus und Rebellen in die stinkenden nördlichen Gräben vor der Purpurstadt, die kohlschwarz bewegungslos hinter ihren Mauern wartete.

Die abweisende Starre, in der sie lag, löste sich in dem Augenblick, als Böllerschüsse vom oberen Nordtor krachten, und als das grelle Licht des Feuers nicht mehr die Wipfel der Thujen und Zypressen erhellte, sondern nach Minuten des Schweigens dieser Schein hinkroch zwischen den angeprallten Stämmen über den Boden, dicht, nah zwischen den Treibhäusern des nördlichen Blumengartens wanderte. Die Rebellen hatten das obere Nordtor gebrochen. Sie ergossen ihre verzerrten Gebärden, den Gestank der Gräben und Gassen in die strenge Kaiserstadt.

Die Karrees der sicheren Garde finsterten hier. Leere Frauenpavillons bebten unter dem Gestampf der feindlichen Zerstörer. Das kleine östliche Schatzhaus wurde erbrochen; hier spritzten die Silberbarren, Truhen, Seidenstoffe die Treppen herunter, die Vasen zerscherbelten ihre gewölbten Bäuche.

Eingekeilt zwischen der Nordmauer und einer Querwand, welche die kaiserlichen Wohnungen beschützte, bissen sich die Gegner ineinander fest. Aus der brennenden Tatarenstadt drang keiner in den vollgestopften Raum. Kampftolle Weiber erstickten im Torweg.

In die Garden riß voran Wang-lun klaffende Löcher. Er stöhnte, mit seinem langen Schwert um sich wuchtend. Er arbeitete fast nackt in einer halben Bewußtlosigkeit, ohne Gefühl seiner automatisch gehobenen und hämmernden Arme. Von Zeit zu Zeit drängte er sprengend nach hinten, stand, den Kopf nach vorn gesenkt, schweißträufelnd, beweglos wie ein Bronzestier, in einer Menschenwoge, die er zerteilte, die Augen blutunterlaufen, die Hände dick wie in Handschuhen, das Gesicht verschwollen unter einer Lehmmaske. Dann bogen sich die Scharniere der eisernen Knie, Schultern und Ellenbogen keilten die Massen auseinander. Der Gelbe Springer blitzte, mischte Blut mit Blut in dem Mörser des kaiserlichen Blumengartens.

Ngoh, blutübergossen nicht weit von ihm, bohrte mit dem kurzen zweischneidigen Schwert, zerschmetterte die vorragenden Spießlanzen. Ritze neben Ritze hieb er in die weiche lebende Mauer, die Körper sprudelten.

Von der Palastmauer flatterten die schlanken Schmetterlinge, die Pfeile über die Rebellen, setzten sich auf gähnende Wangen, Schultern, Hälse; schmückten Taumelnde, Leerlächelnde.

Während in der Tatarenstadt über den weiten Plätzen die Kehlen tobten, klang zwischen den beiden Mauern nur gelegentlich ein geller Ruf. In dieser wenig von Licht zerfetzten Finsternis pfauchte, ratterte, stampfte eine Maschine. Zähne malmten. Die Karrees der Garden schmolzen. Das Einfallstor in die verbotene Stadt mußte bald frei sein. Ein Winseln erhob sich unter den Verteidigern. Da flogen die kaiserlichen Soldaten seitlich auseinander, der Pfeilregen von der Mauer hörte auf. Aus der inneren Stadt fegte donnerklatschend ein frisches Regiment durch das Tor, spießte sich in die prallen Rebellenhaufen, die barsten.

Jäh wich in der Tatarenstadt das Jubeln zurück vor dem durchdringenden Pfeifen der Mandschureiter, dem bodenschwingenden Trappeln von Pferden. Der zehntausendfache Wehe- und Wutschrei zwischen den beiden Mauern. Schrittweises Zurückkeuchen hinter Pyramiden von Leichen. Das obere Nordtor preßte die Fliehenden zusammen und zermanschte sie. Die Kaiserstadt erbrach die Rebellen. Die Gräber rollten sie kopfüber herunter. In die Tatarenstadt geschoben wurden sie den Hufen der braunen Pferde preisgegeben. Von zwei Seiten gefaßt posaunten sie Todesschreie zum Himmel. Stirn und Rücken zerfleischten die krummen Mandschusäbel.