Bei einem Bonzen in dem schmierigen Tempelchen einer kindergewährenden Kuan-yin lungerte er ein paar Tage; er fühlte sich gönnerisch in die bescheidenen Betrugsmanöver dieses pulverbereitenden harmlosen Geizhalses hinein, dann flanierte er mit falschem, grauen Bart herum, schäkerte mit Kindern, denen er spannende und drollige Geschichten erzählte. Nur gelegentlich sprach er bei den Freunden vor, um Neuigkeiten von der Reorganisation des Heeres zu hören. Er gurgelte seine Pfeife stundenlang auf einer sonnenbeschienenen Veranda eines Restaurants, in seinem Dahinbrüten vermißte er nur das Bauernmädchen, das im Lager geblieben war. Am Meer nördlich der Anlegestelle lagerte er sich in den steinigen Sand. An manchen Morgen blickte ihn die See giftig an aus gelben lehmigen Augen, spie klumpigen Schleim aus, murrte. Dann wieder war ihr Aussehen wechselnd zwischen grauschwarz und purpur, von einer kaiserlichen Pracht. Unter dem frischen Wind stolzierten lange Wellenzüge, Karosserien mit blitzendem Geschirr an das Gestade. Die Ruhe des händerieselnden Sandes. Hier eine Mulde, da eine Düne. Auftauchen und Hinschwanken der Segel. Anklimmen großer Dschunken die Kugel des Meeres herauf über die verschwebende Horizontlinie. Hun-kang-tsun lag südöstlich. Kleine schläfrige Augen machte Wang-lun, wand seinen Zopf auf.

Am zehnten Tage nach dem Erscheinen der Räuber im Hause des Generals verlautete, die Hochzeit der Tochter mit ihrem Verlobten, dem jungen Juen-ching, wäre vorbereitet. In dieser Nacht erwachte die Braut, weckte Mutter und Dienerinnen, die in demselben Zimmer schliefen. Auffahrend im Dunkeln hörten auch sie auf dem Gang draußen sonderbares Scharren und Rumoren. Geraume Zeit wagten die Frauen sich nicht zu bewegen. Als das Geräusch fortdauerte, stieß Hai-tang ein Fenster auf, gellte Angst in den hinteren Hof, wo die Bewachung schlief. Fast im Nu flogen die Fackeln über die dunkle Fläche her, das Haus scholl. Hai-tang lüftete die Türe und wich zurück. In dem hellen Fackellicht stand ein breiter Tisch vor der Tür, der aus dem Empfangssaale geholt sein mußte; die verblüfften Köpfe der Männer steckten sich zusammen über dem feinen Zepter aus Gold, den silbernen Ringen, den beiden Beutelchen aus Seide, dem Kästchen der gedoppelten Glückszeichen. Ein Scharren tönte ganz nah; die Männer leuchteten unter den Tisch; da schnatterten in einem Holzkäfig zwei rotbemalte Gänse und schlugen mit den Flügeln, vom Licht geblendet, gegen die Leisten. Über Nacht hatte jemand heimlich Brautgeschenke ins Haus gebracht; die schwarze an der Wand stehende Fahne mit den Mingzeichen sagte, wer.

Die Diener erschraken nicht weniger als Hai-tang, die man dann ohnmächtig in ihr Zimmer trug. Ihr Schluchzen und das Jammern der Tochter erfüllten die Frauengemächer bis zum Morgen, wo sie sich ankleiden und schmücken mußten für den Hochzeitstag. Chao-hoei fragte nicht, als die Soldaten und Diener in der Nacht zurückkamen vom Durchsuchen des Geländes in der Nachbarschaft; er wußte schon, daß sich nichts finden würde.

Die besten Astrologen der Stadt hatten sich widersprochen in der Festsetzung des Termins, ja in der Frage, ob die Ehe dieser beiden zu billigen sei; von fünf Astrologen fanden drei Tag, Stunde gut für die Verbindung, ein vierter las aus den acht Schriftzeichen von Geburtsjahr, Monatstag, Stunde der Verlobten das zweifelhafte Ehebündnis dritter Klasse; der fünfte warnte dringend vor dem geplanten Termine; die Verlobten gehörten zwar zu den harmonischen Elementen Metall und Wasser; aber die Hochzeit erfordere einen Monat unter den Zeichen des Pferdes oder der Ratte, nicht in dem verhängnisvollen Hundemonat. Die schreckliche Ehe der fünf Dämonen müsse er berechnen.

Eine nebelverschleierte Sonne beleuchtete den Hochzeitstag. Von dem hinteren Balkon des Hauses Chaos hing reglos eine Fahne aus roter Seide herunter, bestickt mit den Charakteren: „Drachen und Phönix verkünden Glück.“ Die Ehrendame, eine ältliche Verwandte Hai-tangs, ärmelloses Gewand und roter Schleier, bestieg am Nachmittag die einfache Sänfte; man trug sie durch die Straßen, die eine größere Unruhe als sonst zeigten, weil Fischer soeben berichtet hatten, daß ein Truppenkontingent aus vereinigten Provinzialsoldaten Tschi-lis und Schan-tungs kaum eine Tagereise hinter der Stadt stünde und in der Belagererarmee große Bewegung herrsche. Im Hof der Sung-Familie war ein Zelt errichtet; drin speisten die Herren; die Ehrendame im Hause weihte mit dem Duft von neun Räucherkerzen den rotseidenen Brautschleier, füllte eine Vase mit Hirse, Weizen, Bohnen, richtete das Brautbett. Unter dem Schall der Pauken, Trompeten und Gongs legte ein Kind vier Äpfel auf die Ecken des Bettes, schützte das Zimmer mit zwei Stückchen Holzkohle auf der Schwelle. Schon glitt die Dame wieder hinaus, bestieg den Maultierkarren, gelangte im Geleit von Vorreitern, Weghütern und Treibern weit vom Magnolienhügel im schweigenden starren Hause des Zolldirektors Chao-sin, eines Vetters des Generals, an.

Hierhin hatte man in der grauen Frühe die Braut und ihre Angehörigen getragen, um die Hochzeit in Heimlichkeit zu begehen. In der Sänfte flehte Hai-tang den General an, die Hochzeit einen Tag zu verschieben nach dieser grausigen Nacht. Aber Chao-hoei sagte mit drohenden Augen: „Nein.“ Hai-tang wußte, wie schwer sie ihm schon die Heimlichkeit der Hochzeit abgerungen hatte, schwieg, wand die Hände.

Die zarte Nai stand vor ihrer Mutter, ein goldenes Wunder, bewegte sich nicht in der überirdischen Kostbarkeit, die Hai-tang über sie gehäuft hatte, purpurnes Hochzeitskleid mit den weiten Ärmeln, metallblitzendes Diadem auf dem hochgetürmten Haar; die blauen Orchideen blühten auf den Ärmeln, das zauberische Einhorn lief über die vorquellenden blaugrünen Untergewänder, zwei Enten schwammen einträchtig über einen Teich; hell zwitscherte der aufstrebende Phönix. Hai-tang herzte die Hände ihrer Tochter, die aus ängstlichen Augen blickte; sie spielte lachend mit dem duftenden Brautschleier, den die Ehrendame ihr gab; sie plauderte, sang der Tochter das Lied vor, das sie neulich aus dem Garten gehört hatte. Da näherte sich Musik; die acht Herren, die die Braut holen sollten, fuhren vor. Laternenträger, Schilderträger, Musikanten voraus; sie trugen lustige grüne Röcke mit roten Tupfen und flache Filzhüte. Viele Kinder sprangen auf dem Hof herum; sie sperrten mutwillig vor den Herren das Tor; die klopften, warfen ihnen Geldmünzen hinein, bis das Tor sich unter dem Kreischen und Jauchzen der Kinder öffnete und die Musikanten eindrangen. Chao-hoei hatte die Überwachung des Zuges in eigene Hand genommen trotz der Warnung Hai-tangs, die gegen alle militärischen Maßnahmen war. Nachdem er im Empfangssaale des Hauses mit den acht Herren gespeist hatte, ging er hinüber in die Frauengemächer, in denen die Braut Abschied von ihrer Mutter nahm, mit zuckendem Gesicht, fliegenden Lippen herumtrippelte und nicht zu weinen wagte. Teppiche waren über die Stufen des Hauses in den Hof gelegt; auf dünnen Sohlen rauschte die kindliche Braut neben ihrem Vater, der die kaiserliche gelbe Ehrenjacke mit der Perlenkette trug; die Pfauenfeder schwankte an der Mütze; in schwarzseidenen Stiefeln trat er auf. Vor den Stufen umschlang er seine Tochter, trug sie auf den Armen herunter in die geschlossene rote Sänfte; das Kind sah ihn demütig an. Ein Trompetensignal; die Sänftenträger in blauen Jacken, gelben Hosen hoben an, langsam schritten sie vorwärts; der Zug formierte sich und die helle Musik klang im Echo von dem stolzen Hause nieder, das düster über die abendliche Stadt blitzte. Chao-hoei folgte getrennt vom Brautzug in geschlossener Sänfte.

Zunehmendes Gewimmel in den Straßen. Dreißig Soldaten, zehn Berittene, die Leibwache des Generals, eskortierten ihn mit Hellebarden. Es wurde dunkler, während man sich über die Straßen schlängelte, durch die Märkte wühlte. Laternen flammten. Die Trompeten wechselten ab mit dem Flötengesang.

Ohne Zwischenfall erreichte man das rasch aufgesperrte Tor des Juenhauses, an dessen Eingang die festlichen Herren warteten. Aus der Mitte des Hofes stieg weißlicher Rauch: über die glühenden Kohlen hoben die Sänftenträger die feine Braut.

Da, während Diener im Begriff waren die Tore zu schließen, entstand ein Getümmel der zuschauenden Menschenmasse, die stark mit Soldaten gemischt war. Das Gedränge schleuderte ein paar vornstehende Frauen und Männer in den Hofraum hinein. Sie versuchten, in den Haufen zurückzuschlüpfen, wurden, da sie andere stießen, geschlagen. Heftiges Zanken und Kreischen erhob sich am halbdunklen Tor, die Menschen schoben sich, indem sie sich einmischten, in Erregung und Neugier über den Hof. Die Sänftenträger hatten die Braut noch nicht an die Schwelle des Wohnhauses getragen, da überfluteten die sich schlagenden gedrängten Männer den ganzen teppichgeschützten Platz, keilten die Sänfte ein, rissen eine Anzahl der geschmückten, vor der Tür harrenden Herren seitlich fort. In das strömende Durcheinander hieben unter „Platz“rufen Soldaten und Polizisten mit Stöcken und Peitschen. Viele drehten sich um, stolperten über die Teppiche, wurden umgeworfen, glitten unter die Füße der Menge. Ein langer Soldat, der mit seinem Stab blind auf Mützen und Schädel trommelte, wurde von zwei Männern angegriffen. Man wand ihm den Bambus aus der Hand, mit spitzen Fingern stachen ihm einige in die Augen. Auf den dumpfen Schrei: „Mord! Mord!“ bemächtigte sich einer gewissen Zahl der Menschen sinnlose Angst. An mehreren Stellen sowohl der Straße wie des Hofes begannen Soldaten und Bürger zu ringen, sich die Kleider abzureißen. Waffen kamen bei Fischern, Lastträgern, gutgekleideten Spaziergängern zum Vorschein.