Am nächsten Morgen schwangen die siegreichen Belagerer auf dem größten Umfang der Mauer die schwarzen Fahnen, in ihr eigenes Lager marschierte aber die Vorhut der Provinzialarmee ein. Der entscheidende Kampf dieses Tages vollzog sich in den ersten Vormittagsstunden. Die an Zahl schwächeren Aufständischen wurden von den frischen regulären Truppen nach dem härtesten Ringen geworfen. Sie flohen südöstlich, geführt von Wang-lun und der Gelben Glocke.

Am Nachmittag fand ein wenig rühmlicher Kampf zwischen den alten Ilisoldaten, die durch Provinzialmannschaften verstärkt waren und den städtischen Aufrührern statt. Auch die Piraten nahmen an dieser Phase der Schlacht teil, indem sie zunächst die Dschunken der Flüchtigen zum Kentern brachten, dann an Land steigend einen kleinen Teil der verzweifelt Kämpfenden umstellten und gefangen nahmen.

Chao-hoei wurde bei diesem nachmittaglichen Endgefecht von Provinzialsoldaten im zweiten Hof des Juen-Hauses aufgefunden. Er lag in einem Schuppen auf dem Gesicht, mit Quetschwunden beider Arme und Hände, in einer Art Schlummer oder Verwirrtheit. Er kam zu sich. Man trug ihn durch die verwüsteten Straßen in einer Mietssänfte in sein Haus.

Wenige Stunden später brachte man auf grauverdeckter Bahre die Leiche der jungen Nai, die erstickt, dann zur Unkenntlichkeit zertreten war.

Das Kampfgetöse entfernte sich von der Stadt.

Rote Fahnenstangen grub man in die Erde vor Chaos Haus, die totenlockenden Seelenbanner spannte man daran auf. Auf dem Podium des überdachten vorderen Hofes stand der offene Sarg mit der Leiche. Blaue Schuhe, bestickt mit Pflaumenblüte, Kröte, Gans, sahen unter der kostbaren gelben Decke hervor, die das zerschmetterte Gesicht bedeckte. Die Gebetsformeln des Stoffes überschütteten die Tote. Um den Hals unter dem Leichentuch hatte ihr Hai-tang eine goldene Kette mit einem winzigen Glaskrug geschlungen, ein Briefchen in den Krug geschoben; in dem nannte sie den Namen der Liegenden, ihrer Sippe, ihr Alter. Sie beschrieb die Schönheit, Wohlerzogenheit und Unschuld, das Schicksal, das sie erlitten hatte. Die Geister mögen sie herzlich aufnehmen und mögen sich nicht beklagen, daß sie nicht mehr den Boden des mittleren Blumenreiches beträten.

Die weißgekleideten Gäste erschienen am Nachmittag, warfen sich vor dem Libationstisch am Fußende des Sarges dreimal nieder auf die Stirn; Pfeifen schrillten, der Gast spendete den Wein, Paukenschlag, Klirren eines einzelnen Gongs, Stille. Zwei lamaische Priester im gelben Mantel, goldgeschmückte Tiaren auf den Schädeln, sangen Litaneien, Weihbecken schwingend. Vor dem Magnolienhügel verbrannte man abends die schönen papiernen Sänften, den Silberschrein, die Flitterkleider, das Schatzhaus, Lauten und Geigen, die Lieblingsbücher der Braut, damit sie sie über den Nai-ho mitnehmen könnte.

Als der dritte Tag nach dem Tode gekommen war, wo die Seele noch einmal zurückkehrt, hasteten Chao-hoei und Hai-tang lange Stunden unter den Ulmen, lüpften die Ecken, wippten die Äste auseinander, riefen die Entschwundene bei allen Kosenamen, jammerten, schrien, fielen sich in die Arme, klammerten sich lauschend an die Gartenpfoste, liefen stöhnend jedem Vogelruf nach, stiegen auf das Dach des Hauses. Sie solle wiederkommen, die schlimmen Menschen seien fort, ihr Bräutigam erwarte sie. An ihrem Zimmer sei nichts verändert, Bücher und Lauten lägen herum, die Freundinnen weinten und wollten sie wiederhaben; die Feinde seien alle geschlagen und nun zögen sie wieder nach dem sonnigen Hia-ho. Oh die Thujen da, die Ziwitbäume, die Fächerpalmen, wenn sie daran dächte, die weiche warme Luft, und die Bananenstauden. Kein Mosquito würde sie beißen. Boot, kleines buntes Boot sollte sie fahren, wenn sie bei ihrer Mutter bleiben wollte; ja sie könnte bleiben, sie müsse bleiben, sollte nur wiederkommen. Um Hing-hoa stünden sie, Seen voller Rosen, die blühten und dufteten; man wolle wieder fort von hier, kommen, kommen, kommen sollte sie! Zu ihrem Vater! Zu ihrer Mutter! Nai! Ob ihr Seelchen in das Haus kommen wollte, oder unten in den Garten oder wohin? Nai! Nai!

Die Müdigkeit lähmte die Knie; sie tasteten sich in ein Zimmer, sanken auf eine Bank. Wieder rafften sie sich auf, schleppten sich fort, suchten, wehten mit Puppenfähnchen, reckten die Hälse, schrien, schluchzten.

Mit winselnden Pfeifen, monotonen Trommeln zogen am Morgen des Begräbnisses die Knaben vor das stolze Haus; Musik raschelte an den Mauern wie die unsicheren Hände eines schwindsüchtigen Fieberkranken; ein überlauter Gongschlag warf sie immer hin.