Vormittags saß Wang im Magistratsjamen von Tung-chong und hielt Gericht. Die letzten Siege hatten das Heer erfrischt; man lebte im Kriege, man wog Siege und Niederlagen. Glück und Unglück hing an den schwarzen Mingfahnen; mit Zärtlichkeit und Entschlossenheit hielt die Masse des Heeres zu ihnen.
In diesen Tagen bot Wang-lun, sitzend auf dem Ofenbett des Gerichtszimmers im Jamen von Tung-chong, seiner regsamen Umgebung ein vielfach wechselndes Bild von Heiterkeit, Entflammtheit und Entrückung. Man kannte dies Verhalten an ihm schon seit der Pe-kinger Schlacht, nur daß die Auffälligkeiten des Zustandes zunahmen; einige behaupteten sogar, daß er mitten in den Kämpfen den Ernst verliere, Soldaten der Feinde die Mützen abrisse, sie auf seinen Gelben Springer stecke, mit den Angreifern wie eine Katze spiele, unbekümmert um den Stand des Gefechtes. Wie sehr er in die Eigentümlichkeiten des Kriegslebens versank, zeigte auch seine Ungeniertheit im Verkehr mit den Weibern der eroberten Städte. Wang nahm sich, was ihm gefiel, während er strenge Zucht über die Wahrhaft Schwachen übte. Er bat oft einen oder den andern seiner Freunde um Entschuldigung wegen seiner Liederlichkeit; sein Verhalten sei vielleicht lächerlich, aber man solle nicht schlecht davon denken; es solle sich niemand einfallen lassen, schlecht davon zu denken. Er fühle sich eigentlich recht glücklich und zuversichtlich; er hoffe, es werde alles noch besser gehen; längere Gespräche mied er; er mied auch die Unterhaltung mit der Gelben Glocke. Ngoh, der Sou-chong hielt, ekelte und graute vor Wang; sie hatten, abgesehen von den dienstlichen Mitteilungen, keinen Verkehr miteinander. Oft bemühte sich die Gelbe Glocke, Aufklärung von Wang zu bekommen. Als ihm Wang auswich, ging er in schwerer Beklemmung, in heftiger Trauer umher. Er hatte den unklaren Wunsch, Wang zu trösten und vor irgend etwas zu bewahren. Die Besorgnis der Gelben Glocke um Wang war so stark, daß er einige zuverlässige Leute beauftragte, den eigentümlichen Mann zu beobachten und ihm zu berichten; aber er konnte diese peinlichen Berichte nicht anhören und wußte sich in seiner Angst und seinem Mitleid nicht zu helfen.
Einmal brachte man vor Wang in das Jamen einen Räuber, einen zerlumpten, finster blickenden Halunken, der sich als Wahrhaft Schwacher vor Bauern ausgegeben hatte und dann, eingelassen, über die Wehrlosen hergefallen war; vielleicht zehn Fälle schweren Raubs in der nächsten Umgebung Tung-chongs waren ihm nachgewiesen. Wang fragte den starkknochigen, nicht mehr jungen Gesellen, woher er stamme. Der kniete und schwankte viel seitlich, weil man ihn, um Geständnisse zu erzwingen, nachts einige Stunden auf sechs dünnen Kettchen hatte knien lassen. Er seufzte und bat, ihn freizulassen; er sei unschuldig, man habe ihn verwechselt. Dann, den vertieften Blick seines Richters auf sich gerichtet sehend, bat er dringender mit Händeausstrecken, ohne Wangs Fragen zu beantworten. Schließlich sagte er, er sei der Sohn eines Pastetenbäckers aus Tiang-chong; früh wäre er dem weggelaufen, weil er sich nicht für die Bäckerei geeignet hätte, er könne nämlich keine Hitze vertragen, auch jetzt nicht; es sei ein unglückliches Geschick. Und dann log er weiter, bis er schließlich von der Rebellion sprach, wie er mit den Bündlern sympathisiere; er verplapperte sich, indem er angab, daß ihn manche Bauern für einen frommen Bruder gehalten hätten. Er mußte auf den Wunsch des Richters aufstehen und von einem der Häscher geführt in der Halle auf und ab spazieren. Mit schiefen Blicken, oft zusammenknickend, beobachtete der Verbrecher seinen sonderbaren Richter, der ihm unverwandt nachblickte.
So alt wie dieser war Wang auch; dieses Schicksal also hätte er gefunden ohne den und jenen Zwischenfall, ohne Su-koh in Tsi-nan, ohne das Elend auf Nan-ku und anderes. In Tsi-nan ging er herum wie dieser; jetzt schleppte man den Halunken hier; er hätte es vielleicht nicht so dumm gemacht wie der, aber einmal, einmal wären auch ihm die dünnen Kettchen unter die Knie ausgebreitet worden.
„Wenden!“ rief Wang, „weitermarschiert!“
Ein verhungerter Bursche mit Klauen und Armen, wie ein Affe, zahnloses Maul, dürre Waden; er konnte klettern wie er lügen konnte. Sein Bruder, sein Bruder! wie gelogen, so wahr geredet; kein Wahrhaft Schwacher, aber sein Bruder.
Erstaunt besah sich Wang den Mann, sah sich nicht satt an seinen Lumpen, verglich seine eigenen Hände mit denen des Strolches; beobachtete ganz insgeheim den Häscher, ob die etwas merkten und sich auch wunderten, daß er hier oben saß und nicht selber da unten ging. Nein, man merkte nichts. Ob man nicht die Rollen vertauschen sollte, war der Halunke nicht zu beneiden? Verflucht sollten Su-koh und Nan-ku und alles sein, daß sie ihn bezwungen, weggerissen von seinem Wege hätten. Wer solch großes Maul haben und so scheel blicken könnte!
Nachdem der Verbrecher mehrmals vor dem Ofenbett auf und ab geschleift war, ließ Wang den Glücklichen, ununterbrochen sich Verneigenden ohne Strafe ins Gefängnis zurückschaffen.
Bei Einbruch der Dunkelheit schlich Wang in den Gefängnishof, wies die Aufseher beiseite, setzte sich neben den grinsenden Mann, der an den Füßen gekettet freudig seinen Gast umhüpfte. Statt ihn auszufragen, fing der Richter im Gaunerkauderwelsch mit ihm zu flüstern an, so daß der Gefangene erst stumm, erschreckt zurückwich, dann vergnügt einfiel, denn er wußte schon, wie gemischte Elemente zu den Wahrhaft Schwachen strömten. Der Gefangene erzählte witzige Geschichten von den singenden Brüdern und gar den aberdummen Schwestern, die die unglaublichsten Tiere seien; sie faßten zusammen einen Plan zu fliehen, den einen jungen Aufseher zu bestehlen und zunächst draußen den Bauern einen Denkzettel zu geben, die den Verbrecher festgenommen hätten. Der Gauner kam ins Schwatzen und Wang hörte zu; sie schlugen sich flüsternd die Schenkel. Sie mußten sich beiseite setzen, die andern Gefangenen kamen angehüpft und wollten an der Unterhaltung teilnehmen. Als Wang die zudringlichen Fratzen der Männer sah, die verstümmelten Nasen, Ohren, wurde er rasch stiller. Er hörte über das hastige Geplapper seines Nachbarn weg, starrte die grausigen, lachenden, struppigen Köpfe an. Beängstigt stand er auf, gab dem Verbrecher ein paar gute Worte, ging auf die Straße. Ihm fror der Magen; seine Därme stiegen ihm zum Zwerchfell. Durch die morastigen Straßen, in denen selten eine Laterne vor einem Hause brannte, hastete er; kleine Patrouillen liefen an ihm vorbei.
Nicht Verbrecher sein, kein Mord, kein Mord! Wie soll man das ertragen, zu morden! Helfen den andern, verstümmelten, helfen! Ihre Gesichter wieder gutmachen! Nan-ku, widerstreben, nicht widerstreben, das Schicksal besänftigen! O, diese waren schlecht und arm, sie sollten zu ihm kommen; dann brauchten sie nicht auf Ketten knien, nicht in ihrem Kot liegen, nicht die lange Rute dulden. Sein Bruder, seine Brüder, o, so wäre er geworden! Nicht morden, nicht morden!