Er gab am nächsten Morgen Befehl, keinen gefangen zu nehmen, auch die Gefängnisse alle zu entleeren. Wer von Verbrechern, die ergriffen würden in den Städten und der Umgebung, sich bekennen würde zum Wu-wei und gegen die Mandschus kämpfen, sollte in den Bund aufgenommen werden. In lebhafter Unruhe herumgehend schickte er mittags zu der Gelben Glocke, der eilig kam.

Wang erwartete den graubärtigen Offizier vor der Tür seines Jamens, zog ihn in das Haus, griff wortlos nach seinen Händen, umarmte ihn: „Wäre Ma-noh noch am Leben, würde ich zu ihm schicken; du müßtest dabei sein. Ich will dir bekennen: heute nacht habe ich die armen Verbrecher im Gefängnis besucht, aber ich kann nicht mehr Verbrecher sein. Ich hoffte es noch manchmal, aber es ist ein Irrtum von mir; das sind alte Geschichten, man wird nicht wieder jung. Ich habe sie im Gefängnis gesehen mit den abgeschnittenen Nasen, Ohren; sie haben nach mir gespuckt; o, giftig blicken sie. Du hast das noch nicht gesehen, Gelbe Glocke. Such dir einen aus, sieh ihn dir an, dann wirst du, wirst du mir recht geben, daß diese Menschen schrecklich, schrecklich sind. Ich weiß nicht, wie man schlafen kann, wenn man denkt, daß es so schreckliche Menschen gibt. Und wie ich es selber über mich brachte, einmal zu morden. O, sind dies Unglückliche, lieber Bruder, sind dies Arme; vom Mord laufen sie ins Gefängnis, vom Diebstahl legt man sie an Ketten, schlägt ihre Fußsohlen, schneidet ihnen Stücke Fleisch aus, brennt ihre Ohren ab; und wenn sie dann leben bleiben, dann rauben sie wieder, und sie wissen gar nicht, was man von ihnen will, wie das enden soll, warum alles so sonderbar zugeht: Mandarinen da, und da Kaiser, und da Bauer, und da Verbrecher. Ja wie soll das enden? Ich habe mein Wu-wei beschworen, damit ich mir und ihnen helfe; es sollte dann gut sein; alle auf Nan-ku haben es mir geglaubt und es ging vielen so gut. Ich will doch kein Königreich gründen; stoßen, schlagen könnte ich mich, so vergeßlich bin ich. Für sie und mich ist das Wu-wei gestiftet, und ich will uns untergehen lassen.“

Die Gelbe Glocke nahm Wangs Arm von seinen Schultern; sie hockten zusammen auf eine schmutzige Binsenmatte an der Tür; Wang hob die Arme nach den Wänden: „Die goldenen Buddhas müßten hier stehen, wie bei Ma-noh in der Hütte; die milden Götter sagen alles und nur gutes. Bin ich nicht wieder auf Nan-ku? Ich möchte wieder ganz in Weichheit, in Ruhe auf Nan-ku sein unter den Brüdern.“

Die Gelbe Glocke sprach mit einer zitternden Stimme:

„Hat es sich so gewendet in dir, Wang? Ich habe so um dich gefürchtet. Du konntest uns leicht verloren gehen, dachte ich. Ich dachte es nur. Ich bin ja glücklich für dich und für mich. Was fehlt dir noch?“

„Alles, lieber Bruder. Ich habe dich darum rufen lassen! Was hab ich nun, sag mir, inzwischen getan, seit ich von Nan-ku herunterkam? Ist das gut gewesen? Wie soll ich mein Leben verstehen?“

„Ich weiß es nicht, ich hab nicht alles gesehen, was du getan hast.“

„Das Wu-wei ist gut. Das kann mir niemand entreißen. Ich habe solche Angst um mich, Gelbe Glocke, daß ich den Weg verfehle. Und die Gefangenen sollen alle mit mir kommen, ich muß für sie sorgen.“

Der andere begütigte Wang; er mußte den Mann in der Halle herumführen; das Schicksal des Heeres sei gleich, das Wu-wei würde nicht untergehen.

Als sie wieder auf der Matte saßen, schwieg auch Wang bald, der sich anklagte. Nach einer Pause sagte die Gelbe Glocke leise, aus einer Versunkenheit auftauchend, er wolle seinem Bruder eine Geschichte erzählen.