„In einem Dorf der Provinz Tschi-li soll einmal eine Familie Hia gelebt haben. Hör mir ruhig zu, Wang, es ist eine Geschichte, die dich angeht; sei ruhig, lieber Bruder, ich will dir ganz meine Meinung sagen und dir helfen. Die Frau tat ihre Arbeit auf dem Feld, sie ging mit den Ochsen in der Frühe hinaus und pflügte. Ihren Mann liebte sie. Eines Morgens, bevor sie aufstand, kam aus der Wand ein scharfes Flüstern: ‚Dein Mann trinkt Wein in der Schenke; er hintergeht dich mit deiner Nachbarstochter; er möchte sie zur Nebenfrau.‘ Ihr Mann nahm sie in die Arme, bevor sie aufs Feld ging, und küßte sie; sie faßte ihre beiden Kinder bei den Händen an und sie saßen mit ihr auf dem Feld. Die Ochsen brüllten; die Frau spielte mit den Kindern und ging nicht an den Pflug. Um Mittag wanderte sie mit den Kindern wieder nach Hause; leidenschaftlich herzte sie ihren Mann, sagte, daß sie sich krank fühle. Er mußte sich die Schürze umbinden, den Strohhut aufsetzen und pflügen. Sie setzte sich auf ein verfallenes Grab hinter dem Haus, dachte, wie die Männerliebe von Reisig und Stroh sei, weinte erbärmlich, und sann auf Trost. Mit entschlossener Miene erhob sie sich: ‚Tu mir ein Liebes an,‘ betete sie zu einem Buddha, ‚rette mich.‘

In der finsteren Nacht schlüpfte sie von ihrem Lager herunter, nahm mit Winken der Hände Abschied von dem schlafenden Mann, mit Streicheln von den leise atmenden Kindern, ging in die blaue Nacht hinein, über ein breites Kohlfeld, und hinter einem weiten Brachacker stand ein Berg, in dessen steile Seitenwand die Treppe eingeschnitten war, auf der man in bestimmten Monaten zum Buddha kommen konnte. Es mußten schon andere aus dem Dorf diese Nacht hinaufgestiegen sein, denn während sie kletterte, bemerkte sie frische, erdige Fußtapfen. Ihr graute, weil die Treppe kein Ende nahm und sie fürchtete schwach zu werden. Sie trat und trat; sie holte andere ein; mit einem Mal glitten sie eine kleine Strecke tiefer und wurden dann von einem Schwung höher und höher getragen, ohne die Füße auseinanderzunehmen. Auf der Plattform saß der Gott mit angezogenen Knien auf einem Esel; zwei Männer mit Schirmen, Fächern und Laternen standen hinter ihm, und hielten den Esel beim Zaum, machten freundliche Gesichter. Auch der Gott lächelte; er hatte ein schmalausgezogenes Gesicht mit einem Ziegenbart; die Füße versteckte er in seinem grauen Obergewand. Die Frau stellte sich ganz zuletzt und wartete gesenkten Gesichts. Als die Männer ihr zuwinkten, schlich sie zögernd näher in den Lichtkreis; der Gott legte seine dünne Hand, die wie aus weißer Jade vom Laternenlicht durchschienen wurde, auf ihr Haar und fragte sie, indem er sie aufforderte, den Rücken ihm zuzuwenden und dann zu sprechen. Stockend redete sie, wobei ihr wurde, als ob auch sie aus durchsichtiger Jade war. Sie kehrte sich dem Gott wieder zu; er bückte sich, flüsterte ihr ein sonderbares Wort ins Ohr, sagte leise, nun könne sie wieder nach Hause, es sei gut. Sie legte die Hände vor das Gesicht, stand eine Weile, bis einer der beiden Männer sie an die Treppe führte.

Nun verging ein ganzer Sommer, bis die Frau, die nur manchmal noch aufs Feld ging, sich häufiger abermals auf das Grab setzte, ihre Kinder an sich zog und schließlich am Ende der Ernte wieder nach der Treppe wanderte. Das Steigen tat ihr wohl; ihre Füße schmerzten, das machte ihr Behagen; es schien ihr, als ob sie die ganze Nacht in die Höhe stieg. Sie ging ganz allein; es war nicht der Monat, in dem man den Gott aufsuchen durfte, aber sie sah dem ernsten alten Wächter oben ins Gesicht und verlangte zugelassen zu werden; sie habe ein Recht dazu, das ihr niemand bestreiten dürfe. Er führte sie traurig auf die dunkle, ungeheure Plattform, sagte, der Gott wäre da, sie sollte nur sprechen. Sie schrie sofort, nannte ihren Namen, klagte den Gott an, daß er ihr nicht geholfen habe. Er antwortete von ferne: ‚Was willst du von mir, Frau?‘ Da rief sie: ‚Nicht du hast zu fragen, sondern ich. Ich wollte sterben. Aber du hast mir ein Trostwort gegeben, hast mein Leben verlängert. Was willst du von mir? Darum komme ich zu dir. Ich bin die ganze Nacht gelaufen, um dich dies zu fragen.‘ Hart, ganz in ihrer Nähe fragte die Stimme: ‚Wo hast du deine Kinder? Wer hat dein Hirsefeld im Sommer bestellt?‘ ‚Mir sollst du helfen; meinen Kindern geht es gut; mein Hirsefeld kümmert nur mich.‘ ‚Das Wort hat dir nicht geholfen, weil du widerspenstig warst, Frau.‘ ‚Du hast mich an der Nase herumgeführt im Sommer, du bist ein sauberer Gott.‘ ‚Frau, du hast deinem Mann und dir nicht helfen wollen.‘ Sie brach in Gelächter aus: ‚Und das nennst du noch Trost?‘ Sie sprach kein Wort weiter. Vor einem Runzeln seiner schmalen Stirne, die sich dicht vor ihr aufstellte, schrumpfte sie zusammen, sauste als ein zackiger Stein den Abgrund herunter bis zum Beginn der Treppe, wo sie aufprallend in die Wolken stieg. Sie tauchte zwischen den Sternen unter, schwirrte als ein Meteor mit den Schwärmen heimatlos vor den Wolkentüren. — Hast du mich verstanden, Wang-lun?“

Der saß mit gesenktem Kopf und nickte: „Ich habe einen Wink bekommen und soll ihn annehmen. Ich schlage dem Schicksal nicht ins Gesicht; aber glaube mir, Gelbe Glocke: Entschlüsse helfen dem Menschen nichts, wenn er unruhig ist. Man bezwingt mit Entschlüssen nichts in sich. Es muß alles von selber kommen.“

Er hob plötzlich sein ernstes Gesicht zur Gelben Glocke: „Du freust dich über mich. Und ich freu mich, weil ich heute diesen Wink bekommen habe und weil es mir wieder gut gehen wird. Ich fühle, lieber Bruder, es wird mir wieder gut. Ich fange wieder an Menschen zu lieben. Was für ein Durcheinander habe ich erlebt, jetzt kann ich wieder aufstehen und ruhig gehen und unser Wu-wei auf den Händen tragen.“

„Weh uns, Wang, daß wir es auf den Händen tragen müssen, mit Schwertern, mit Beilen. Weh ihnen, die uns Arme, Gute angreifen.“

„Es soll uns nicht kümmern, lieber Bruder. Sie machen das Wu-wei nicht schlecht. Wir, nur wir gehen den richtigen Weg, der auf den Gipfel der Kaiserherrlichkeit führt. Ich will leben, so lang ich darf unsere gute Lehre verteidigen. Diese Nacht wollte ich euch verlassen mit dem Verbrecher. Ich will diese Nacht nicht vergessen, in der ich zum zweiten Male auf dem Nan-ku-paß gesessen habe.“

Die Gelbe Glocke hielt immer streichelnd Wangs linke Hand: „Dies bist du, so wollte ich dich kennen, so bist du, lieber Bruder. Das Fieber hat dich verlassen. Man kann uns erschlagen; wer kann uns etwas anhaben?“

Sie erhoben sich; auf Wangs Bitte begleitete ihn die Gelbe Glocke durch die Straßen. Als sie eine Stunde gegangen waren, kamen sie an einen niedrig bewachsenen grünen Anger, der von einem seichten Bach durchrieselt wurde. Stämmig und breit schritt Wang-lun aus; es hing sein Gelber Springer an einem Strick um seinen Hals; er baumelte blank über dem blauen, kurzärmeligen Kittel; ein spitzer Strohhut bedeckte seine Stirn, die von einer roten Narbe durchschrägt war; herrische Augen in einem tiefbraunen Gesicht blinzelten gegen die Sonne. Die Gelbe Glocke machte mit langen Beinen weite Schritte; er ging gebückt, grauer Kittel und graue Hosen, auf Strohsandalen wie Wang; eingefallene Schläfen, tiefliegende Augen mit einem schwarzen Strahl, flatternder Bart. Die Lerchen und Finken sangen über ihnen.

Wang zeigte mit dem Finger nach der Mauer, lächelnd: „Nach Nan-ku kommen wir heute nicht.“