Da schleppten die letzten Brüder unten etwas auf den Armen, was lange schwarze Blutspuren hinter sich ließ, andere Brüder jagten zurück in den Wald; auf den Armen neue reglose steife Menschenkörper; sie taumelten mit ihrer furchtbaren Last den Hügel herauf. Es waren die sterbenden und toten Brüder, die sich eben freiwillig geopfert hatten.
Und als sie singend zur Musik im Gedränge ihre grauenvolle todessüchtige Last vor der Sänfte der herrlichen Königin niederlegten, die sich von ihrem Sitz erhoben hatte, als die Musikanten fassungslos ihre Instrumente hinwarfen und sich zu Boden streckten, da konnte sich Ma-noh nicht halten. Laut weinte er auf, öffnete die Fäuste nach dem Hügel, lief den Hang zu der Ebene herunter. Die Brüder und Schwestern erhoben sich von ihren Sitzen, im Nu waren die Sitze, die Fenster, Türen, Dächer der Stadt leer. Man stürmte den Abhang herunter, riß sich um und ließ sich treten, ohne es zu merken. Sie sprengten das eiserne Gitter, in voller Breite hoben sie es aus; losgelassen fluteten die Brüder, Schwestern und Städter über die blutgesättigte Ebene hin zu dem Hügel, den sie unter besinnungslosem Rufen umgaben; wie Ertrinkende zogen sie sich an ihm in die Höhe, wie Ertrinkende, die aus dem Meere noch auftauchen wollten zu dem milden Lächeln der Königin des Westlichen Paradieses.
Dieser erregungsvolle Tag sah an der Nord- und Ostgrenze des kleinen Königtums schwere, folgenreiche Ereignisse: den sieggekrönten Angriff der Provinzialarmee.
In der Nacht flüchteten die Landbewohner nach der Hauptstadt. Bei einem neuerlichen Kampf nach einigen Tagen, zu dem sich die zersprengten königlichen Truppen vor der Stadt stellten, wurden sie vollkommen aufgerieben. Unmittelbar an diese Schlacht schloß sich der Sturm auf die Stadt, welche von Soldaten entblößt war. Die Städter und Bündler wälzten sich aus der brennenden Stadt in regelloser Flucht südwärts; dezimiert kamen sie in einer Zahl von etwa viertausend vor der ummauerten Stadt Yang-chou-fu an.
Den verzweifelten Waffenträgern gelang es, die Torwache zu überrumpeln, die ahnungslose Besatzung von zweihundert Mann niederzumachen und sich eines besonderen Teils der Stadt zu bemächtigen, der innerhalb der Mauern gelegen, durch eine Mauer von der übrigen Stadt abgegrenzt war, das Überbleibsel einer ehemaligen Mongolensiedlung. Hier verbarrikadierte sich der Rest der Geschlagenen.
Das heilige Königreich war verloren. Die Brüder und Schwestern gingen in die eigentliche Stadt herunter, und einem Aufflackern der Sympathien für die Gebrochene Melone verdankten die Eingeschlossenen es, daß sie von der Stadt verproviantiert wurden, wenngleich man ihnen keine Waffenunterstützung zuteil werden ließ und jede Aufnahme in die Häuser der unteren Stadt versagte.
Während die Formationen der Provinzialarmee die weitere Verfolgung aufnahmen und langsam sich um die Stadt Yang-chou-fu konzentrierten, liefen die Boten Wang-luns, die Feigenverkäufer, in die Zelte der Generäle der kämpfenden Truppen. In allen Briefen stand: er sei Wang-lun, der Führer der Wahrhaft Schwachen, welche der neuerlichen Rebellion fernstünden. Er bäte die Generäle für ein zwei Tage ihr Vorgehen zu verzögern und ihn, Wang-lun aus Hun-kang-tsun, zu einer wichtigen Besprechung zu empfangen. Er würde ganz allein kommen. Zur Legitimation würde er in das Zelt der versammelten Generäle sein Schwert schicken, den Gelben Springer, der an seiner Klinge sieben eingelegte Messingscheiben trüge und unterhalb des Knaufes eine Lotosblume aus eingelegtem Silberdraht. Die Generäle zeigten sich die Briefe, rieten herum, worum es sich handele und kamen überein, dem berüchtigten Mann die Unterredung zu gewähren, gleichzeitig aber Vorkehrung zu treffen, ihn für den Fall eines üblen Ansinnens auf dem Heimwege niederzumachen. Am Tage der Unterredung kamen noch rechtzeitig an die Generäle von befreundeter Seite, die sie ins Vertrauen gezogen hatten, Warnungen, sich an dem Mann zu vergreifen und dringendes Zuraten, auf eventuelle Pläne, die er vorbrächte, einzugehen; der Hinweis auf geheime Korporationen, die hinter Wang ständen, verstärkte den Rat.
Die vier Generäle wohnten bei dem Magistrat eines Dorfes vor Yang-chou; im ärmlichen Jamen empfingen sie am Mittag, wie verabredet, das Schwert in einer Feigenkiste, von einem ortsansässigen Händler einem Türhüter überreicht. Eine Stunde drauf meldete der Türhüter, es stünde ein ziemlich zerlumpter Mann draußen in Soldatentracht, der behaupte, seine Visitenkarte vor einer Stunde abgegeben zu haben. Die Generäle, nachdem sie Auftrag erteilt hatten, den Mann auf Waffen zu durchsuchen, ließen ihn herein.
Wang-lun, ein Riese, erschien in seinen dünnen Kleidern, seinen leer herabhängenden Händen noch höher in dem Zimmer, in dem die Generäle wie Richter hinter einem Tische saßen, ohne ihrem Gaste entgegenzukommen. Sein hartgeschnittenes ernstes Gesicht leuchtete einen Augenblick auf; er lehnte am Türpfosten, zog die Türe zu, sagte in einem schlauen Tone: „Dies ist Wang-lun aus Hun-kang-tsun; und Ihr seid die Generäle des Himmelssohns; eins, zwei, drei, vier. Ich begrüße die alten Herren. Es ist sehr weise gedacht, daß sie Wang-lun nicht entgegenkamen; denn schließlich sind die alten Herren Gäste in diesem Land, und Wang-lun bedauert, den alten Herren nicht schon bei ihrem Eintritt in sein Land begegnet zu sein und Ehrfurcht gebracht zu haben.“
„Setz dich neben uns, Wang, laß die Türe frei; wir sind ohne Lauscher.“