„Das mag sich Ma-noh selbst beantworten. Wer einen Baum fällen will, kann dabei erschlagen werden. Ich will vor meinem Lehrer nicht weiter davon reden; ich will von mir erzählen, wenn er es mir erlaubt. Was ich dir sagen will, ist vor mir selbst schon dunkel und entbehrt in mir jedes Gefühls. Du kennst es auch schon. Ich habe auf meiner Wanderschaft von Hun-kang-tsun nach dem westlichen Schan-tung hungern und dürsten müssen, viele Schande ertragen. In Tsi-nan-fu, der großen Stadt, habe ich als Gehilfe des Bonzen Toh betrogen, gestohlen, geschändet. Durch Tschi-li bin ich herumgestoßen worden, auf dem Nan-kupaß hast du mich gesehen, es ging mir nicht gut. Ich habe mich gebeugt, ihr habt mir geschworen: wir wollen dem Schicksal nicht widerstreben; es soll genug damit sein. Zu diesem Ziel war ich für mich gelangt. Viele hatten schon Gleiches erduldet und Gleiches gedacht; ich habe sie zum Entschluß gebracht. Jetzt bin ich zu Ende mit meiner Erzählung. Du hast mit deinem unwissenden Herzen geschworen. Jetzt wo Ma-noh die Hand vor den Augen hält, sieht er nicht mehr so aus, als ob sein Herz nicht schon beinah alles wüßte. Was, Ma-noh, sag mir, wenn du mich einmal lieb hattest, — was soll jetzt geschehen?“

Ma-noh nahm die Hand von den Augen und sah Wang, der ihm näher rückte, lange an.

„Es besteht ein gewisser Unterschied zwischen meinem lieben Freund Wang, als er auf dem Nan-kupaß zu einem Entschlusse kam, und mir.“

„Welcher? Es gibt keinen Unterschied da. Nur den, den ich mir damals sehnlich und mit ganzer Seele gewünscht hatte: daß jemand wie ein Doppelgänger von mir, neben mir stünde und mir alles erleichterte. Ich greife jetzt nach dir. Ich verstehe dich. Ich bin ein weiter Beutel, in den du werfen kannst, was du willst.“

„Ich bedarf keines weiten Beutels.“

„Du bist mein Bruder, Ma-noh. Du, nur du bist mein Bruder geworden. Wenn ich an Su-koh zurückdenke: was ist mir Su-koh gegen das, was ich gegen dich empfinde. Du peitschst mich, du drosselst mich, wenn du dich von mir abwendest. Wo gab es, Bruder Ma-noh, zwei Menschen, die so Ähnliches erlitten haben wie du und ich? Wenn du meiner nicht bedarfst, so bedarf ich deiner, der dich liebt. Du sollst nicht so still vor dich hinbrüten, — o das hab ich auch getan —, du sollst nicht so mit deinen Fingern zucken. Du sollst dich zu mir kehren, Bruder Ma-noh, und mich ansehen. Ich bin der einzige Mensch, der deinen Blick ertragen kann. Ich bin dein Gast, ich will zu dir! Wie soll ich glaubhaft zu dir sprechen? Wie kann ich bewirken, daß du mir vertraust?“

Wang hatte sich auf einen Schemel neben Ma-noh gesetzt, den Arm um Mas Schulter geschlungen. Auch Ma legte seinen Arm über Wangs Schulter und saß unbeweglich. Dann sagte er mit langsamer, unterdrückter Stimme:

„Ich hätte nie gedacht, Bruder, lieber Bruder Wang, daß du mir so wohltun könntest. Laß mich nur einen Augenblick denken. — Ich sagte von dem Unterschied, ja von dem Unterschied. Den muß ich dir erklären. Wenn es dir damals so schlecht ging, so geht es mir offenbar noch schlechter, und du bist doch glücklicher gewesen. Du hattest eine Wahl, du kamst zu einem Entschluß. Ich bin schon jenseits dieses Punktes. Ich habe keine Entschlußmöglichkeit mehr. Mit mir ist schon alles geschehen. Es ist in und um diese Stadt herum schon alles abgelaufen. Es fehlt nur noch eine äußere Bewegung, eine Gebärde, ein Siegel. Etwas Belangloses ist das einzige, was hier noch geschehen kann.“

„Wang-lun hat seinem Bruder noch nicht gesagt, warum er ihn in der Mongolenstadt aufgesucht hat.“

„Du bietest uns Hilfe an.“