Im Laufe von wenigen Monaten vollzog sich in Padrutz ein mächtiger Umschwung. Die Beamten, die das Volk zugrunde gehen sahen, duldeten bedenkenlos mehr, daß Fremde eingelassen wurden.

Insbesondere war die Sehnsucht der alten Padrutzer groß nach ihrer Heimat. Philine schmeichelte zwar, sie möchten zusammenhalten, aber sie mischten sich mehr und mehr unter die Lobensteiner, wurden Gläubiger der lustigen Rheinländer und setzten sich nach und nach in ihre Häuser. An den Herzog Stoffel ließ man nichts verlauten. Er wußte nicht, daß nach einer scharfen Hungersnot viele Stacheldrähte entfernt und die Stinkseen eingetrocknet wurden, daß die Beamten die alten Landstraßen wiederherstellten. Ihn ehrte man nach wie vor mit den fröhlichsten Berichten und feierte seine Erlasse, die zweifellos nach dem Abgang der Kuriere in einen der Seen versenkt wurden, friedlich zu heimlicher Nachtzeit. Die Scheunentore, wie einstmals die alten Padrutzer, wagte man nicht zu behelligen. Was für Fälle man dem Stoffel in dieser Zeit zur Beurteilung und Anweisung unterbreitete, soll an dem Beispiel der fatalen Tür gewiesen werden.

Da hatte man in ein sonst unbrauchbares Häuschen ein altes Männchen hineingesetzt, das dort allein wohnte. Einige Zeit, nachdem die Erregung über den Barbier verklungen war, verfaßte dieses Männchen eine Eingabe an das Padrutzer Amt, daß auch er in einem verhexten Hause wohne. Drei Türen gäbe es hier, alle, soweit er sehen könne, gut gezimmert und in Angeln befindlich, aber keine vermöchte er zu schließen. Soviel man an den Klinken zöge, die

Türen fielen nicht zu, und er sei, soviele Schlosser er auch gefragt habe, nicht mehr imstande, mit privatem Verstand die Sache zu klären und sich vor Zugluft zu schützen. Zwei behördlich ernannte Schreiner wurden angewiesen, die Türen herauszunehmen, alles gut abzumessen, zurecht zu hobeln; ein Schlosser hatte von neuem das Schloß zu kontrollieren. Alles vollzogen, lief eine neue jammernde Eingabe des Greises ein: nichts sei geholfen, die Sache vielmehr erschwert. Bei den Bemühungen, die Türe zu schließen, hätte er sich schon die Füße zerschunden; dick seien sie und verbeult; nur in Filzschuhen könne er noch gehen. Man lud den klagenden Herrn auf das Amt; es erwies sich, daß er tatsächlich in Filzschuhen ging; auch waren seine Füße rot und in einem unschönen Zustand allgemeiner Schwellung. Die Berichte von Schreiner und Schlosser ging man durch, die Türen seien nunmehr vollkommen und fügten sich in den Rahmen wie ein guter Lobensteiner in das Gesetz. Der Schlosser resümierte sich: die drei Schlösser sind tadellos, täten schnappen und schließen, wie man wolle; alles sei freundlich und adrett, daß man seine Freude an dem artigen Ding haben könne. Aber die Füße des Greises sprachen dagegen; er trug nicht ohne Not Filzschuhe. Ein junger Beamter, ein Referendar, wurde damit beauftragt, Pantoffeln und Füße des Greises zu beschreiben, dann die Akten zusammenzubinden

und mit dem nächsten Kurier nach Lobenstein an den Herzog Stoffel zu schicken. Stoffel, im Besitz des Manuskriptes, dachte lange über den Fall nach; der Verdacht der Hexerei war nicht von der Hand zu weisen. Ein Entschluß war eilig zu fassen, da man fürchten mußte, daß dem verdienten Greis die Füße gänzlich abgequetscht wurden. Er schrieb: Die Füße des Greises sind mit Speck einzureiben und nicht zu benutzen, bis sie sich verdünnt haben; das Häuschen schlage oder schieße man ohne viel Aufsehen zusammen. Der alte Mann geriet außer sich, als ihm dieser Entscheid wurde; er weigerte sich, sein Haus zu verlassen, und der gute Speck jammere ihn. So griff die Regierung zu einem Gewaltmittel, um den offenbar Lebensüberdrüssigen zu retten. Sie versteckte eines Abends sechs Mann in dem Häuschen und ebensoviel vor der Tür, alle scharf bewaffnet, um einen eindringenden oder entweichenden Schatten sofort zu stellen; sollte sich nichts ergeben, so wollten sie den Todeswütigen kurzer Hand im Schlaf packen, herausschleppen und das Gebäude anzünden. Als die sechs nun verstreut im Hause herumlagen, sollten sie die Sache in einer überraschenden Weise geklärt sehen. In der Dunkelheit schlurrte der alte weitsichtige Mann an, suchte auf dem Tisch unter Käsetellern, Zeitungsblättern und Kartoffelpellen nach seiner Brille; die fand er nicht, aber einen Teller und mehrere Gabeln warf er herunter,

so daß er mürrisch davon abstand herumzukramen und in dem fast leeren Zimmer ab und auf spazierte; der Greis konnte offenbar nicht den Abstand der Gegenstände richtig schätzen, denn er ging forsch auf nahe Dinge los, auf einen Stuhl, gegen das Bett, auf das Fenster, rannte im Sturmschritt gegen sie an. Mit Bedauern sah die versammelte Mannschaft, wie der verehrte Greis in seinem Ungestüm Beulen und Blessuren davontrug und nach kurzem Ausruhen die Jagd von neuem begann. Nebenan lag eine Kammer. Die Beobachter stellten fest, daß der Interpellant mit einem gewissen Argwohn vor der Tür herumschritt, sich über seine Füße ein Paar ungeheure Wollschuhe zog, die ihm von der Regierung zur Verfügung gestellt waren. Ein kühler feuchter Zug kam herein von nebenan; er schien den Greis zu beschweren. Er wich der Zugluft aus, stellte sich vor die Tür, ging wieder seitlich und rückte abermals an. Man sah, nicht er war der Angreifer. Mit einem Sprung packte er die Türklinke und riß die Tür wie einen Bock bei den Hörnern. Aus den Ecken, unter den Sofas richteten sich blasse Gesichter auf, Gewehrläufe wiesen ihre Mündungen gegen den Kampfplatz. Pappelnd und murmelnd arbeitete der Greis, ein lautes Stöhnen schwang aus seiner Brust; aber wie er zog, die Tür ging nicht zu. Ein Ingrimm schien den alten Mann bei den Schultern zu schütteln; er trommelte und spuckte

gegen die rabiate Tür, er trampelte mit den Füßen gegen die Füllung, und schon hatte er sie wieder bei den Hörnern und zerrte. Aber statt des ersehnten Einschnappens hörte man nur das Jammergeschrei des Geklemmten. Ein Führer der Mannschaft unter dem Sofa vergoß Tränen bei dem Anblick, es war ein klügerer Bauer, den das Unglück der Lobensteiner gewitzigt hatte; er sah wie der Alte sich zwischen Tür und Schwelle klemmte; ja, zwischen Tür und Schwelle stand der altersschwache Lobensteiner Mensch, mühte sich die Türe zu schließen und wunderte sich, daß unten seine armen gepanzerten Füße gequetscht wurden. Neben diesem Führer lag einer, der flüsterte: „Wir müssen ihm die Brille geben; er weiß nicht, wo er steht.“ Der erfahrene lächelte wehmütig: „Die Brille macht’s nicht.“ Er räumte heimlich die Porzellansplitter vor sich weg, gab den andern ein leises Signal, während der gequälte Greis in den höchsten Tönen Zetermordio schrie. Dann schmetterte ein Soldat einen Teller gegen die Wand; in gellender Angst stürzte der Greis, der sich von seinem Quälgeist übermannt glaubte, auf den Boden. Und nun packten ihn die Soldaten, schleppten ihn vor das Häuschen, nagelten rasch die Haustür zu. Die benachrichtigten Nachbarn, hinaustrabend ins Dunkle, fanden den Alten bei halber Besinnung vor seiner Wohnung hingestreckt. Sie fragten ihn, was geschehen wäre; er

jammerte verwirrt, tastete nach seinen Füßen, sie mußten alle seine Füße anfassen und sagen, daß sie noch dran wären. Er wurde von den gutmütigen Leuten, da er nicht zu seinem Sohn ziehen wollte, aufgenommen. Von seinem Wunsch, in dem Teufelshaus zu wohnen, war er geheilt. Die Nachbarn banden ihm seine Brille an einer festen Schnur um den Hals, so konnte er sie nicht verkramen; die Füße heilten sie aus mit Binden und lauem Fencheltee. Dem Herzog Stoffel wurde der erfreuliche Verlauf der Sache mitgeteilt; er war befriedigt, daß in seinen Landen sich nichts Überirdisches und Abnormes ereignete. Aber er sann doch ernst in dem hohen Vortragszimmer vor sich hin: wie rasch das Augenlicht der Menschen abnehme; ob es sich nicht empfehle, schon frühzeitig die Lobensteiner daran zu gewöhnen, eine Brille zu tragen. Freilich; es sehe nicht schön aus: aber man könnte vielleicht für die Füße der Bauern Vorsorge treffen; bei kräftig entwickelten Füßen des Greisen wäre es auf die Stöße der Tür nicht zu Schwellungen und Schmerzen gekommen. Schmerzlich sei ein Hühnerauge nur, wenn es vereinzelt vorkommt; dagegen breit ausgedehnt über die ganze Fläche des Fußes könne es nur wohltuen. Die Minister notierten ehrerbietig die Weisung.

In Padrutz wurde es Winter. Das Land hatte ein anderes Gesicht bekommen, auch das Volk sah anders aus. In Amt und Würden saßen noch die Lobensteiner

Beamten, Registratoren, Oberregistratoren, Kirchenbehörden. Ihre Gaukler aber waren in die weite Welt zerstreut. Bei Fremden taten viele der Auserwählten Dienst, in Häusern, die ihnen selbst einmal gehört hatten, und waren damit zufrieden: denn überall in der Welt, so sagten sie, muß einer befehlen und einer gehorchen. Sonderbar waren manche anzusehen, die als Knechte Dung und Stroh fuhren und dabei nicht von ihren blaugrünen Schärpen ließen, mächtige Uhrketten aus Tombak trugen und allabendlich im Wirtshaus die hohen stolzen Lieder von Lobenstein und dem Stoffel sangen. Die Fremden, teils Böhmaken gewöhnlichen Schlages, teils ehemalige Padrutzer, blieben in der Minderzahl; sie behandelten die Lobensteiner wie große Kinder, aber auch boshaft, mit Ironie und als Ausbeuter. Wo die Fremden konnten, ließen sie die Lobensteiner ihre Dummheit spüren; sie engagierten sich aus ihnen Spaßmacher und Tölpel zur Belustigung der Familien. Darin sahen die Lobensteiner nichts; denn jene gaben ihnen Brot und Arbeit und waren ihre Herren. Die Fremden luden sich von weither, aus Prag und Wien, Gäste ein und zeigten ihnen ihre Tölpel, die großen gehorsamen Deutschen, die mit Bändern und Ringen einhergingen, von ihrem fernen Herzog sangen und die Windel der Kinder wuschen. Sie lockten auf jede Weise die eigentümliche Leichtgläubigkeit der Lobensteiner zutage, und hier ist wieder eine